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Teltow-Fläming Flugmotorenwerk im Bombenhagel
Lokales Teltow-Fläming Flugmotorenwerk im Bombenhagel
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16:50 06.08.2014
Tausende Spreng- und Brandbomben legten am 6.August 1944 das Daimler-Benz-Flugmotorenwerk Genshagen zu großen Teilen in Schutt und Asche, hier die „Mechanische Halle“.
Tausende Spreng- und Brandbomben legten am 6.August 1944 das Daimler-Benz-Flugmotorenwerk Genshagen zu großen Teilen in Schutt und Asche, hier die „Mechanische Halle“. Quelle: Stadtarchiv Ludwigsfelde
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6.August 1944 – im Raum Berlin ein sonniger Sonntag. Ein Kriegssonntag. Wie in den meisten deutschen Rüstungsbetrieben jener Zeit ein Arbeitstag. Auch im Flugmotorenwerk Genshagen. Stimmen die Aufzeichnungen des damaligen Daimler-Benz-Mitarbeiters Friedrich Palm, einem inzwischen verstorbenen Teltower, dann verließ alle zehn Minuten ein Zwölf-Zylinder-Motor das Werk. Gebaut als Antrieb für Jagdflieger, Begleitjäger beziehungsweise Jagdbomber der Typen Messerschmitt 109, 110, 111. Mittags Sirenen – Fliegeralarm. Anders als sonst, wird das Werk nicht vernebelt. Deshalb denken da noch viele der tausenden Menschen, die im Werk arbeiten oder in der Siedlung Ludwigsfelde schichtfrei haben, es wird nicht so schlimm. Doch Stunden später liegen zwei Drittel des damals modernsten Flugmotorenwerkes in Europa in Trümmern. 104 Menschen sind tot. Beigesetzt werden sie am Samstag danach im Ort. Ihren vorerst letzten Weg vom Werksportplatz, dem heutigen Waldstadion, zum Friedhof begleiten Trauernde, ein evangelischer Pfarrer aus Berlin und Johannes Günther, der katholische Pfarrer von Ludwigsfelde.

Ein Blick in die Versandabteilung vor dem Bombenangriff vor 70 Jahren. Quelle: Stadtarchiv Ludwigsfelde

Im Zeichen der Bombenangriffe

In der Kirchenchronik findet sich Günthers Bericht zum Jahr 1944, es stehe „im Zeichen der Bombenangriffe. Gleich in der Nacht zum 2.Januar geht es los. Der Angriff der Briten vernichtet mehrere Straßenzüge im Ort.“ Dann beginnen amerikanische Tagesangriffe. Fast täglich seien das Werk und die Umgebung eingenebelt, „also auch unsere Siedlung“, schreibt Günther. Auch noch am 4. und 5.August. Doch am 6. nicht. Später wird erzählt, es sei keine Nebelsäure mehr da gewesen. Doch damit ist das Werk sichtbar, wird gezielt angegriffen. Die Siedlung daneben bleibt an diesem Tag verschont. Mit Nebel hätte es mehr Opfer gegeben, da sind sich viele sicher.

Das Flugmotorenwerk Genshagen

  • Gegründet wurde das Daimler-Benz-Flugmotorenwerk Genshagen am 24.Januar 1936, das war gleichzeitig Baustart. Am 1.Februar 1937 verließ der erste DB-Motor das Werk. Jahr für Jahr wurde es erweitert und zählte letztlich zu den größten Flugmotorenwerken Europas. Es galt seinerzeit als das modernste.
  • 1942 wurden dort 4920 Flugmotoren produziert und 2936 instandgesetzt. Kurz vor der Bombardierung am 6.August 1944 soll alle zehn Minuten ein Motor das Werk verlassen haben.
  • Hergestellt wurden Motoren für Messerschmitt 109 und Me110 sowie 12-Zylinder-Aggregate der Baureihe DB600. Gebaut wurden Varianten von DB601, 603 und 605, jeder mit 1600 bzw. 2000 PS Leistung.
  • Im April 1943 arbeiteten in dem Werk 15071 Menschen. Davon waren 7493 Deutsche, 4099 Ausländer verschiedener Nationalität, 2721 Ostarbeiter, 758 französische Kriegsgefangene. 1943 kamen italienische Militärinternierte dazu, am 1.Oktober 1944 rund 1100 KZ-Frauen aus Ravensbrück.

