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Jüterbog 125 Jahre Jakobikirche in Luckenwalde: Als die Kaiserin doch nicht zu Besuch war
Lokales Teltow-Fläming Jüterbog 125 Jahre Jakobikirche in Luckenwalde: Als die Kaiserin doch nicht zu Besuch war
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20:00 26.12.2019
Die sonst so dicht belaubten Bäume geben nur im Winter einen fast ungehinderten Blick auf die Schönheit und Größe der Jakobikirche frei. Quelle: Rudolf Haase
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Luckenwalde

In blumigen Versen und gestelzten Reimen pries die „Luckenwalder Zeitung“ vom 12. Dezember 1894 den Besuch der Kaiserin Auguste Viktoria in der Industriestadt. Die Gattin des deutschen Kaisers und preußischen Königs Wilhelm II. sollte die Einweihung der neu erbauten Jakobikirche als deren Patronatsherrin und Protektorin höchstselbst vornehmen.

Pfarrer i.R. Ulrich Kappes beim Vortrag über die Geschichte der Jakobikirche Luckenwalde. Quelle: Hartmut F. Reck

„Die gesamte Bevölkerung Luckenwaldes richtete sich in höchster Anspannung auf den kaiserlichen Besuch aus, wohl wissend, einem einmaligen Ereignis in der Geschichte der Stadt entgegenzugehen“, so schildert Ulrich Kappes 125 Jahre später in seinem Festvortrag über das Kirchweihjubiläum die damalige Stimmung. Laut Luckenwalder Zeitung gab es ein eigens errichtetes „Eingangstor“ am Anfang der Wilhelmstraße (heute Poststraße).

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Der Festzug führte zum Markt mit der begrünten Johanniskirche und dem geschmückten Rathaus über die Breite Straße, Treuenbrietzener Straße (heute Rudolf-Breitscheid-Straße) zur Jakobikirche. Die Häuser waren mit Fahnen und Girlanden geschmückt. Eine Galaequipage mit fünf Pferden sollte die Kaiserin mit ihrem Gefolge zur Jakobikirche bringen, wo dann zu ihrer Ankunft die Glocken läuten sollten.

Prinzessin Louise Sophie vertrat ihre Schwester, Kaiserin Auguste Viktoria, bei der Einweihung der Jakobikirche in Luckenwalde. Quelle: privat

Dies geschah wohl auch so, nur mit anderer Besetzung. Denn Pech für die Luckenwalder Bürger: Die Kaiserin kam gar nicht. Ihr war unwohl. Dafür schickte sie ihre jüngere Schwester, Prinzessin Louise Sophie, Gattin des Kaiser-Cousins Prinz Friedrich Leopold.

Peinliche Zeitungsente

Und peinlich für die Luckenwalder Zeitung: Deren Redaktion war das Wagnis eingegangen, schon vorher reportagenartig über das Ereignis zu berichten, um es pünktlich unter die Leser zu bringen. Die Titelseite der Festzeitung zierte ein Bild der Kaiserin mit der Widmung „Unserer Kaiserin zur Einweihung der St. Jacobi-Kirche.“ Und es ist zu lesen: „Um 11 Uhr 15 Minuten trifft die Kaiserin auf dem hiesigen Anhalter Bahnhofe ein. (...) Alsdann begiebt sich die Kaiserin mit ihrem Gefolge durch die Feststraße nach der neuen Kirche (...).“

Doch was als brandaktuelle Reportage gedacht war, erwies sich als Zeitungsente. Erst zwei Tage später berichtet sie, wie der „Erbauer der Kirche“, der Architekt Friedrich Adler, mit der Prinzessin Vorlieb nehmen musste: „Jetzt nahte sich der Wirkl. Geh. Oberbaurath, Professor Adler, und überreichte auf weißem Atlaskissen den vergoldeten Schlüssel, die Prinzessin bittend, den Befehl zur Öffnung der Kirche zu ertheilen.“

Nur einer von vielen Rückschlägen

Die Enttäuschung über das Ausbleiben der Kaiserin bei diesem weihevollen Akt war nur eine von vielen Rückschlägen, die die Luckenwalder Gemeinde einstecken musste, bevor sie dann doch ihr Ziel erreichte. Diese Entwicklung hat nun zum 125. Jahrestag der Kirchenweihe Ulrich Kappes, promovierter Theologe und Pfarrer im Ruhestand, recherchiert und aufgearbeitet.

Allein bei der handwerklichen Umsetzung der ihn faszinierenden Architektur gerät er ins Schwärmen: „Ich bin begeistert, wenn ich sehe, wie die Fugen auch bei Rundungen ohne die geringste Verschiebung ineinander übergehen. Da ist kein halber Zentimeter an Ungenauigkeit zu bemerken.“ Doch bevor erst einmal der Grundstein am 3. Mai 1892 gesetzt werden konnte, mussten viele Steine aus dem Weg geräumt werden.

Es gibt etwas Höheres als Schornsteine

Die wachsende Einwohnerzahl der mit hohen Schornsteinen gespickten Industriestadt verlangte nach einer weiteren Kirche. Diese sollte „eine große, teure und schöne Kirche“ werden, wie Kappes schreibt, „eine Kirche, die sozusagen predigt: Es gibt etwas Höheres als die Schornsteine.“

Als „Kaiserschinken“ wird das Bauwerk gern bezeichnet, weil es ohne das königliche Patronat und kaiserliche Protektorat nie so groß hätte errichtet werden können. So gilt sie gemeinhin als „Trutzburg“ des Kaisers gegen die in Luckenwalde stark ausgeprägte Sozialdemokratie und als Bollwerk gegen den praktizierten Atheismus der Arbeiterbewegung.

