Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Hellseher-Leiche im Wald - Vor 80 Jahren wurde Erik Jan Hanussen von einem SA-Kommando nahe Zossen erschossen
Lokales Teltow-Fläming Hellseher-Leiche im Wald - Vor 80 Jahren wurde Erik Jan Hanussen von einem SA-Kommando nahe Zossen erschossen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 21.03.2013
Anzeige

Der Regisseur scheucht seine Leute durch die Garderoben. Sie sollen nachsehen, ob er „endlich eingetrudelt“ ist. Hektisch werden die Lieblingslokale des berühmten Hellsehers abgeklappert. Vergebens. Auch in der Wohnung meldet sich niemand. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Vorstellung abzusagen.

Eine Stunde vor Auftrittsbeginn hatten SA-Männer den „Magier von Berlin“ aufgesucht, um ihn „zu einer wichtigen Besprechung“ mit „seinem Freund“ zu bringen, dem Berliner SA-Chef Karl Ernst. Die Fahrt geht nicht zur Zentrale der Braunhemden, sondern führt am folgenden Tag ins Brandenburger Umland. Die Limousine passiert Zossen, dann Wünsdorf, biegt bei der Ortschaft Neuhof (Teltow-Fläming) ab und holpert nun in einen einsamen Waldweg.

Anzeige

Die desolate Wirtschaftslage und die politische Unsicherheit waren zu Beginn der 30er Jahre ein fruchtbarer Nährboden für Scharlatanerie und Bauernfängerei. Astrologische Zeitungen überschwemmten die Kioske. Schwindler buhlten um die Gunst der Leute. Als Primus der Branche galt Hanussen.

Sein Luxusappartement am Kurfürstendamm war Anlaufpunkt für Berlins betuchte Leichtgläubige. Der fesche Magier war ein Liebling der Damen, und die hohen Herren warfen ihm horrende Honorare für Finanzratschläge hinterher. Während die Kundschaft im Vorzimmer wartete, wurde sie vom Personal gekonnt ausgehorcht, sofern sie nicht bereits vorab von Hanussens Detektiven ausgeforscht worden war. Zusätzlich war das „Haus des Okkultismus“ mit Mikrofonen gespickt, sodass der Kunde, kam er an die Reihe, für den Magier längst kein Unbekannter mehr war. Hanussen war „en vogue“, besaß mehrere Luxuswagen und eine Motor-yacht. Seine Einnahmen gingen in die Hunderttausende.

Hanussen brillierte mit einem Trick: Etwa zwei Dutzend Zuschauer schrieben besondere Erlebnisse auf ein Papier. Die kamen in nummerierte Umschläge, die verschlossen wurden. Der Meister hielt sich das Kuvert an die Stirn und verkündete die Lösung, die vom ersten Zuschauer unter dem Beifall des Saales bestätigt wurde. Nur: Dieser erste Kunde war ein Komplize. Das „Erlebnis“ wurde zuvor abgesprochen. Wenn Hanussen danach den Umschlag öffnete, und seine Prophezeiung zutraf, ahnte niemand, dass er in diesem Moment schon einen Umschlag „vorn“ lag, also sich bereits das „Erlebnis“ des nächsten Zuschauers eingeprägt hatte.

Ab Sommer 1931 verbreitete „Hanussens Bunte Wochenschau“ nicht nur hemmungslose Selbstreklame, sondern auch Lobeshymnen auf die NSDAP. Er pflegte die Bekanntschaft zu NS-Größen wie Karl Ernst, manch abergläubischer Nazi verriet unter Hypnose Partei-Interna. Einem weiteren „Freund“, SA-Führer Wolf Heinrich Graf von Helldorf, lieh er einen hohen Betrag. Die Sturmtruppe revanchierte sich, indem sie dem Magier die Werbeplakate klebte, bei Bedarf Schlägertrupps zur Verfügung stellte.

Von den neuen Machthabern derart umhegt, versuchte sich Hanussen in Erpressungen und dubiosen Geschäften. Helldorf muss in jenen Tagen klar geworden sein, dass er sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befand. Hanussen hatte ihn durch Schuldscheine in der Hand. Als besonders perfide galt aus Sicht der NS-Rassenideologen, dass Hanussen, angeblich Spross eines dänischen Adelsgeschlechtes, in Wahrheit jüdischer Abstammung war. Da sich die Zeiten geändert hatten, wurde „der Jid des Führers“, wie er sich gern selbst nannte, nicht mehr gebraucht. Da half es auch nicht, dass er sich hatte evangelisch taufen lassen. „Der Sterndeuter“, so der Berlin-Chronist Walther Kiaulehn, „wollte hoch hinaus, und sah dabei nicht, dass sich sein eigener Stern bereits verdunkelte.“

Hanussen wurde als Hermann Chajm Steinschneider am 2. Juni 1889 in Wien-Ottakring als Sohn eines Schmierenschauspielers geboren. Schon mit drei Jahren wollte Klein-Hermann „parapsychologische Fähigkeiten“ in sich verspürt haben. Die Familie tingelte durch die Donau-Monarchie, ließ sich in Hermannstadt, Brünn und in Wien nieder. Steinschneider trat als Kunstreiter, Akrobat, Experimental-Psychologe, Taschenspieler, Handleser, Geisterbeschwörer und Hypnotiseur auf.

Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges verlieh er sich den Namen Hanussen. Er kopierte den in Wien beliebten „Eisenkönig“ Breitbart, „den stärksten Mann der Welt“. Der konnte schwere Ketten mit Muskelkraft sprengen. Hanussen versetzte sein Medium in Trance – auch eine zarte Frau ließ Marmor, Stein und Eisen brechen. Als das Ganovenpärchen überschuldet türmte, flog der Schwindel auf. Ketten und Gestein waren so präpariert, dass sie kinderleicht zu Bruch gingen.

Die Behörden machten ernst: Hanussen, wahrscheinlich in Böhmen polizeilich gemeldet, wurde zum Ausländer erklärt und in die neu erstandene Tschechoslowakei abgeschoben. Nun musste er über die Dörfer tingeln, wo er der Landbevölkerung nennenswerte Beträge abgaunerte. Er landete vor Gericht. „Der Prozess von Leitmeritz“ (1929/1930) schrieb Rechtsgeschichte. Dem Redekünstler gelang es, die Richter an der Nase herumzuführen, da ihm gestattet wurde, seine „Fähigkeiten“ im Gerichtssaal „experimentell“ unter Beweis zu stellen. Das Ergebnis: Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen. Der Kernsatz der Urteilsbegründung lautete: „Das Gericht ist nicht in der Lage auszusprechen, dass der Angeklagte die Gabe des Hellsehens nicht besitzt.“ Hanussen war reif für die Reichshauptstadt.

Am 26. Februar 1933 zelebrierte er vor drei Dutzend Gästen die Einweihung seiner neuen Wohnung im Westen Berlins. Stolz präsentierte er seine mit Tierkreiszeichen verzierte versenkbare gläserne Bar. Er trank viel, war aggressiv. Nach einleitenden Tricks versetzte Hanussen sich selbst, oder eines seiner Medien in Trance. Plötzlich ein Schrei: „Ich sehe ..., ich sehe ... ein Haus, es ist riesig groß, eine hohe Kuppel ragt in den Himmel ...“ Die Hände fuhren in die Luft, die Stimme wurde schrill: „Ich sehe ein Licht, rotes Licht, Feuer. Das Haus, die riesige Kuppel brennt ...“ 24 Stunden nach der Seance stand das Reichstagsgebäude in Flammen.

Jetzt galt „der Jude Hanussen“ als Verräter, der die bevorstehende Brandstiftung durch die Nazis ausgeplaudert habe, beziehungsweise indirekt unterstellt hätte, sie seien Zündler gewesen. Denn obwohl die NS-Führung umgehend „die Kommunisten“ als Brandstifter ausgemacht haben wollte, der Anarcho-Kommunist Marinus van der Lubbe wurde tatsächlich zur Tatzeit am Tatort festgenommen, wurde eine organisierte NS-Aktion für möglich gehalten, zumal der Brand Hitler gut ins Konzept passte. Am nächsten Tag setzte er mit der „Reichstagsbrandverordnung“ die Grundrechte außer Kraft. Mehr als 25 000 Nazi-Gegner wurden in „Schutzhaft“ genommen, ins KZ gesteckt, gefoltert, ermordet. Historiker streiten bis heute, ob es dem Holländer möglich war, das Gebäude ohne Brandbeschleuniger allein in Brand zu setzen. Unbestritten ist lediglich: Die Kommunisten waren es nicht.

Nach Verhören wird der „Hellseher, der sein eigenes Ende nicht voraussah“, in der Nacht vom 24. zum 25. März 1933 im Wald nahe der Straße von Zossen nach Baruth exekutiert. Straßenarbeiter finden seine von Neun-Millimeter-Projektilen durchsiebte Leiche am 8. April nur 20 Meter von der Chaussee entfernt. Die Berliner Mordkommission unter Kommissar Albrecht stellt ihre Ermittlungen – wohl auf höhere Weisung – ein. Der offenbar noch von rechtsstaatlichen Prinzipien der Weimarer Republik geleitete Beamte schreibt sarkastisch im Polizeibericht: „Die Täter werden in Kreisen der Unterwelt gesucht, mit der sich Hanussen in der letzten Zeit stark eingelassen hat.“

Hermann Steinschneider alias Erik Jan Hanussen hat seine letzte Ruhe auf dem Evangelischen Südwestkirchhof im Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) gefunden. (Von Ulrich Zander)

Teltow-Fläming ILB-Fördermittel: Warten aufs schriftliche Gerichtsurteil - Stadt gibt noch nicht auf
21.03.2013
Teltow-Fläming Täter bedrohten Angestellte /Sie erlitt Schock - Trio überfiel Spielcasino
21.03.2013
Teltow-Fläming Justizvollzugsanstalt Heidering wurde gestern offiziell eröffnet / Gefangene ziehen aber erst im nächsten Monat ein - Erste Buchspende für Gefängnisbibliothek
21.03.2013