Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Folge 14: Die Yassins atmen auf
Lokales Teltow-Fläming Folge 14: Die Yassins atmen auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:32 30.10.2018
Rabi bringt seiner Mutter das Fahrradfahren bei. Quelle: privat
Anzeige
Ludwigsfelde

Als die kleine Meis das frisch aufgetischte Pizzastück direkt vom Teller ihrer Mutter auf den Boden fegt, muss Rabiha nur lachen. Sie gibt ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn und flüstert zärtlich „Habibi“, das arabische Wort für „Mein Liebling“. Kurz danach kommt Rabi in die Küche, er will sich vor dem Fußballspielen unbedingt noch duschen und frisieren. Mohamed ruft ihm noch hinterher, er solle das nicht vor dem Sport machen und sich lieber beeilen. Er wird gleich zum Training abgeholt. Es nützt nichts, Rabi hat seinen eigenen Willen und ist schon im Badezimmer. Mohamed und Rabiha lachen, der alltägliche Familienstress ist das schönste, was ihnen gerade passieren kann. Die Stimmung war schon lange nicht mehr so gelöst im Hause Yassin.

In dieser Woche gab es endlich eine gute Nachricht für die Familie, die seit Wochen befürchtet, ihr neues Zuhause in Ludwigsfelde wieder verlassen zu müssen: Mit ihrem Anwalt hatten die Yassins eine Klage eingelegt – gegen die nach den Dublin-Regeln drohende Abschiebung nach Belgien. Wie ihr Anwalt Benjamin Düsberg erklärt, kann es lange dauern, bis die durch ist. Deshalb hatte er zusätzlich einen Antrag auf „Anordnung der aufschiebenden Wirkung der Klage“ gestellt. Und der wurde jetzt bewilligt.

Anzeige

Alle Folgen der MAZ-Serie

Folge 1: Ein Neuanfang

Folge 2: Privatsphäre

Folge 3: Rabi und Hala in der Schule

Folge 4: Freundliche Menschen

Folge 5: Das Boot

Folge 6: Essen für gute Bekannte

Folge 7: Das Jobangebot

Folge 8: Beim Arzt

Folge 9: Beim Basteln fallen Sprachbarrieren

Folge 10: Der Brief

Folge 11: Vom Gefühl, ein Flüchtling zu sein

Folge 12: Deutsche Sprache, schwere Sprache

Folge 13: Das Leben im Heim

Folge 14: Familie Yassin atmet auf

Folge 15: Zwei Zimmer, Küche, kahle Wand

Folge 16: Integration auf dem Fußballplatz

Folge 17: Ramadan im Flüchtlingsheim

Eine Bescheinigung über die Erstuntersuchung der drei Kinder aus einer nordrhein-westfälischen Notunterkunft habe den entscheidenden Beweis dafür geliefert, dass die Familie tatsächlich zuerst in Deutschland und nicht in Belgien untergebracht war, sagt der Anwalt. Das heißt: Bis über die Klage gegen die Abschiebung nicht entschieden ist, dürfen die Yassins nicht abgeschoben werden.

Der Anwalt sieht das als durch und durch positives Signal. „Das ist so eine Art Vorentscheid“, erklärt Düsberg. „Wenn die Verantwortlichen sich nicht zu mehr als 80 Prozent sicher wären, dass die Klage durchgeht, hätten sie den Antrag nicht bewilligt.“ Bis der Fall endgültig entschieden wird, dauere es wahrscheinlich noch länger als ein Jahr, sagt er.

In dieser Zeit leben die Yassins in einer Art Warteposition. Die meisten ihrer Landsleute erhalten den ersten Aufenthaltstitel binnen Monaten. Das wird bei ihnen länger dauern. In der Zeit dürften sie theoretisch keine Arbeit aufnehmen, geschweige denn eine eigene Wohnung beziehen. Praktisch kann es Ausnahmen geben, damit werden Mohamed und Rabiha sich in naher Zukunft befassen. Jetzt atmen sie erst einmal durch.

„Ich bin so glücklich über die gute Nachricht“, sagt Rabiha. Und wie immer denkt sie dabei zuallererst an ihre Kinder. „Es hätte mir das Herz gebrochen, sie wieder von ihren neuen Freunden, ihrer Schule und dem Sport zu trennen“, sagt sie. Zu oft haben sie das seit der Flucht aus Syrien schon mitmachen müssen. So viel Unsicherheit kann dem menschlichen Urvertrauen auf Dauer schaden, befürchtet die Mutter. Hier in Ludwigsfelde haben sie sich ja schon so gut eingelebt und fühlen sich wohl. Rabiha und Mohamed können sich ein dauerhaftes Leben im Brandenburgischen vorstellen.

Als die Tage so schön sonnig waren, haben die Yassins einen fröhlichen Familienausflug ins Grüne unternommen. Dabei hat Rabi seine Mutter Rabiha das Fahrradfahren beigebracht. Sie konnte es als einzige aus der Familie noch nicht. „Am Anfang war es etwas wackelig, aber dann hat es gut geklappt“, erzählt die 40-Jährige. „Ich habe in Syrien nie ein Fahrrad gebraucht.“ In Ludwigsfelde ist das etwas anderes. Schnell mal zum Kaufland oder zum Arzt, wie sollte das besser funktionieren? Wenn sie bald noch ein eigenes Rad in ihrer Größe hat, wird sie viel mobiler sein.

Sowieso wird jetzt alles besser, sagt Rabiha. Darüber, dass die Klage eventuell doch noch abgelehnt werden könnte, wollen sie und Mohamed jetzt lieber nicht nachdenken. Zu viele Sorgen sind ja nicht gut. Und deshalb machen sie jetzt wieder so weiter, wie vor der Abschiebe-Nachricht: Rabiha lernt bei einer Ehrenamtlerin im Heim Deutsch, Mohamed will einen Kurs in Berlin besuchen und Arbeit finden, Rabi und Hala haben sich in ihren Klassen ohnehin schon bestens integriert.

Info: Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben seit 15 Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie auf ihrem Weg und berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen sind zu finden unter: www.maz-online.de/Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Anja Meyer