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Teltow-Fläming Die Optimistin
Lokales Teltow-Fläming Die Optimistin
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10:15 17.09.2013
BarbaraWolff aus Neuenhagen wirbt mit Kulis und Blechkuchen um die Gunst der Wähler. Quelle: Nadine Pensold
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Luckenwalde

Die Zeichen stehen schlecht. Seit den Morgenstunden regnet und nieselt es, der Wind bläst einem um die Ohren. „Schietwetter“, bringt es Barbara Wolff auf den Punkt. Zum Schimpfen hat die Politikerin aber keine Zeit. Sie will die Luckenwalder für sich und das Programm der Freien Wähler begeistern – und zwar auf dem Wochenmarkt. Die roten Haare verstaut die 65-Jährige unter einem Regenhut, dann trägt sie ihre Geheimwaffe zum Wahlkampfstand: Pflaumenkuchen.

Zwei Bleche hat sie am Vorabend gebacken. „Nach dem Rezept meiner Mutter“, berichtet die Neuenhagenerin. Auch Sprühsahne steht parat, Kaffee, Milch und Zucker packt die Rentnerin ebenso sorgfältig auf ihren Tresen. Zwischen Ranunkel und polnischer Knackwurst hat sie sich damit postiert. Beachtung schenkt ihr zunächst niemand. Doch Barbara Wolff fackelt nicht lange und geht auf die Marktbesucher zu. Ihr Lächeln prallt an vielen ab, wie der Regen von den Schirmen perlt. „Freie Wähler? Kenn ich nicht“, wundert sich ein älterer Herr. Ein anderer blökt: „Ich weiß eigentlich schon, was ich wähle, aber es erzählen eh alle das Gleiche.“ Der Nächste: „Nee, danke.“ Dass viele bissig reagieren, betrübt Barbara Wolff nicht. Ihr Lächeln scheint unerschütterlich. „So etwas darf einen nicht runterziehen. Ich bin schon so viele Jahre in der Politik, ich kann alles ab.“

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Das politische Leben der gebürtigen Berlinerin begann gleich nach der Wende. 1990 wurde sie Bürgermeisterin von Zeesen , zwölf Jahre blieb sie im Amt. Für die SPD saß sie in den 1990er Jahren für eine Legislaturperiode im Landtag. Dann brach sie mit den Genossen. 2009 trat sie zur Bürgermeisterwahl in Königs Wusterhausen dem Bürgerbündnis bei – das sich mittlerweile mit den Freien Wählern zusammengeschlossen hat. Nach Erfolgen der Freien Wähler vor allem im Süden der Bundesrepublik – in Bayern sind die Freien Wähler am Wochenende zum zweiten Mal in den Landtag eingezogen – versucht das Wählerbündnis nun erstmals den Sprung in den Bundestag.

Erst Genossin, nun Freie Wählerin

  • Barbara Wolff ist in Berlin geboren. Sie ist ausgebildete Schneiderin und arbeitete bis zur Wende als Kreisstellenleiterin einer Versicherung, Sekretärin und Buchhalterin.
  • 1990 wurde sie zur Bürgermeisterin von Zeesen gewählt. Sie war zwölf Jahre im Amt. 1994 zog sie als Direktkandidatin für den Wahlkreis Dahme-Spreewald I in den Brandenburger Landtag ein. Bald nach Ende der Legislatur brach sie mit der SPD.
  • Dem Bürgerbündnis trat sie 2009 bei, um für das Amt der Bürgermeisterin von Königs Wusterhausen zu kandidieren. Sie erhielt 21,6 Prozent der Stimmen.
  • Mittlerweile hat sich das Bürgerbündnis mit den Freien Wählern zusammengetan. Seit dem Jahr 2011 ist Wolff Vorsitzende der Landesvereinigung . Anfang dieses Jahres wurde sie zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gekürt.

Es ist bereits eine halbe Stunde vergangen, der Wind pfeift über den Platz und bringt Wolffs Wahlplakat ins Trudeln. Vom Kuchen wollte bisher keiner etwas haben. Wenn schon, dann wollen die Passanten lieber einen Kugelschreiber abgreifen. Barbara Wolff verteilt sie gerne, packt gut gelaunt noch einen Flyer dazu. Dann hat endlich einer angebissen: Ein Mann in den Vierzigern interessiert sich für die Ideen der Freien Wähler. Die Politikerin ist in ihrem Element. TV-Duell, Aufbau Ost, Euro-Krise – schnell ist eine Diskussion entfacht. Nebenbei schippt sie ein Stückchen Kuchen auf den Pappteller, aus der Thermoskanne wird Kaffee gepumpt. Weiter geht’s. Jetzt um Schulpolitik. „Wir wollen deutschlandweit das gleiche Schulsystem“, wirbt sie. „Wie in der DDR – nur ohne den sozialistischen Hintergrund“. Der Mann nickt, es folgt ein bisschen Ostalgie, dann geht er mit Ehefrau und Kuchen davon.

Bei der nächsten Dame beißt die 65-Jährige dagegen auf Granit. „Ich geh nicht wählen“, schmettert ihr die Seniorin entgegen. Kurz erstarrt das Dauerlächeln der Kandidatin. Obwohl sie lange in der Politik ist, erschüttert sie diese Aussage noch immer. Früher seien die Leute in der DDR wählen gegangen, weil der erste einen Blumenstrauß bekam, ärgert sie sich. „Heute nehmen sie ihr höchstes demokratisches Recht nicht wahr“, sagt sie tonlos. Dann kehrt ihr Optimismus zurück. „Die Brandenburger sind eben ein Völkchen für sich, sind eher verschlossen.“ Heute liege es wohl am Wetter, vermutet die Kandidatin, mit ihrem Pflaumenkuchen habe sie schließlich stets gut gepunktet.

Es ist ihr mittlerweile fünfter Wahlkampf. Premieren erlebt sie dennoch: Kurz vor 11 Uhr baut sich der Marktleiter vor Barbara Wolff auf. Sie soll gehen. Laut Stadtordnung darf sie während des Markts keine Wahlwerbung machen. Der Schreck im Gesicht der 65-Jährigen ist schnell verflogen. Sofort stapft sie zum Tiefbauamt, um sich eine Standgenehmigung zu holen. 20 Minuten später steht sie samt Tresen auf dem Bürgersteig. „Wenn mir jemand die Tür zuschlägt, dann mache ich sie einfach wieder auf“, sagt sie keck. Dann verteilt sie heißen Kaffee an die Marktfrauen.

Bei den Passanten läuft es weiterhin schleppend, nur wenige wollen mehr über die Freien Wähler erfahren. Ein Herr lässt sich das Wahlprogramm zustecken. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“, sagt Wolff gelassen. Trotz der Schwierigkeiten liebt sie den Straßenwahlkampf. „Man ist ganz nah dran am Bürger.“ Dass sie sich am liebsten auf Märkten herumtreibt, hat einen Grund: „In der Einkaufsmeile hetzen die Leute, auf dem Markt bummeln sie, man kann sie besser ansprechen. Sie haben mehr Zeit.“ Manchmal auch für ein Stück Kuchen.

Von Nadine Pensold

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