Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Jüterbog Sigmar Gabriel spricht in Jüterbog – und sucht ein wenig Streit
Lokales Teltow-Fläming Jüterbog Sigmar Gabriel spricht in Jüterbog – und sucht ein wenig Streit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:30 26.05.2019
Sigmar Gabriel, Maja Wallstein mit Erik Stohn kamen während der Diskussion im Kulturquartier dem Publikum näher. Quelle: Hartmut F. Reck
Jüterbog

Die Polizei stand mit einigem Abstand aber deutlich sichtbar auf der Mönchenstraße in Jüterbog mit Blick auf das Mönchenkloster. Hier sollte gleich Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender und Ex-Wirtschafts- und Ex-Außenminister, der SPD-Europakandidatin Maja Wallstein Schützenhilfe geben. Dazu fuhr der örtliche SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn mit Gabriel ein wirklich großes Geschütz auf.

Konfrontation blieb zunächst aus

Die zu erwartende Konfrontation mit AfD-Anhängern blieb aus, zumindest eine ganze Weile. Ein knappes Dutzend von ihnen versammelte sich vor dem Eingang des Kulturquartiers und traute sich erstmal nicht ins Innere. Erst als Wallstein und Gabriel mit knapp zehnminütiger Verspätung eintrafen, kamen sie hinterher und besetzten die hinteren beiden Stuhlreihen.

Während der SPD-Wahlveranstaltung am Donnerstagabend im Jüterboger Kulturquartier kam Sigmar Gabriel dem Publikum immer näher, als er vom Podium herabstieg und selbst Wutbürger um den Finger wickelte.

Im Saal waren rund 80 Besucher, Stohn und seine SPD-Genossen hatten sicherlich mit größerem Interesse gerechnet. Aber der Politstar des Abends nahm es gelassen: „An so einem schönen Abend kann man auch etwas anderes machen, als sich mit Politik zu beschäftigen“, meinte Gabriel und bedankte sich bei den Anwesenden, „dass Sie uns hier nicht alleine lassen“.

Zunächst durfte Maja Wallstein begründen, warum sie eine so „glühende Verfechterin Europas“ sei, wie Erik Stohn sie angekündigt hatte. Die 33-jährige Ex-Juso-Chefin ist Mutter eines kleinen Mädchens hat Politik- und Verwaltungswissenschaften, sowie Polnisch studiert und ist ehrenamtliche Fußball-Schiedsrichterin. Wallstein ist die Ersatzkandidatin für Simon Vaut, den die SPD mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt hat, weil er gelogen hatte, was seinen angeblichen brandenburgischen Wohnort betraf. „Völlig idiotisch“, konnte dazu Sigmar Gabriel nur sagen. Doch das allgemeine Interesse galt weniger diesem Fauxpas, sondern vielmehr dem fast 60-jährigen Politprofi mit nationalem und internationalem Profil.

Geopolitische Ausführungen

Sigmar Gabriel erklärte, warum Europa wichtig für den Wohlstand Deutschlands ist, weil eben die meisten Exporte von hier in die europäischen Nachbarstaaten gehen. Er machte aufmerksam auf die Verschiebung der Handelswege und somit der Machtachsen vom Atlantik zum Pazifik, wodurch der alte Kontinent nach 600 Jahren Eurozentriertheit geopolitisch an den Rand gerät. Eigentlich gebe es nur noch zwei Großmächte: die USA und China. „Wir stehen vor einer Zeitenwende“, betonte der ehemalige Chefdiplomat. Deshalb sei es so wichtig, dass Europa zusammenhalte. Deutschland allein könne da wenig ausrichten.

Sicherheitspolitische Ängste

Aber auch sicherheitspolitisch kämen harte Zeiten nicht nur auf Europa zu, warnte Gabriel: „Ich habe am meisten Angst vor einer Spirale des atomaren Wettrüstens“, sagte er, wenn sich die Atommächte immer mehr aus den Atomwaffenverträgen zurückzögen und andere, kleinere Staaten sich dann selbst mit Atomwaffen rüsteten. „Das ist dann schlimmer als im Kalten Krieg, bei dem es nur zwei Blöcke gab“, so Gabriel.

