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Jüterbog Wegen RTL-2-Sendung: Altes Lager hat Angst vor Imageschaden
Lokales Teltow-Fläming Jüterbog Wegen RTL-2-Sendung: Altes Lager hat Angst vor Imageschaden
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11:35 18.10.2019
Dieser Block in Altes Lager ist bewohnt. In der RTL-2-Sendung wird ein leerstehender Block gezeigt, der gerade saniert wird. Ein weiteres Mittel, um die Gegend trostloser darzustellen, als sie ist. Quelle: Richter
Altes Lager

Schon bevor die nächste Staffel der RTL 2-Sendung „Hartz und herzlich“ überhaupt gestartet ist, macht sich im Netz große Empörung breit. Der Grund: Am Dienstag, 29. Oktober, strahlt der Privatsender zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr die erste Folge der insgesamt dreiteiligen Sozialreportage mit Protagonisten aus dem Ortsteil Altes Lager der Gemeinde Niedergörsdorf (Teltow-Fläming) aus.

Die Dreharbeiten dazu fanden bereits 2018 statt. Zahlreiche Einwohner aus Altes Lager befürchten nun einen gewaltigen Imageschaden.

Alkoholiker und Arbeitslose

Über mehrere Monate begleitete das Kamerateam die 25-jährige Franziska und den 49-jährigen Totti. Beide haben ihr Leben offensichtlich nicht im Griff. Der fehlende Job, das fehlende Geld, Probleme mit dem Jugendamt und die Alkoholsucht bestimmen ihren Alltag. Laut der Ankündigung von RTL 2 seien die beiden aber keine Einzelfälle, sondern nur zwei Beispiele für die durchschnittliche Klientel in Altes Lager.

Schon während der damaligen Dreharbeiten war das TV-Format Gesprächsthema Nummer eins. Seit vor wenigen Tagen der Termin für die erste Ausstrahlung bekannt wurde, ploppte das Thema erneut in den sozialen Netzwerken auf. Aktuell wird die Sendung auf Facebook heiß diskutiert.

Die Meinungen dazu sind geteilt. Der Großteil zweifelt jedoch daran, dass die Produktionsfirma ein ernsthaftes Interesse daran hat, in ihrer Sozialreportage – wie sie selbst behaupten – „ein realistisches Abbild der Lebensrealität“ zu zeigen.

„Die Sendung ist leider sowas von übertrieben!“ oder „Da wurden natürlich die Vorzeige-Menschen schlechthin genommen. Hauptsache, Unwahrheiten werden im TV ausgestrahlt“, kommentieren zwei Nutzerinnen einen Beitrag zur Sendung auf Facebook.

Gemeinde hat Anwalt eingeschaltet

Während einige Einwohner sich den Sendetermin schon im Kalender markiert haben, wollen andere die Ausstrahlung am liebsten verhindern. Auch die Gemeinde Niedergörsdorf hat einen Anwalt eingeschaltet und prüfen lassen, ob die Ausstrahlung noch gestoppt werden kann. Denn schon die Ankündigung der Sendung enthält Fehler, wie Niedergörsdorfs Bürgermeisterin Doreen Boßdorf (Bürgergemeinschaft) berichtet.

Einwohner aus Altes Lager wissen: Der Ortsteil der Gemeinde Niedergörsdorf hat mehr zu bieten.

Dort werde Altes Lager zum Beispiel fälschlicherweise als Stadtteil bezeichnet. Viel schlimmer sei jedoch die Behauptung, dass 1600 Menschen aus Altes Lager keine feste Arbeit haben. Doreen Boßdorf weiß es besser. „Altes Lager hat nach heutigem Stand 1911 Einwohner. Davon sind 1245 zwischen 16 und 65 Jahre alt und nur die können ja erwerbsfähig sein.“

Laut Statistik der Arbeitsagentur waren im September im gesamten Landkreis Teltow-Fläming insgesamt 3965 Menschen arbeitslos. „Dann müsste ja fast die Hälfte davon in Altes Lager wohnen. Das kann nicht stimmen“, kommentiert die Bürgermeisterin die Aussagen im Pressetext zur Sendung.

Auch an anderen Drehorten gab es Probleme

Dass die Tatsachen bei „Hartz und herzlich“ gerne mal ein wenig verdreht werden, um die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben, ist bereits bekannt. Im Frühjahr 2019 strahlte der Sender die gedrehten Folgen im Winzler-Viertel der Stadt Pirmasens (Rheinland-Pfalz) aus. Auch hier stimmte vieles nicht. In der Sendung wurde etwa behauptet, dass ein Kriegerdenkmal auf dem Alten Friedhof von Satanisten als Kultstätte genutzt werde. Die Polizei bezeichnete dies auf Anfrage einer örtlichen Tageszeitung als „absoluten Humbug“. Zudem seien Orte als „Brennpunkt“ oder „Prügeltreffpunkt“ bezeichnet worden, obwohl dem nicht so ist.

Auch Doreen Boßdorf fürchtet, dass der Ortsteil Altes Lager durch falsche Darstellungen in den Dreck gezogen werden könnte. „Für uns und die Einwohner ist es traurig und ein Schlag ins Gesicht“, so die Bürgermeisterin. Auf ihre Nachfrage bei einem Rechtsanwalt, ob man die Ausstrahlung verhindern könne, gab es jedoch nicht die gewünschte Antwort. Die Begründung: Die gezeigten Leute haben dem Dreh zugestimmt. Zudem werden sie hauptsächlich in ihren eigenen Wohnungen gefilmt.

Bürgermeisterin will trotzdem reinschauen

Dass es nur ein paar Meter entfernt von dem gezeigten Wohnviertel auch ein Kulturzentrum, einen Jugendclub, eine Skate-Anlage, einen großen Sportplatz und die Freiwillige Feuerwehr sowie eine funktionierende Dorfgemeinschaft in Altes Lager gibt, wird wohl in der Sendung nicht zur Sprache kommen. Doreen Boßdorf findet das schade. Sie will sich die Sendung trotzdem anschauen und hofft, dass der Zuschauer sich nicht so leicht blenden lässt.

Von Isabelle Richter

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