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Teltow-Fläming „Denkt selbst“
Lokales Teltow-Fläming „Denkt selbst“
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12:13 19.03.2014
Walter Frankenstein bedankt sich bei Schülerin Laura Schmidt-Kunter für ihre Fragen. Rechts neben dem Zeitzeugen: Historikerin Barbara Schieb.
Walter Frankenstein bedankt sich bei Schülerin Laura Schmidt-Kunter für ihre Fragen. Rechts neben dem Zeitzeugen: Historikerin Barbara Schieb. Quelle: Hartmut F. Reck
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Trebbin

Zwei ungewöhnliche Unterrichtsstunden erlebten am Dienstag die Schüler der Goethe-Oberschule Trebbin in ihrer Aula. Geschichtslehrerin Birgit Holland hatte Walter Frankenstein aus Schweden eingeladen. Der fast 90-jährige Jude hatte mit seiner Frau und ihren beiden kleinen Söhnen die nationalsozialistische Diktatur und die systematische Judenverfolgung in der Illegalität in Berlin überlebt. Später lebte die Familie in Israel und schließlich in Schweden, wo Frankenstein das nachholen konnte, was ihm in Deutschland verwehrt wurde. Er machte sein Abitur und studierte Ingenieurwissenschaften.

Biografisches

Walter Frankenstein, Jahrgang 1924, kam 1936 nach Berlin. Dort besuchte er eine jüdische Schule, weil Juden nicht mehr an regulären Schulen lernen und lehren durften. Erna Samuel war seine Lehrerin. Sie stammte ausTrebbin. Die Oberschüler sorgten dafür, dass für ihren Bruder Günther ein Stolperstein verlegt wird.

Buchtipp: Klaus Hillenbrand: Nicht mit uns – Das Leben von Leonie und Walter Frankenstein, Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, 251 Seiten.

Die Verbindung nach Trebbin hatten Birgit Holland und ihre 10. Klasse im vergangenen Schuljahr entdeckt – bei ihren Nachforschungen zum Leben in Trebbin während der NS-Zeit. Walter Frankenstein hat sich dafür eingesetzt, dass in Berlin eine Straße nach seiner Lehrerin Erna Samuel benannt wird. Ein Umstand, der heutzutage bei den meisten Schülern eher auf Unverständnis stoßen würde, vermutete Lehrerin Birgit Holland. Aber Walter Frankenstein schwärmt geradezu von der aus Trebbin stammenden Erna Samuel, ihrem interessanten Unterricht, ihrer Fürsorge und Zuneigung, die sie ihren Schülern zukommen ließ – bis hin zum letzten Transport jüdischer Schüler nach Auschwitz, den sie begleitete im sicheren Wissen, dass das auch ihren Tod bedeutete.

Walter Frankenstein mit Monika Lenz (Mitte), Enkelin von Günther Samuel, und Geschichtslehrerin Birgit Holland. Quelle: Hartmut F. Reck

Begleitet von der Berliner Historikerin Barbara Schieb, die die Geschichte untergetauchter Juden erforscht, war Frankenstein für zwei Tage Gast der Stadt Trebbin. Er wurde vom Bürgermeister empfangen und besuchte die ständige Ausstellung zur Ahrensdorfer Hachschara-Stätte in der Schule.

Am Dienstag zeigte er sich mit hellwachem Geist den Schülern. Wegen seiner Sehbehinderung („Wenn meine Augen mitmachen würden, könnte ich noch in der schwedischen Fußballnationalmannschaft mitspielen“), verlangte er, dass sich die Schüler neben ihn setzen, wenn sie ihre Fragen stellten. „Keine Angst“, meinte ihre Lehrerin, „der ist ziemlich cool für sein Alter.“ Und das war er tatsächlich, trotz aller Entsetzlichkeiten, die er erleben musste. So dauerte es fast 20 Jahre, bis er sich wieder nach Deutschland traute, aber dann in Berlin doch seine Heimat wiedererkannte. Hier zu sein, falle ihm immer leichter, so Frankenstein, weil es so gut wie keine Täter von damals mehr gebe. Und außerdem wolle er die jungen Menschen immun machen gegen diktatorische Tendenzen und sie dazu auffordern, notfalls gegen den Strom zu schwimmen. „Denkt selbst, dann seid ihr nicht so leicht verführbar“, forderte Walter Frankenstein seine jungen Zuhörer auf.

Von Hartmut F. Reck

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