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Teltow-Fläming Folge 43: Erinnerungen an Aleppo
Lokales Teltow-Fläming Folge 43: Erinnerungen an Aleppo
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17:39 30.10.2018
Heute erinnert nichts mehr an die Stadt, in der Rabiha zwei Jahre lang studiert hat. Panzer fahren in Aleppo ein. Quelle: AFP
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Ludwigsfelde

Hier irgendwo muss es gewesen sein. Rabiha Yassin scrollt auf ihrem Telefon die Facebook-Einträge der vergangenen Stunden rauf und runter. Sie sucht ein Foto. Es ist ein aktuelles Bild aus Aleppo, zwei Kinder, die einen Bombenangriff überlebt haben. Ihre Eltern sind in den Trümmern gestorben. „Es ist ein schreckliches Bild“, sagt Rabiha. Ihr steigen die Tränen in die Augen, dabei hat sie es noch gar nicht gefunden. Was in Aleppo passiert, ist einfach zum Heulen.

Bilder im Fernsehen, Nachrichten via Facebook

Rabiha sieht täglich neue Bilder aus der Stadt. Jeden Abend, wenn die Kinder im Bett liegen, setzt sie sich noch für ein paar Minuten in die Küche und schaut bei Facebook die Meldungen durch. Es geht immer um Aleppo. Neue Nachrichten, neue Bilder. Die Stadt ist seit vier Jahren immer wieder Schauplatz schwerer Kämpfe und Bombardements, seit Juli ist sie von den Regierungstruppen eingeschlossen. Seit einigen Tagen nehmen die Soldaten von Präsident Assad Straße um Straße ein, sie legen Krankenhäuser und Wohngebäude in Schutt und Asche. Die Eingeschlossenen sind ausgezehrt, ihr Widerstand scheint gebrochen – und damit auch die Hoffnung auf einen Erfolg der Revolution. Auch Rabiha sieht das so. „Das ist alles fürchterlich.“

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Rabiha und Mohammed Yassin Quelle: Oliver Fischer

Fürchterlich sind die Bilder und die Geschichten der Menschen. Die Fotos gehen durch die sozialen Netzwerke, die Geschichten erreichen die Yassins auch auf anderen Wegen. Eine Nachbarin, die im Birkengrund nur eine Treppe tiefer wohnt, hat vor einer Woche ihren Onkel verloren. Er war Apotheker in Aleppo, ein angesehener Mann. Als die Kämpfe begannen, floh seine ganze Familie aus der Stadt, erzählt Rabiha. Er aber weigerte sich. Er blieb in seinem Haus. Das Haus wurde von einer Bombe getroffen. Es ist nur noch ein Schutthaufen, so wie fast alles in der einst prosperierenden Stadt.

Erinnerung an die eigene Studienzeit in Aleppo

Das ist die zweite Sache, die Rabiha nicht aus dem Kopf geht: Was ist nur aus dieser Stadt geworden? Aleppo war die zweitgrößte Stadt des Landes, mehr als zwei Millionen Einwohner, schätzungsweise 8000 Jahre alt, die historische Altstadt ein Unesco-Welterbe. Die Stadt war das wirtschaftliche Zentrum des Landes, mehr als die Hälfte der syrischen Industrie war in Aleppo angesiedelt. Die Studiengänge für Maschinenbau an der Universität von Aleppo galten als die besten des Landes.

Auch Rabiha hat an der Universität in Aleppo zwei Jahre lang studiert, Rechtswissenschaften. Sie wohnte im Studentenwohnheim mitten in der Stadt. „Die Atmosphäre dort war wunderschön“, sagt sie. Manchmal habe sie im Restaurant des ehemaligen Marriott-Hotels gesessen, erzählt sie. Vom 28. Stock konnte man auf eine der teuersten Straßen der Stadt herabblicken, wo sich nur die Wohlhabenden eine Wohnung leisten konnten. Rabiha trank ihren Kaffee, ein Musiker spielte für die Gäste auf dem Cello. Auf den Fotos, die ihr Mann Mohammed aus den Internet fischt, ist dergleichen nicht einmal mehr zu erahnen.

Einst belebtes Marktviertel ist menschenleer

Es sind Vorher-Nachher-Bilder, und die Nachherbilder könnten auch Berlin oder Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen. Der alte Basar, einst das weltgrößte überdachte Marktviertel, liegt in Trümmern. Er ist menschenleer. „Unvorstellbar“, sagt Mohammed. „Dort herrschte immer ein solches Gedränge, dass man kaum durchkam.“ Mohammend scrollt sich durch Moscheen, Wohnhäuser, Paläste, Wirtschaftsbauten, Verwaltungsgebäude, die alle nur noch als fensterlose Hüllen stehen, wenn überhaupt. Ein Hotel ist eingestürzt, der Pool ist voll mit Trümmern, von den Palmen, die das Wasserbecken vor fünf Jahren noch säumten, stehen noch verbrannte Strünke. Etwa 1000 Fabriken sollen geplündert worden sein. „Die Stadt ist verschwunden“, sagt Mohammed. Und das alles – aus Sicht der Aufständischen – für nichts.

Das ist das dritte Problem, was die Yassins beschäftigt. Wenn die Assad-Regierung die Oberhand behält und die Macht zurückgewinnt über das ganze Land, und danach sieht es aus, was passiert dann? „Die Regierung wird sich dann wahrscheinlich erst einmal um ihre Gegner kümmern“, sagt Familienfreund Adel, der mal wieder zu Besuch ist.

Hoffnung auf Rückkehrmöglichkeiten

Andererseits hat von den einst 20 Millionen Syrern, ein Viertel das Land verlassen. Von den Verbliebenen könne Präsident Assad wohl kaum die Hälfte einsperren, hoffen die Yassins. Womöglich werde es einen Erlass geben, womöglich werde Assad irgendwann Geflohenen die Rückkehr ermöglichen, zumindest jenen, die nicht aktiv gegen ihn gekämpft oder Politik betrieben haben. „Das könnte dazu führen, dass viele wieder zurückkehren“, sagt Adel. Und ein Sieg Assads könnte auch den Nahen Osten wieder stabilisieren. „Vielleicht wäre das, das einzig Gute“, so Adel. „Trotzdem ist es grausam, sich einem Schweinehund ergeben zu müssen.“

Info: Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet und lebt im Ludwigsfelder Flüchtlingsheim am Birkengrund. Die MAZ begleitet sie und erzählt wöchentlich ihre Geschichte.

Von Oliver Fischer