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Teltow-Fläming „Der größte Fehler ist es, nichts zu tun“
Lokales Teltow-Fläming „Der größte Fehler ist es, nichts zu tun“
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19:06 17.02.2014
Für Kinder, die missbraucht werden, ist die unbeschwerte Kindheit vorbei. Viele kämpfen ihr Leben lang mit den Folgen. Quelle: dpa

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie den Fall um den SPD-Politiker Sebastian Edathy?
Maren Ruden: In Deutschland leben acht bis neun Millionen Opfer von Kindesmissbrauch. Darum bin ich erstmal nicht wahnsinnig überrascht, dass so etwas auch in Politiker-Kreisen vorkommt. Ich bin allerdings erschrocken darüber, wie schnell die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Thema abgekommen ist. Es geht nicht um die betroffenen Kinder, sondern um die politische Aufklärung. Da wird aus meiner Sicht das Thema verfehlt.

Maren Ruden Quelle: privat

Wird ein unangenehmes Thema verdrängt?
Ruden: Den Eindruck habe ich, ja. Das Problem ist, wenn es die Politik nicht schafft, das Thema aufzuarbeiten, dann geht es damit auch in der Gesellschaft nicht voran. Dabei müsste sich jede Partei, jede Institution, jeder Verein damit auseinandersetzen: Wie war das bei uns in der Vergangenheit, wie sieht es jetzt aus und was können wir für die Zukunft verbessern? Vielleicht hat ja dieser Fall das Potenzial, ein gesellschaftliches Umdenken einzuleiten.

Sebastian Edathy sagt, er habe nur legale Aufnahmen von Kindern besessen.
Ruden: Auch sogenanntes nicht-indiziertes Material, auf dem Kinder in „natürlichen“ Posen zu sehen sind, verletzen die Würde der Kinder. Die werden unter Vorwand fotografiert und wissen nicht,worum es geht. Aber stellen Sie sich vor, Sie finden später solche Aufnahmen von sich im Internet. Auch das ist eine Form von sexuellem Missbrauch, der Traumata verursacht.

Mit welchen Problemen haben Opfer von sexuellem Missbrauch zu kämpfen?
Ruden: Die Symptome sind verschieden. Oft sind es psychische Störungen wie Gewalt gegen sich selbst, Alkohol- und Drogenmissbrauch bis hin zum Selbstmord. Andere haben Angstzustände, können ihre Wohnung nicht verlassen und keine Partnerschaft oder sozialen Kontakte aufbauen und können oft nicht arbeiten. Bei manchen äußert sich das Trauma auch psychosomatisch, also in Form von körperlichen Schmerzen. Ich selbst litt lange unter Essstörungen und Depressionen.

Sie wurden in Ihrer Jugend im engsten Familienkreis missbraucht. Wann haben Sie die Folgen zum ersten Mal gespürt?
Ruden: Als ich meinen Mann kennenlernte. Ich habe mich ihm offenbart. Er war zuerst sehr erschrocken. Es ist nicht leicht, mit einem Menschen eine Partnerschaft einzugehen, der so einen Hintergrund hat. Aber er hat mir zugehört und sich dem gestellt. Aber wir müssen bis heute ständig im Gespräch bleiben über meine Erlebnisse. Sonst könnte ich jetzt nicht so sachlich darüber sprechen. Aber es ist mir wichtig, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und die Aufmerksamkeit für das Thema zu stärken. Darum engagiere ich mich auch in diesem Bereich.

Wie haben Sie Ihr Trauma überwunden?
Ruden: Die Probleme kommen in Wellen immer wieder, aber mit Hilfe einer langjährigen Therapie habe ich es geschafft, damit umzugehen. Im Moment bin ich sehr stabil, aber es ist nie sicher, ob das ein Leben lang so bleibt. Bei Demenzpatienten, deren Gefühlswelt ja erhalten bleibt, kommen die schlimmen Erfahrungen aus ihrer Kindheit häufig wieder hoch. Die Menschen wollen sich dann nicht anfassen oder waschen lassen. Die Pfleger wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Was raten Sie den Opfern von sexuellem Missbrauch?
Ruden: Manchen hilft es, mit Freunden oder engen Vertrauenspersonen zu sprechen. Aber wenn die Albträume nicht weggehen, das Zähneknirschen und die Rückenschmerzen – dann würde ich auf jeden Fall eine Therapie empfehlen. Das Wichtigste ist, sich nicht zu schämen, sich nicht schwach zu fühlen, das Gefühl der Last und Schuld loszuwerden. Das wird den Opfern ja häufig suggeriert, dass sie selbst schuld seien.

Wie erkenne ich, ob ein Kind in meiner Umgebung sexuell missbraucht wird?
Ruden: Wenn Kinder über etwas reden, muss man das auf jeden Fall ernst nehmen. Aber viele Opfer reden nicht, sondern verschließen sich. Starke Anzeichen sind plötzliche Verhaltensänderungen, oder wenn ein Kind anfängt, sich selbst zu verletzen oder wieder einnässt. Dann sollte man auf jeden Fall den Rat einer Fachberatungsstelle einholen. Selbst wenn sich am Ende herausstellt, dass etwas anderes nicht stimmt: Der größte Fehler ist es, nichts zu tun.

Der Vorwurf des Kindesmissbrauchs bedeutet den gesellschaftlichen Tod. Wie kann man falsche Anschuldigungen verhindern?
Ruden: Blanken Aktionismus halte ich für falsch, man muss mit einem Verdacht nicht gleich zur Polizei gehen. Wenn jemand unschuldig ist, wird man das gemeinsam mit einer Beratungsstelle klären können. Man sollte nicht aus falscher Rücksicht wegschauen. Ein Kind kann sich gegen sexuellen Missbrauch nicht wehren. Die Erwachsenen müssen auf die Kinder aufpassen und einem Verdacht nachgehen.

Beratungsstellen in der Region

In Klein Machnow hat das Sozial-Therapeutische Institut Berlin-Brandenburg (STIBB) seinen Sitz. Dort gibt es auch ein Beratungsangebot zu sexuellem Missbrauch (www.stibbev.de).

In Berlin gibt es zwei Anlaufstellen für Opfer sexueller Gewalt: Der Verein „Wildwasser“ für Mädchen und der Verein „Tauwetter“ für Männer, die als Jungen missbraucht wurden.

Unter der kostenfreien Hotline 0800-22 55 530 ist der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zu erreichen. Sprechzeiten und weitere Infos auf www.bmfsfj.de.

Interview: Martin Küper

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