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Teltow-Fläming Folge 41: Eine angespannte Zeit
Lokales Teltow-Fläming Folge 41: Eine angespannte Zeit
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17:37 30.10.2018
Rabiha und Mohammed Yassin denken mit gemischten Gefühlen an das bevorstehende Asylverfahren. Quelle: Oliver Fischer
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Ludwigsfelde

Es war irgendwie eine komische Woche für Familie Yassin. Nachdem am Mittwoch vergangener Woche der lange ersehnte Brief ins Haus trudelte, fühlen sich Mohammed und Rabiha ein bisschen wie in Watte gepackt. Das Abschiebeverfahren gegen die Familie ist nach einem halben Jahr des Bangens, des Beweisefindens für ihre erste Ankunft in Deutschland und unzähligen Telefonaten mit ihrem Berliner Anwalt vom Tisch. Die Yassins werden definitiv nicht mehr nach Belgien abgeschoben, so viel steht jetzt fest. Eigentlich ist dies ein Grund zur überschwänglichen Freude.

Gratulationen von allen Seiten

Und natürlich freuen sich die Yassins auch riesig über diesen Bescheid, trotzdem bekommt man fast das Gefühl, dass andere sich noch mehr mit ihnen freuen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Heim. Freunde und Sozialarbeiter gratulierten ihnen dazu, dass das Asylverfahren in Deutschland nun endlich richtig losgehen kann. Und als sie am Wochenende mit den drei Kindern den Ludwigsfelder Weihnachtsmarkt besuchten, wurden sie auch dort von Lesern angesprochen, die die gute Nachricht in der MAZ gelesen hatten. Selbst in Berlin hatte eine Frau die Yassins auf dem Bahnsteig des Zuges in Richtung Ludwigsfelde erkannt und sie angesprochen. Sie verfolge die Serie Woche für Woche und bange mit dem Schicksal der Familie, erzählte sie.

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Es sind diese Momente des Miteinanders, die Rabiha Kraft geben. So viel Solidarität und Mitgefühl von anderen zu spüren, das sei ihr sehr viel wert, sagt sie. Dass sie selbst nun etwas angespannt sei, liege vor allem daran, dass sie sich gedanklich schon auf das demnächst beginnende Asylverfahren einstellt. Und davor haben sie und Mohammed auch etwas Angst. Denn die Zeiten, in denen politisches Asyl für Syrer eine sichere Nummer war, liegen schon einige Monate zurück.

Anhörung vorm Bundesamt in Aussicht

Wie ihr Anwalt Benjamin Düsberg, der den Brief vergangene Woche vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) weiterleitete, erklärt, werden Rabiha und Mohammed sich nun auf eine baldige Anhörung vor Entscheidern des BAMF einstellen müssen. Darin werde es um die genauen Details zu ihren Fluchtgründen und der Fluchtroute gehen. Solch eine Anhörung könne drei bis vier Stunden dauern, danach falle die Entscheidung darüber, ob die Yassins politisches Asyl oder lediglich subsidiären Schutz bekommen. Also wieder bangen und warten.

Umso willkommener war die Ablenkung durch Rabis ersten Geburtstag in Ludwigsfelde. Er ist vergangene Woche 13 Jahre alt geworden, eine große Party mit allen Schulfreunden hat es aber trotzdem nicht gegeben. „Dafür ist die Wohnung einfach zu klein, so viele Leute kann ich hier nicht unterbringen“, sagt Rabiha. Und so haben sie eben in kleiner Runde gefeiert – mit der Familie, mit Adel und zwei jungen, erwachsenen Syrern aus dem Heim am Birkengrund. Es sei ein sehr schöner Nachmittag gewesen, ein Nachmittag mit gut Freunden und leckerem Essen, sagt Rabiha. Ein paar Stunden, in denen sie mal nicht darüber gegrübelt haben, wie es jetzt weitergeht und was da so kurz vor dem Ziel noch alles schiefgehen könnte.

In dem Moment haben Rabiha und Mohammed dann auch wieder gemerkt, dass sie hier trotz widrigster Umstände schon viel erreicht haben. Und dass ihnen das auch die Kraft geben sollte, wieder zuversichtlicher für das zu sein, was kommt. Wenn es denn mal so einfach wäre, die Sorgen auszuschalten.

Die Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und lebt jetzt in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland.

Von Anja Meyer