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Jüterbog Vor und nach der Wende: Keine Angst vor kritischen Äußerungen
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10:39 09.11.2019
Wahlplakat des Bürgerforums Jüterbog aus dem Jahr 1990. Quelle: Privat
Jüterbog

Rudolf Popp und Karl-Heinz Zilz gehörten zu den ersten Jüterboger Stadtverordneten nach der Wendezeit. Gemeinsam mit Heinz-Jürgen Schuster, Detlef Schinkel, Ilse Fluche und Rainer Roßmann schlossen sie sich nach der Wiedervereinigung zum Bürgerforum Jüterbog zusammen und traten zur Wahl am 6. Mai 1990 als Vertreter für eine unabhängige bürgernahe Kommunalpolitik an.

Mit Erfolg: Alle Kandidaten wurden in die Jüterboger Stadtverordnetenversammlung gewählt. Neben der SPD war das Bürgerforum mit sechs Sitzen die stärkste Kraft.

Engagement in kirchlichen Gruppen

Zu den Gründen, warum die Kandidaten des Bürgerforums so viele Jüterboger begeisterten, gehörte sicherlich auch ihr Auftreten vor der Wende. Denn schon auf dem Wahlplakat 1990 machte das Bürgerforum klar: „Unsere Kandidaten gehörten noch nie einer Partei an!“

Kritiker des DDR-Systems

Rudolf Popp und Karl-Heinz Zilz zählten in Jüterbog mit zu den größten Kritikern des DDR-Systems. Angst davor, ihre Position offen zu vertreten, hatten beide nie. Darüber hinaus engagierten sich die Männer in kirchlichen Gruppen. In Jüterbog war die evangelische Kirche mit ihrem damaligen Kreisjugendpfarrer Bernd Lotz und seiner Jungen Gemeinde die treibende Kraft der oppositionellen Bewegung.

„Wir kamen oft im Teekreis zusammen, um zu diskutieren“, berichtet Karl-Heinz Zilz. Immer mehr Leute waren interessiert. Schnell zählte die Gruppe, aus dem nach der Wende das Bürgerforum hervorging, „um die 100 Personen“, so Zilz.

Unter Beobachtung: Zilz blieb seiner Meinung treu

Dass der 83-Jährige Teil einer widerständischen Bewegung war, blieb auch bei den Mitarbeitern der Staatssicherheit nicht unbemerkt. Wie Karl-Heinz Zilz berichtet, hatte er deswegen aber nie ernsthafte Probleme. Das Interesse an seiner Person war dennoch groß. So erinnert sich Karl-Heinz Zilz unter anderem daran, wie ein Lehrer seiner Kinder eines morgens an seinem Arbeitsplatz bei der Deutschen Post erschien und ihn in ein Gespräch verwickelte.

Karl-Heinz Zilz war nach der Wende Stadtverordneter in Jüterbog. Quelle: Isabelle Richter

Auf Nachfrage seiner Kinder, was der Lehrer denn eigentlich von ihm wollte, kam Karl-Heinz Zilz ins Stutzen. „Ich habe dann erst gemerkt, dass es von seiner Seite aus eigentlich gar keinen Grund für das Gespräch gab. Ich glaube, er wollte einfach nur mal sehen, was ich für ein Mensch bin“, erzählt der 83-Jährige. Zilz glaubt heute, dass die Stasi ihn wohl deshalb in Ruhe ließ, weil er seine Meinung von Anfang an klar und souverän vertrat und sich nicht – wie viele andere – einschüchtern ließ.

Stasi holte seine Tochter aus dem Unterricht

Auch Rudolf Popp berichtet, er habe nur wenig Schwierigkeiten mit der Stasi gehabt. „Als Mediziner war es einfach, sich querzustellen“, so der 83-Jährige. Rudolf Popp wurde als Kinderarzt dringend in Jüterbog gebraucht, das mussten auch seine politischen Gegner anerkennen.

Seine ältere Tochter dagegen, die sich ebenfalls kirchlich engagierte, bekam die Ausmaße der staatlichen Machtausübung schon deutlicher zu spüren. „Sie wurde einmal von der Stasi aus dem Unterricht geholt“, so Popp.

Rudolf Popp hatte keine Angst vor der Stasi. Quelle: Isabelle Richter

Trotz des Risikos, dass seine Tochter eventuell Schwierigkeiten mit einem Studienplatz bekommen könnte, ging sich der Mediziner persönlich beschweren. Der Vorfall ist in seiner Stasi-Akte dokumentiert. „Ich habe die Akte eigentlich nur sehen wollen, um zu gucken, ob ich von Leuten aus meinem engen Bekanntenkreis bespitzelt wurde. Das war aber nicht der Fall. Stattdessen musste ich nur den Kopf darüber schütteln, mit was sich die Stasi alles befasst hat.“ Auch Karl-Heinz Zilz fand in seiner Akte nichts, was ihn wirklich schockierte.

Altstadt-Pflasterung: Nur eine von vielen Diskussionen

Für Rudolf Popp und Karl-Heinz Zilz kam es übrigens nie infrage, aus der DDR zu fliehen – auch, wenn sich die Gelegenheit dazu durchaus geboten habe. Beide leben bis heute gern in ihrer Heimatstadt Jüterbog und freuen sich über die Entwicklung. Über seine Arbeit als Stadtverordneter berichtet Rudolf Popp: „Mir hat es Spaß gemacht. Ich habe mich nicht dazu zwingen müssen.“

Viel für Jüterbog erreicht

Mit ihrer regen Teilnahme an Diskussionen und ihrem kritischen Blick haben Popp und Zilz einiges für die Entwicklung Jüterbogs getan. „Wir haben sicher auch Fehler gemacht. Trotzdem haben wir eine Menge erreicht“, so Zilz.

Mit der Altstadt sei den damaligen Stadtverordneten aus seiner Sicht etwa Tolles gelungen. „Ich weiß noch, dass wir ewig lang über die Pflasterung diskutiert haben“, erinnert sich der 83-Jährige. Statt rot-bräunlicher Kunststeine, wie sie oft im Westen Deutschlands verlegt wurden, fiel die Entscheidung auf graues Granit. Von vielen Besuchern ernten die Jüterboger dafür bis heute viel Lob.

Von Isabelle Richter

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