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Teltow-Fläming Glockenläuten per Knopfdruck
Lokales Teltow-Fläming Glockenläuten per Knopfdruck
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07:01 29.01.2017
Beim Abseilen der Glocken hat Thomas Scholz nur wenig Platz in dem engen Turm der Tetzelkapelle.
Beim Abseilen der Glocken hat Thomas Scholz nur wenig Platz in dem engen Turm der Tetzelkapelle. Quelle: Isabelle Richter
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Jüterbog

Das Geläut der Jüterboger Hedwigkirche erfährt eine Modernisierung. Am Donnerstagnachmittag wurden die Glocken in der Tetzelkapelle abgenommen. Thomas Scholz ist langjähriger Glockentechniker und sorgte dafür, dass die riesigen Klangkörper unbeschadet hinunter- und am Freitag wieder hinaufkamen. Der Grund für die Abnahme: Die Glocken brauchten einen neuen Anstrich gegen Rost. „Das muss so alle 20 bis 30 Jahre mal gemacht werden“, erklärt Thomas Scholz. Außerdem wurden die Lager der Glocken erneuert.

Zeit des Turmaufstiegs zum Läuten ist vorbei

Doch das war nicht alles. Die Glocken der katholischen Kirche werden darüber hinaus mit einer elektrischen Läutanlage ausgestattet. Das bedeutet, dass sie nicht mehr von Hand betätigt werden müssen, sondern schwingen in Zukunft automatisch per Fernsteuerung. „Vorher musste immer jemand zum Läuten da sein“, berichtet Gemeindemitglied Doreen Jannek, deren Ehemann Lothar Jannek zu den wenigen Freiwilligen zählt, die bisher zum Läuten der Glocken in die Kapelle hinaufgestiegen sind.

Den persönlichen Glockenläutern ist die Modernisierung recht, denn der Anstieg wird für sie von Jahr zu Jahr nicht unbedingt leichter. Außerdem bedeutet der elektrische Antrieb mehr Flexibilität. So kann die Kirche beispielsweise das Geläut für bestimmte Anlässe programmieren oder auch kurzfristig zum Beispiel auf einen Sterbefall reagieren. „Das ging sonst nicht, weil mein Mann dann zum Beispiel gerade auf Arbeit war“, erklärt Doreen Jannek.

Thomas Scholz beim Demontieren der Glocken. Quelle: Isabelle Richter

Dem Glockenschwung per Fernbedienung kann offiziell am 19. Februar gelauscht werden, wenn zum Gottesdienst gerufen wird. Bisher findet dieser aufgrund eines Beinbruchs von Pater Anselm noch in der Kirche Sankt Joseph Luckenwalde statt. Ob man einen Unterschied zum händischen Läuten hört? Wahrscheinlich nicht.

Die Berliner Firma von Wolfgang Schmidt ist spezialisiert auf Glockentechnik und Turmuhren. Seine Mitarbeiter kümmern sich unter anderem um den Berliner Dom und die Frauenkirche in Dresden. Für das Glockenläuten wenden sie eine ganz bestimmte Methode an: die Lineartechnik. Sie funktioniert mittels eines Magnetfeldes, das von einem Elektromotor erzeugt wird. Das An- und Abschalten des Magneten versetzt die Glocke ruckelfrei in Schwingung.

Weiches Läuten und wenig Wartungsaufwand

Die Technik, so erklärt die Fachfirma, macht ein weiches, schonendes Läuten der Glocken möglich. Ketten, Zahnriemen oder andere Kraftübertragungsmittel werden von dem Drehstromlinearmotor nicht benötigt. Das ergibt einen geringeren Aufwand bei Wartungsarbeiten. Störgeräusche durch den Linearmotor gibt es bis auf ein minimales Summen nicht. Für den Einbau der Technik müssen die Glocken zunächst aber erst einmal aus dem Turm genommen werden.

Thomas Schulz hatte in seinem Berufsleben schon mit vielen Glocken zu tun. Stolze acht oder neun Tonnen bringen diese mitunter auf die Waage. Ist das nicht gefährlich? „Na ja, meine Frau möchte gar nicht wissen, was ich hier alles mache“, sagt Scholz mit einem Grinsen. Die Glockentürme sind oft schmal. Da ist es schwierig, sich richtig zu bewegen. Jeder Schritt muss daher gut durchdacht sein und eine feste Sicherung ist unbedingt nötig. Manchmal muss der Glockentechniker sich vorher noch eine Konstruktion bauen, um wirklich sicher stehen zu können.

Berufsrisiko und Gottesfürchtigkeit

Der Glockenturm in der Tetzelkapelle ist auch sehr schmal. Nachdem Thomas Scholz die Zwischenbalken entfernt hat, kann er die Glocke mithilfe eines Flaschenzugs langsam herunterlassen. Sie schwebt nah an seinem Körper vorbei. Thomas Scholz nimmt sein Berufsrisiko mit Humor. Seine Meinung zu der möglichen Gefahr lautet: „Ich pass auf die Glocken vom Chef auf und der kann dafür ein bisschen auf mich aufpassen.“

Die Jüterboger Glocken sind für keine große Herausforderung für ihn. Sie liegen mit ihrem Gewicht in zwischen 100 und 200 Kilogramm. Von wann die Glocken stammen ist nicht genau klar. Thomas Scholz putzt die Glocke mit einer Drahtbürste etwas sauber, denn in den Jahren hat sich eine Menge Staub angesammelt. Das Datum ist auf dem Siegel nicht mehr zu erkennen. Vermutlich stammen die Glocken ungefähr aus den 1960er Jahren.

Die Tetzelkapelle

Die Kapelle liegt zwischen der katholischen Kirche Sankt Hedwig und dem Pfarrhaus in Jüterbog. Sie ist denkmalgeschützt.

Der spätgotische Bau wurde nach einem Brand im Jahr 1478 errichtet und besitzt einen mittelalterlichen Keller.

Im Inneren befindet sich ein italienisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Es zeigt Maria und Elisabeth mit Jesus und Johannes.

Die alten Glocken wurden vor Ort von Thomas Schulz auf Vordermann gebracht und noch am selben Tag mit Rostschutz eingepinselt. „Morgen will ich sie schon wieder drin haben“, sagte Scholz am Donnerstag.

Den einen oder anderen heimlichen Test für das Läuten per Fernbedienung wird es in den nächsten Tagen schon geben. Manuell geläutet wird ab dann nur noch bei Stromausfall.

Von Isabelle Richter