Scheinwerk sollte von Produktionsstätte ablenken

Im März 1944 greifen Amerikaner das deutsche Rüstungswerk Steyr an und treffen die Produktionsstätte von Flugmotoren, Wehrmachtswagen und Maschinengewehren stark. So werden die Daimler-Benz-Flugmotorenwerke Berlin-Marienfelde und Genshagen für die Wehrmacht noch wichtiger. Zum Verlagern der hiesigen Kriegsproduktion in Stollen bei Moosbach am Neckar, die geplante Aktion „Goldfisch“, ist es zu spät. Am 6.August ’44 mittags verkündet in Ludwigsfelde die Lautsprecheransage: „Achtung, Achtung, hier spricht der Werkschutzleiter vom Dienst. Brandwachen fertigmachen und auf eingeteilte Plätze gehen.“ Niemand weiß, was kommt. Fliegeralarm, weil Briten oder Amerikaner einen Angriff auf Berlin fliegen? Oder doch eine gezielte Bombardierung? In den kommenden Stunden fallen in Wellen tausende Spreng- und Brandsätze auf das 375 Hektar große Werksgelände. Trichter und Trümmer davon gibt es bis heute. Ein Scheinwerk, das die Bomber von der für die Nazis so wichtigen Produktionsstätte ablenken sollte, „muss es 1936 oder ’37 in der Ahrensdorfer Heide gegeben haben“, sagt Stadtarchiv- und Museumsleiterin Ines Krause. Doch weil sie bis heute keine verlässliche Angabe dazu hat, nur ein undeutliches Foto aus unbekannter Quelle, ist sie vorsichtig mit diesem Scheinwerk.

Eine Luftaufnahme vom März 1945 mit markierten Einschlägen: 1: Waldstadion, 2: Autobahn, 3: Bahnlinie Berlin–Halle, 4: Deutschlandhalle. Quelle: Luftbildstelle Potsdam

Gedenken an die "unschuldigen Opfer"

An diesem 6. August um 10 Uhr gedenkt die Stadt Ludwigsfelde der 104 Toten des Bombenangriffs vor 70 Jahren. 81 von ihnen ruhen in hiesiger Erde – 24 Tschechoslowaken, 22 Deutsche, vier Italiener, zwei Kroaten, 13 aus ehemaligen Sowjetrepubliken, fünf „Häftlinge SS-Kommando“, heißt es in Gräberlisten und Friedhofsbuch. Elf noch immer Unbekannte. 23 Tote waren auf Beschluss der Alliierten Kommandantur Berlin ausgebettet, am 9.Juni 1947 aus Ludwigsfelde abgeholt und in ihre Heimatländer überführt worden; 16 stammten aus Frankreich, vier aus Holland, zwei aus Belgien und ein Toter war „Häftling SS-Kommando“.

Die Ludwigsfelder Stadtarchiv- und Museumsleiterin Ines Krause glaubt, dass bei dem Angriff unschuldige Opfer aus ihrem Dasein gerissen wurden. Quelle: Abromeit

Ines Krause wird in diesen Tagen mehrfach nach dem Bombenangriff gefragt. Sie erzählt, holt Karten von Einschlägen, zeigt Fotos: Spaziergänger in Rangsdorf blicken auf die Qualmsäule des brennenden Werks jenseits der Autobahn, „drei Wochen lang hat der Betrieb gebrannnt“, sagt Krause. Und immer wieder Bilder von Menschen, die Trümmer sortieren. Die sonst so gesprächige Blondine wird ruhig. „Das ist die grausige Seite des Lebens. Und Opfer sind Unschuldige, die aus ihrem Dasein gerissen werden.“

Von Jutta Abromeit

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