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Teltow-Fläming Als Wilhelm Timm die weiße Fahne schwenkte
Lokales Teltow-Fläming Als Wilhelm Timm die weiße Fahne schwenkte
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11:19 22.04.2015
Der Lübecker Volker Langebach wurde 1943 in Ludwigsfelde geboren. Mit seiner Frau Anna-Marie war er auf "Wurzelsuche", hier im Stadtarchiv; rechts Archiv-Mitarbeiterin Heike Selent.
Der Lübecker Volker Langebach wurde 1943 in Ludwigsfelde geboren. Mit seiner Frau Anna-Marie war er auf "Wurzelsuche", hier im Stadtarchiv; rechts Archiv-Mitarbeiterin Heike Selent. Quelle: Abromeit
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Ludwigsfelde

Vor 70 Jahren fuhren Panzer der Roten Armee von Wietstock aus Richtung Westen nach Ludwigsfelde. Sie rollten auf den Ort mit dem großen Rüstungsbetrieb, dem Daimler-Flugmotorenwerk, zu. Die Gemeinde ergab sich kampflos. Dank des damaligen Bürgermeisters Wilhelm Timm gab es dort wenige Tage vor Kriegsende bei der direkten Übergabe der Siedlung keine Toten. Das NSDAP-Mitglied Timm ließ die Menschen im Ort weiße Bettlaken an die Fenster hängen, er selbst trug den Panzern am Ortseingang eine weiße Fahne entgegen – und musste damit rechnen, nicht zu überleben.

Die Nachrichten vom Heranrücken der Sowjetarmee lösten auch in Ludwigsfelde vor allem eines aus: Angst und Panik. Die Menschen versuchten sich zu verstecken oder zu fliehen. Wie die Mutter von Volker Langebach. Die Frau aus der damaligen Hermann-Göring-Straße nahm ihre Kinder, 1941 und 1943 geboren, und floh. Vor ein paar Monaten kam ihr Sohn wieder. Seine „Wurzelsuche“, wie Volker Langebach die Recherchen zu seinem Geburtsort nennt, führte ihn ins Stadtarchiv Ludwigsfelde. Dort half ihm Beate Selent mit Dokumenten und Straßenlisten. Seite um Seite suchte Langebach ab: „Ich habe von meinen Eltern wenig erfahren über diese Zeit. Sie wohnten zunächst in der Hermann-Göring-Straße 467, das ist heute Ernst-Thälmann-Straße 39, dann in der Göringstraße 2, heute Thälmannstraße 2.“ Also wurde er wohl dort am 16. Mai 1943 geboren. Sein Vater Walter war 1940 als Gewerbelehrer von Lübeck nach Ludwigsfelde beordert worden, wahrscheinlich um an der Fliegertechnischen Vorschule zu unterrichten, vermutet der Sohn. 1943 wurde Walter Langebach eingezogen. „Meine Mutter hat in Ludwigsfelde als Rot-Kreuz-Schwester für den Reichsluftschutzbund Laienhilfe-Schulungen durchgeführt“, erzählt Volker Langebach. Am 20. April 1945 floh sie mit den Kindern vor den heranrückenden Panzern nach Uelzen. Dass der von ihr verlassene Ort keine 48 Stunden später kampflos übergeben wird, konnte sie nicht ahnen.

Eine andere Ludwigsfelder Familie saß am 22. April 1945 vormittags mit ihren fünf Kindern in der damaligen Adolf-Hitler-Straße im dunklen Kohlenkeller. „Wir wussten doch bei allem, was man an Greuelgeschichten gehört hat, nicht, was kommt“, erzählt Volkmar Golz. Er war an diesem Tag neun Jahre alt. Kurz vorher noch hatte er vom Brotauto, das immer morgens durch die Straßen kam, ein Brot ergattern wollen. Es gelang ihm nicht – auch der Fahrer hatte Angst, wollte seine Ladung nur noch loswerden und abhauen. Die Brote warf er aus dem Fenster. Eines davon bekam der Neunjährige an den Kopf, aber zu fassen bekam er es nicht. „Wir hörten etliche Fahrzeuge, auch die Panzer konnten nicht mehr weit sein“, erzählt er. Als Junge kam er damals ohne Brot heim. Das erste, was die Familie im Kohlenkeller von den eingetroffenen Russen mitbekam, war ein Stiefeltritt gegen die Tür. Die flog auf, ein Soldat schoss zweimal ins Dunkle. „Die Schüsse trafen meinen Bruder ins Bein. Sie hätten ihn auch töten können“, erzählt Volkmar Golz. Der heute 79-Jährige denkt noch jedes Jahr an diese ersten Tage nach den Nazis. „Es ging drunter und drüber, wie überall.“ Die Panzerschrammen am Haus seiner Großeltern gegenüber dem Alten Krug will er nicht beseitigen: „Da soll eine kleine Tafel hin, damit auch Enkel und Urenkel mal wissen, was passiert ist.“

Bürgermeister Timm tauchte wenige Tage nach seinem Gang mit der weißer Fahne wieder im Ort auf, das löste Verwunderung aus. Bis heute heißt es, er habe sich gegen andere NSDAP-Mitglieder „freigekauft“. Begraben ist Timm auf dem Friedhof der heutigen Stadt Ludwigsfelde.

Von Jutta Abromeit

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