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Teltow-Fläming Der Denkmalschutz boomt
Lokales Teltow-Fläming Der Denkmalschutz boomt
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16:21 23.01.2018
Die ehemalige Kaserne in Jüterbog II stand lange leer. Jetzt wurde sie zu einer Einrichtung für seniorengerechtes Wohnen umgebaut.
Die ehemalige Kaserne in Jüterbog II stand lange leer. Jetzt wurde sie zu einer Einrichtung für seniorengerechtes Wohnen umgebaut. Quelle: Peter Degener
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Dahmeland-Fläming

Birgit Flügge konnte im vergangenen Jahr mal wieder drei Kreuze in ihren Kalender setzen und ein Objekt von ihrer Liste streichen, das ihr seit Jahren Kopfzerbrechen bereitete. Ein Investor hatte tatsächlich die Infanterieschießschule der früheren Militärstadt Wünsdorf gekauft.

Nach den Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte war das mehr als unwahrscheinlich. Das Objekt galt als kaum zu vermarkten, sagt die Geschäftsführerin der Entwicklungsgesellschaft Wünsdorf/Zerensdorf, die seit den frühen Neunzigerjahren die riesigen Militärliegenschaft vermarktet. Die Schießschule ist nicht nur ein mächtiges Gebäudeensemble, das versteckt und in einer für Wohnlagen ungünstigen Himmelsrichtung steht, es gibt auch zahlreiche Denkmalauflagen für das Objekt und die Freiflächen drumherum.

Großer Druck auf das Umland

Diese Punkte schreckten jeden Kaufinteressenten ab – aber inzwischen lassen sie sich offenbar alle wegwägen. Das Geld ist günstig, der Druck aufs Berliner Umland ist groß, heute lässt sich praktisch alles als Wohngebäude vermarkten, solange es nur dicht genug an der Hauptstadt liegt. Das ist gut für den Denkmalschutz. „Der Boom hat auch uns erfasst“, sagt Rita Mohr de Pérez, Sachgebietsleiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde in Teltow-Fläming.

Sie und ihr Team haben dieser Tage viel zu tun. Es werden Denkmäler gekauft, saniert und innerhalb von Zeiträumen abvermietet, die vor zehn Jahren noch völlig unvorstellbar waren. „Wenn man erlebt, dass es Käufer für Denkmäler gibt, bei denen man eigentlich schon resigniert hatte, dann ist das toll“, sagt Rita Mohr de Pérez.

Ein saniertes Gebäude zieht weitere Investoren an

Die großen Kasernengebäude in der alten Militärstadt Jüterbog II etwa standen ewig leer und verrotteten. Inzwischen ist eine davon zu einer Einrichtung für altersgerechtes Wohnen umgebaut. Das schüre gleich wieder Hoffnung für die nächsten Kasernen, so die Denkmalschützerin. „Wenn ein Gebäude angefasst wird, wird auch das Interesse anderer Investoren wach.“

Noch sensationeller ist die Wiedergeburt des Luckenwalder Heinrichstifts. Der neugotische Ziegelbau ist ein stadtprägendes Ensemble. Es war Ende des 19. Jahrhunderts von einer Luckenwalder Unternehmers-Familie als Altersruhesitz für ihre Fabrikarbeiter gebaut worden. Seit 2001 aber stand es leer und verfiel. Ein Unternehmer aus Süddeutschland kaufte es 2012 und sanierte es. Sehr aufwendig, wie Rita Mohr de Pérez betont. Der Aufwand hat sich offenbar für alle Beteiligten gelohnt. Von den 34 Wohnungen, die in dem Gebäude entstanden sind, sind nur noch drei zu haben.

Es entstehen immer mehr Fördervereine

Der Boom macht sich auch gesellschaftlich bemerkbar. So gründen sich zunehmend Fördervereine, die sich um den Erhalt von Einzeldenkmalen kümmern. „Die Leute sind auf der Suche nach Identität, sie haben Hoffnung und setzen sich für die Wiederherstellung ihrer Stadt ein“, sagt Rita Mohr de Pérez.

Da passt es gut, dass die Fördergeldgeber dank voller Kassen auch mehr Zuschüsse verteilen können. Das Land Brandenburg etwa hat im vorigen Jahr seine Fördertöpfe von 36 auf 39 Millionen Euro aufgestockt. Davon fließt mehr als die Hälfte in den städtebaulichen Denkmalschutz. Das Kulturministerium hat zudem seinen Topf für schwer zu sanierende Denkmäler in den vergangenen beiden Jahren jeweils verdoppelt – das Geld kam 2017 unter anderem zwei Objekten in Luckenwalde zugute.

Dahme-Spreewald hat eigenes Förderprogramm aufgelegt

In Dahme-Spreewald hat der Landkreis ein eigenes Förderprogramm für Denkmalpflege aufgelegt, mit dem im vorigen Jahr neun Privateigentümer, zwei kommunale Eigentümer und zehn Kirchengemeinden gefördert wurden, wie es aus der Unteren Denkmalbehörde heißt. Man könnte aber noch mehr. „Die Nachfrage ist ungebrochen hoch und wird nicht durch die zur Verfügung stehenden Mittel gedeckt.“ Das heißt aber nicht, dass es bald nichts mehr zu sanieren gibt. In Dahme-Spreewald zeigt man sich schon besorgt darüber, dass viele Denkmale, die unmittelbar nach der Wende instand gesetzt wurden, bald schon wieder angefasst werden müssen – entweder, weil die Zeit bereits wieder sichtbare Spuren hinterlassen hat oder aber weil sie umgenutzt werden müssen.

Und zur Not hat Birgit Flügge in Wünsdorf sicher noch das eine oder andere Denkmal auf Lager. Als nächstes wäre theoretisch das alte Haus der Offiziere dran, sagt sie. Ein millionenschwerer Komplex aus sechs Gebäuden mit Theatersaal, Turnhalle, Lenin-Denkmal und Parkanlage. So weit ist der Boom bislang doch noch nicht gediehen.

Von Oliver Fischer