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Teltow-Fläming Folge 64: Auf Möbelsuche
Lokales Teltow-Fläming Folge 64: Auf Möbelsuche
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08:24 20.01.2018
Und da soll die Garderobe hin? Rabiaa Yassin und Mohammad Yassin studieren den Grundriss ihrer neuen Wohnung. Quelle: Foto: Oliver Fischer
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Ludwigsfelde

Rabiaa und Mohammed Yassin haben ein neues Hobby: Sobald die ganze Familie gegessen hat, die Kinder ihre Hausaufgaben erledigt und sich in ihr Zimmer zurückgezogen haben, sitzen die beiden mit ihren Handys am Küchentisch und tippen sich durch die unzähligen Seiten, von denen man ihnen erzählt hat. Sie suchen nach Möbeln. Neue Möbel, gebrauchte Möbel, Möbel aus Ludwigsfelde, Möbel aus Berlin. Hauptsache günstig.

Einer klickt sich durch Ebay, der andere durch die Ebay-Kleinanzeigen. Einer surft auf der Ikea-Seite, der andere schaut bei Roller, Poco Domäne, Höffner und was es sonst noch so für Möbelhäuser gibt. So langsam bekommen die Yassins einen Überblick, was es wo gibt und was nicht.

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Mohammad etwa hat Küchen auf Ebay gefunden, 250 Euro ohne Elektrogeräte, Versand inklusive. Das klingt günstig, ist aber trotzdem nicht so einfach, weil die Schränke nicht in die verwinkelte Küche passen. Ein Problem.

In einem zweiten Browserfenster zeigt er Rabiaa einen Geschirrspüler. Gebraucht, 100 Euro, das ginge. Aber er steht im Norden von Berlin, wie soll er ihn abholen, ohne Auto? Ein Problem.

Rabiaa sucht derweil zwei neue Betten für Rabiee und Hala. „Die hier vielleicht?“, fragt sie und zeigt auf zwei einfache Holzgestelle, die sie bei Ikea gefunden hat. Grundsätzlich ginge das wohl. Aber im Kleingedruckten steht, dass Matratzen und Lattenroste im Preis nicht enthalten sind. Rabiaa rechnet nach und stöhnt auf. Die Lieferung kommt ja auch noch obendrauf. Noch ein Problem.

Maximal 3000 Euro können sie beim Jobcenter für neue Möbel geltend machen, so wie normale Hartz-IV-Empfänger, wenn sie in die erste Wohnung ziehen. Das klingt nach viel, ist es aber nicht, wenn man bisher keinen Hausstand hat und 75 Quadratmeter ausstatten muss: fünf Betten, drei Kleiderschränke, Stühle, Tische, Lampen, Badmöbel, Teppiche, Kühlschrank, Waschmaschine, Geschirrspüler, Küchenmöbel, ein Sofa fürs Wohnzimmer, Vorhänge, vielleicht noch Geschirr. „Das Meiste kaufen wir gebraucht“, sagt Rabiaa.

Die Wohnung, die sie bei der Märkischen Heimat bekommen, liegt im Ludwigsfelder Zentrum und hat drei Zimmer. Das ist eher klein für fünf Personen, dazu liegt die Wohnung im vierten Stock, da habe man grundsätzlich noch Verbesserungspotenzial, sagt Rabiaa. Aber es gibt einen Fahrstuhl. Immerhin.

Am liebsten wären die Yassins schon im Oktober eingezogen. Das Angebot hatten sie im Spätsommer bekommen, zwischendurch hatte Rabiaa dann fast die Hoffnung verloren. Denn bis die Wohnung wirklich bezugsfertig und der Antrag auf Übernahme der Miete beim Jobcenter durch war, dauerte es Monate. Es gibt Kündigungsfristen in Deutschland, auch das wissen die Yassins jetzt. Nun ist aber alles geklärt, zum Februar können sie rein. Die Wohnung ist aber komplett leer. Nicht einmal ein Herd steht noch drin. „Das hat uns überrascht. In Syrien haben Mietwohnungen immer eine eingebaute Küche“,sagt Rabiaa.

Trotzdem sind beide zuversichtlich, dass sie auch diese Herausforderung bewältigen. Sie sind schließlich nicht die Ersten, die das Heim am Birkengrund verlassen und in eigene vier Wände ziehen. Sie können auf die Hilfe anderer Syrer bauen, die beim Umzug mit anpacken, und dann gibt es ja auch den Ludwigsfelder Verein, der sich um die Flüchtlingshilfe in der Stadt kümmert und schon rund 15 Umzüge begleitet hat.

Wie Flüchtlingskoordinator Dirk Krause erzählt, hilft der Verein auch, wenn es um die Wohnungseinrichtung und das Besorgen derselben geht. „Wir haben einen kleinen Transporter im Verein, mit dem helfen wir aus“, sagt er. Meistens fahren er oder seine Frau selbst. Sie holen auch gebrauchte Möbel ab, die über Ebay-Kleinanzeigen gekauft wurden. Allerdings nur in Ludwigsfelde. „Alles andere würde den Rahmen sprengen. Wir werden oft gefragt, ob wir auch etwas aus Berlin holen können, aber dann wären wir nur noch unterwegs“, sagt Krause. Die Yassins bedauern das. Die besten gebrauchten Möbel entdecken sie in Berlin, manche gibt es sogar kostenlos. Aber in der S-Bahn lassen sich Betten einfach schlecht transportieren.

Aber auch in Ludwigsfelde findet man Schnäppchen, wenn man nur lange genug sucht. Eine Waschmaschine hat Rabiaa bereits gekauft, sie stand im „Haus der kleinen Preise“ und war erschwinglich. Einen Kühlschrank hat sie auch in Aussicht. Der Rest wird sich finden.

In den nächsten Tagen stehen erst einmal Informationsbesuche in Möbelhäusern an. Dann wird sich Mohammad die Sache mit dem Selbst-Aufbauen ansehen. Auch das haben die Yassins in ihrem alten Leben nie gemacht. In Syrien, sagt Rabiaa, gibt es keinen Ikea.

Von Anja Meyer