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Teltow-Fläming Folge 20: Das Zuckerfest
Lokales Teltow-Fläming Folge 20: Das Zuckerfest
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16:43 30.10.2018
Die Yassins auf dem Alexanderplatz in Berlin. Quelle: Anja Meyer
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Ludwigsfelde

Nach mehr als zwei Stunden im Gewusel und im grellen Einkaufscenter-Licht atmet Rabiha Yassin einmal tief durch. Dann bückt sie sich wieder zu den Schuhen, zwischen denen sich ihr Sohn Rabi gerade nicht entscheiden kann. Die blauen? Oder doch lieber die grauen? Aber die waren doch ein bisschen zu groß. Rabiha will Rabi nicht zeigen, dass sie langsam keine Lust mehr hat. Der Tag heute gehört nur ihren Kindern – und die sollen die neuen Klamotten bekommen, die sie sich wünschen.

In dieser Woche ist der Fastenmonat Ramadan zu Ende gegangen. Das Beste kommt zum Schluss: das Fastenbrechfest Id Al-Fitr, auch als Zuckerfest bekannt. Es ist eines der wichtigsten Feste im Islam und hat für Muslime eine ähnliche Relevanz wie Ostern für Christen. Seit Dienstag standen die Kinder bei dem Fest traditionell drei Tage lang im Mittelpunkt – auch wenn sie selbst nicht gefastet haben. Rabi und Hala haben nur am Wochenende mitgefastet, sie wollten es gerne. Zum Fastenbrechfest müssen sie nicht zur Schule gehen, sie werden mit Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten beschenkt. Und sie tragen neue Kleidung.

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Die Kinder brauchen neue Kleidung

Deshalb sind die Yassins mit einer anderen Familie aus dem Ludwigsfelder Heim nach Berlin gefahren. Am Alexanderplatz gibt es ein großes Einkaufscenter, in dem Kleidung günstig ist und trotzdem gut aussieht. Das hat sich im Heim längst herumgesprochen. Rabiha war vor ein paar Wochen schon einmal hier und hat eine Hose für sich gekauft. Natürlich würde sie auch heute gern in die Damenabteilung schauen, aber das ist nicht drin. Hala braucht Shorts und ein T-Shirt, Rabi eine Hose, T-Shirt, Socken und Schuhe und die kleine Meis soll auch nicht leer ausgehen. Für sie will Rabiha Bodies und ein Jäckchen kaufen. Eigentlich kaufe man die neue Kleidung schon vor dem Id Al-Fitr, erzählt Rabiha. „Aber ich hatte während des Fastens einfach keine Kraft dazu.“

Kraft und Nerven, die brauchen jetzt alle fünf. Mohamed wartet mit Meis und anderen Einkaufslustigen auf einem Sofa und versucht, die Kleine von all dem Trubel abzulenken. Währenddessen zieht Rabiha nacheinander mit den beiden Älteren durch die Kleiderregale. Es ist extrem voll, Familien schieben sich durch die Reihen, aus jeder Ecke hört man Arabisch: Die Yassins scheinen nicht die Einzigen zu sein, die das Fastenbrechfest mit einer Shoppingtour durch die Kinderabteilung einleiten. Rabiha hat sogar schon eine Familie getroffen, die sie noch aus der Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt kennt. Die Familie ist in Perleberg untergebracht.

Zur Feier des Tages geht es ins Restaurant

In Ludwigsfelde ist das Einkaufen teurer als in einschlägigen Berliner Geschäften, erzählt Rabiha. Mit dem wenigen Geld, das ihnen als Flüchtlingen zur Verfügung steht, müssen sie gut haushalten. Viele ihrer Klamotten stammen ohnehin aus Kleiderspenden. Aber zu solch einem Fest, da soll es doch schon etwas Neues für die Kinder sein. In Syrien mussten sie nie so aufs Geld achten, sie haben ja gut verdient. Jetzt schaut Rabiha bei jedem T-Shirt genau auf das Preisschild. Zum Glück findet sie alles, was sie braucht.

Alle Folgen der MAZ-Serie

Folge 1: Ein Neuanfang

Folge 2: Privatsphäre

Folge 3: Rabi und Hala in der Schule

Folge 4: Freundliche Menschen

Folge 5: Das Boot

Folge 6: Essen für gute Bekannte

Folge 7: Das Jobangebot

Folge 8: Beim Arzt

Folge 9: Beim Basteln fallen Sprachbarrieren

Folge 10: Der Brief

Folge 11: Vom Gefühl, ein Flüchtling zu sein

Folge 12: Deutsche Sprache, schwere Sprache

Folge 13: Das Leben im Heim

Folge 14: Familie Yassin atmet auf

Folge 15: Zwei Zimmer, Küche, kahle Wand

Folge 16: Integration auf dem Fußballplatz

Folge 17: Ramadan im Flüchtlingsheim

Folge 18: Im EM-Fieber

Folge 19: Innere Sicherheit

Folge 20: Das Zuckerfest

Folge 21: Der steinige Weg zurück in den Beruf

Folge 22: Das jähe Ende einer Eigeninitiative

Folge 23: Schlechte Nachrichten

Folge 24: Auf dem Amt

Folge 25: Papiere, Papiere, Papiere

Folge 26: Ein halbes Jahr im Birkengrund

Folge 27: Rückschläge

Folge 28: Üben mit Frau Hannelore

Folge 29: Neue Perspektiven

Folge 30: Beim Anwalt

Als die Yassins endlich alles beisammen und an der Kasse bezahlt haben, gibt es eine Belohnung: Die Familie macht sich mit der U-Bahn auf den Weg zum Hermannplatz in Neukölln. Dort gibt es ein libanesisches Restaurant mit leckerem Essen. Zur Feier des Tages wird ausnahmsweise mal nicht Zuhause gekocht, sondern es werden arabische Sandwiches wie Falafel und Schawarma draußen gegessen.

Von Anja Meyer

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