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Teltow-Fläming Geheimnisvoller Nazibunker in Ludwigsfelde
Lokales Teltow-Fläming Geheimnisvoller Nazibunker in Ludwigsfelde
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19:48 15.01.2017
In den Gängen finden sich zum Beispiel auch alte Gasmasken.
In den Gängen finden sich zum Beispiel auch alte Gasmasken. Quelle: Julian Stähle
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Ludwigsfelde

Zwei Männer mit langen Haken heben im Industriepark Ludwigsfelde einen Gullydeckel  – versteckt im Wald am Fuß einer riesigen Sandkuhle. Dann ist der Eingang offen. Der Einstieg zu einer Jahrzehnte verschüttet geglaubten Unterwelt. Von der immer noch niemand weiß, was dort drin oder nicht drin war.

Anfang Dezember 2016 führte Torsten Klaehn, stellvertretender Bürgermeister und Bau-Fachbereichsleiter von Ludwigsfelde, mit dem Stollen-Entdecker Rainer Karlsch eine Gruppe Denkmalpfleger, Archäologen und Journalisten in dunkle Vergangenheit: in ein mannshohes und armbreites Stollensystem, 15 Meter unter Sand und Kiefern. Gebaut Anfang der 1940er Jahre als Bombenschutz unter dem Daimler-Flugmotorenwerk Genshagen. Dieses Werk gehörte zu den wichtigsten Rüstungsbetrieben der Nazis. Dort wurden Antriebe für Jagd-, Nachtjagd-, Schul- und Übungsflugzeuge gebaut.

Jetzt ist das gesamte Areal Bodendenkmal. Ein Filmteam dokumentierte gestern im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege, wie es dort unten aussieht: verrottete Kabel hängen an 80 Metern quadratisch verzweigter Stollen überall, auf dem Boden verrottete Flaschen, zerfallene Holzbänke, eine gruselig verrottete Gasmaske, zerfetzte Luftschutztüren.

Es liegt 15 Meter unter der Erde, ist gerade einmal mannshoch und einen Arm breit. Ein unterirdisches Stollensystem in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) galt lange als verschüttet. Vor einiger Zeit ist es wieder entdeckt worden. Nun hat die MAZ exklusive Einblicke in die Unterwelt bekommen.

In Ludwigsfelde wussten die meisten Familien von der Unterwelt unter dem Werk. Väter oder Großväter, Onkel oder Brüder hatten vor oder während des Zweiten Weltkriegs bei Daimler gearbeitet. Bei Fliegerangriffen suchten Werksangehörige dort unten Schutz. Wie Horst Dallmann. Der war 1944 Dreher-Lehrling im Werkzeugbau. Gab es in der Tagschicht Fliegeralarm, musste auch er hinab: „Da waren an beiden Seiten lange Sitzbänke.“ Doch nur die Deutschen durften rein; Franzosen, Niederländer oder andere Zivil- und Fremdarbeiter nicht. Es gibt akribisch geführte Unterlagen über alles, über Werk, Scheinwerk und Infrastruktur, es gibt Produkt- und Produktionsdokumentationen – ein Bunker ist nirgends eingezeichnet.

Geheimnisvoller Nazibunker

Das Wissen um ihn lebte bei Motorroller- und Autobauern in der DDR weiter. Doch niemand fand die unterirdische Anlage. Weder bei einer Suche in den 1950er Jahren noch in den 1980ern. Auch nicht in mehr als zwei Jahrzehnten nach dem Mauerfall. Da war aus dem volkseigenen Lkw-Werk längst wieder ein Mercedes-Werk geworden, dieses mal für Autos. Selbst riesige Baustellen für Telefon-, Wasser- und Gasleitungen, für Industrieneu- und -umbauten brachten keine Spur.

Entdeckt hat das Stollensystem schließlich ein Nicht-Ludwigsfelder, der Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch. Nach seinen Forschungen zur Wismut stieß er 2011 bei einem neuen Thema auf die unterirdische Anlage. Auf eigene Rechnung hatte er das Gelände geophysikalisch untersucht. Die Stadt als Grundstückseigentümer ließ damals drei Wochen lang baggern und buddeln, doch einen Zugang fand man nicht. Kurz vor dem Aufgeben sah Karlsch ein Luftrohr. Die magnetisch und elektrisch arbeitenden Suchgeräte meldeten Metall  – die Armierung im Stahlbetonhülle der Stollen. Dann ist der Hohlraum offen. Klaehn und Karlsch sehen: Schwarze Betonsegmente enden im Sand, wo ein Tunnel in den letzten Kriegstagen 1945 nicht fertig oder gesprengt wurde. Karlsch sagt: „Wir wissen inzwischen sicher, dass es nicht die Russen waren, die dort sprengten, weil es in den letzten Kriegstagen passierte, als sie noch nicht hier waren.“

Einige Dinge aus dem Stollen lagern inzwischen im Stadtarchiv

Seit der Entdeckung haben die beiden nicht nur um behördliche Zusagen zum Weiter-Erkunden oder Sponsorengeld zu ringen. Sie müssen den Einstieg auch gegen Militariajäger sichern. Einen Rund-um-die-Uhr-Wachschutz kann niemand bezahlen. Die Hinterlassenschaften illegal Eingestiegener finden Stadtangestellte und der Wissenschaftler immer wieder. Inzwischen wissen die beiden, dass die Stollen von Bergleuten aus dem Ruhrgebiet gebaut wurden. Bergmännisch und professionell seien die Gänge mit Holz vorgetrieben und mit Stahlbetonsegmenten gestützt worden, so Klaehn. Nur warum fast alle schwarz sind, weiß er noch nicht. „Ist das von der Sprengung? Und warum gibt es ganz helle Stellen, was stand da?“ Außerdem ist völlig unklar, warum ein im Prinzip leeres Stollensystem gesprengt werden musste. „Vielleicht haben hier ja doch wichtige Dinge gelagert, wir wissen es einfach nicht“, sagt Klaehn. Gasmasken und Luftschutzunterlagen lagern bereits im Stadtarchiv, alles andere bleibt vorerst wie es ist. „Wir haben wirklich noch keinen Plan, was hier mal ­entstehen kann“, so der Vize-Rathauschef. Am liebsten würde er die Stollen für jedermann öffnen. Sie wären in seinen Augen „ein sehr anschauliches Zeugnis deutscher Geschichte, die wir ja hier im Stadtgebiet haben“, sagt er. Doch fehlende Sicherheit lässt Besuchermassen nicht zu. „Und finanziell hat die Stadt zurzeit andere Prioritäten“, erklärt er.

Auch Thomas Kersting stieg Steigeisen für Steigeisen in die tiefe Röhre. Auf diese Möglichkeit hatte der promovierte Denkmalschützer im Landesamt lange gewartet. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hatte ihn mit einem Vergleich zitiert: Was dort unten mehr als 60 Jahre unberührt lag, ähnele dem, was abgeschlossen unter der Vulkanasche von Pompeji ruht. Als Dezernatsleiter ist Kersting derjenige, der die Dokumentation des Gefundenen fordern muss. Mit den gestrigen Bildern können er und Archäologe Johannes Weishaupt in einigen Wochen die Ludwigsfelder Unterwelt fachlich einschätzen.

Von Jutta Abromeit