Kaiserpaar trägt zum Gelingen des Kirchenbaus bei

Kappes neigt aber dazu, die Klassengegensätze zwischen dem entweder christlich oder jüdisch geprägten Bürger- und Großbürgertum und der kirchenfernen Arbeiterschaft nicht überzubewerten, zumal er in der Stadt eine karitativ geprägte Vereinskultur auf beiden Seiten konstatiert. Daher geht er davon aus, „dass der Kirchenbau trotz eines starken sozialistischen Flügels in der Stadt auf keine Widerstände traf“.

Wie kam es aber, dass es ausgerechnet das Kaiserpaar war, das zum Gelingen des Kirchenbaus beitrug?

Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria trugen maßgeblich zur Finanzierung der Jakobikirche in Luckenwalde bei. Quelle: dpa

1885 wurde der Platz für den Kirchenbau in der Zinnaer Straße festgelegt. Dann ging es um die Finanzierung. Die geplante Jakobikirche konnte noch nicht wie hunderte anderer Kirchen wenig später aus der Schatulle des Evangelischen Kirchenbauvereins bezahlt werden, dessen Vorsitzende die Kaiserin war, weil dieser Verein erst 1890 gegründet wurde. Allerdings war es schon vorher möglich, Fördermittel einzuwerben. Kirchen, die nicht unter dem Patronat eines örtlichen Adelsgeschlechts standen, konnten in das Patronat des preußischen Königshauses aufgenommen werden. Damit war ein „Patronatsbeitrag“ verbunden, der ein gutes Drittel der Bausumme absicherte.

Politisch motivierte Widerstände

Allerdings scheiterte dieses Bemühen 1885 zunächst an vermutlich politisch motivierten Widerständen. Das änderte sich 1887, als abzusehen war, dass der streng pro-protestantisch gesinnte Kronprinz Wilhelm bald den Thron besteigen und damit die antiklerikale Politik von Reichskanzler Otto von Bismarck sein Ende finden werde. Tatsächlich wurde Luckenwalde nach einigen Verhandlungen in die Patronatsliste aufgenommen und es ging eine Überweisung von 100.000 Mark zum Weihnachtsfest 1887 ein. Die Königliche Regierung in Potsdam, also der zuständige preußische Regierungsbezirk, wurde aufgefordert, „sich die thunlichste Förderung der Bauangelegenheit in Luckenwalde zur Pflicht zu machen“.

Der erste Entwurf fiel durch

Das Ergebnis war aber ein Entwurf, der „nicht den Beifall der kirchlichen Organe“ fand, schreibt die Luckenwalder Zeitung. „Besonders mißfiel es, daß in unserer Stadt der Schornsteine ein ansehnlicher, diese überragender Glockenturm fehlte.“ Es folgte ein Verhandlungsmarathon, bis sich schließlich der berühmte Architekt, Schinkelschüler und Behördenchef Friedrich Adler höchstpersönlich der Sache annahm. Sein Entwurf fand 1889 „den vollsten und allgemeinsten Beifall der kirchlichen Organe“. Was kaum verwundert, denn schließlich sei es eine „unglaubliche Ehre für die Stadt“ gewesen, so schreibt Kappes, „dass der Architekt der Erlöserkirche in Jerusalem und der Schlosskirche in Wittenberg“ die neue Kirche in Luckenwalde entworfen hat.

Plan des Stararchitekten hat seinen Preis

Das hatte aber seinen Preis. Die geschätzte Bausumme für diesen Prachtbau lag bei 224.000 Mark. Das Patronatsgeld und eine Spendenkasse wiesen nur rund 120.000 Mark auf. Es fehlten also noch 100.000 Mark. Die einzige Chance bestand darin, dass das Kaiserhaus das Protektorat für die Jakobikirche übernimmt. Davon durfte man eine weitere Spende sowie ein herausragendes Geschenk erwarten. Vermutlich war es der gute Name des Architekten, der mit zu dem Erfolg führte.

Nach zähem Ringen kam schließlich am 24. März 1892 die erlösende Nachricht. So schrieb der Hofmarschall der Kaiserin: „Ihre Majestät übernimmt gern das Protektorat über die in Luckenwalde zu erbauende zweite große Kirche.“ Das mittlere Chorfenster gab es als Patronatsgeschenk und obendrein 42.000 Mark als „allerhöchstes Gnadengeschenk“. So reichte eine Kreditaufnahme von 56.000 Mark.

Bürgerstolz: Die Gemeinde wollte es so groß

Warum aber ist die Jakobikirche so groß geworden? Ganz einfach, meint Ulrich Kappes: „Weil es die Luckenwalder Gemeinde nicht anders wollte.“ Es war der Bürgerstolz einer aufstrebenden Industriestadt. Kappes These: „Es waren nicht die für die damalige Zeit übliche Gigantomanie oder Prunksucht. Es ist auch nicht der Kaiser gewesen, der in eine von der Sozialdemokratie geprägten Stadt eine Trutzburg errichten wollte. Es war vielmehr der sich über ein halbes Jahrzehnt hinziehende Kampf des Gemeindekirchenrates und seiner Gemeinde für eine anspruchsvolle Architektur.“

Mag sein, aber das eine schließt das andere ja nicht aus.

Von Hartmut F. Reck