Gezielte Provokationen

Als es dann um Fragen der Flüchtlingspolitik und Grenzsicherung ging, wurde es endlich etwas unruhig in den AfD-Rängen. Das brachte den Politprofi und studierten Lehrer für Erwachsenenbildung in Stimmung: „Wenn Ihr nicht den Mut habt, etwas zu sagen, dann hört wenigstens zu, dann könnt Ihr noch was lernen!“ Und als das immer noch nichts half, provozierte Gabriel noch etwas deutlicher: „Richtig deutsche Helden, da hinten.“

Wer ist das Pack?

Endlich wagte sich ein älterer Mann zu Wort, der in der ersten Reihe saß, sich aber selbst als „einer dieser Pack’ler“ bezeichnete in Anspielung auf Gabriels Bezeichnung zumindest weit rechts stehender Menschen als „Pack“. Aber Gabriel wäre nicht Gabriel, wenn er darauf nichts zu antworten wüsste: „Möchten Sie Flüchtlingsheime anstecken?“, fragte er den Mann, bei dem sofort die Luft rausging. „Mit Pack habe ich Leute in Heidenau angesprochen, die andere Menschen anzünden wollten“, sagte Gabriel. Dort wo er herkomme, gebe es für solche Leute noch ganz andere Ausdrücke. Und wer sich als „Pack“ angesprochen fühle, müsse . . . der Rest ging in einem Wutgeschrei der AfD-Sympathisanten, darunter auch AfD-Kommunalwahlkandidaten, unter. Sie fühlten sich offensichtlich angesprochen und regten sich darüber auf, dass sie hier als Brandstifter hingestellt würden, was Gabriel gar nicht getan hatte. Es scheint eher so, dass sie den Begriff „Pack“ für sich inzwischen trotzig als Ehrentitel in Anspruch nehmen. Lauthals verließen sie den Raum.

Wutbürger erliegt der Charmeoffensive

Gabriel ließ das ungerührt. Er stieg vom Podium herab und sprach ruhig auf den ebenfalls aufgebrachten Fragesteller ein und wickelte ihn nach Strich und Faden um den kleinen Finger: „Ich wünsche mir eine ruhige Diskussion, ohne dass wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen.“ Anstatt alles in Deutschland oder in Europa schlechtzureden, empfahl der nicht mehr ganz so schwergewichtige SPD-Politiker, „doch mal stolz zu sein, auf das, was uns hier gelungen ist. Das ist auch auch Ihre Leistung!“, sagte er dem anfänglichen Wutbürger, dem es bei dieser Charmeoffensive geradezu die Stimme verschlug.

Ärger mit der Frau

Nach noch einigen Ausführungen über die notwendigen europäischen Hilfen für die Lausitz sagte Sigmar Gabriel plötzlich mit Blick auf die Uhr: „Jetzt muss ich aber weg, denn ich kriege lieber Ärger mit Ihnen als mit meiner Frau.“ Das war wohl eins seiner überzeugendsten Argumente an diesem Abend.

Von Hartmut F. Reck

Erst wollten Aldi und Rewe die Grundstück an den Fuchsbergen erwerben, wo früher das „Wasserpfeifchen“ und ein Getränkemarkt standen. Jetzt hat es Edeka erworben – als möglichen Roter-Netto-Standort.

23.05.2019

Wandern, die Fläming-Skate oder die historischen Innenstädte: Was macht eigentlich den Fläming aus? Der Tourismusverband hat vor drei Jahren ein ganz anderes Ergebnis herausgefunden.

26.05.2019

Aller Anfang ist schwer, auch für eine Schule. Zwanzig Jahre nach dem Start der Jüterboger Kastanienschule überwiegt das Positive. Beim zweitägigen Schulfest war Zeit für Rückblicke.

23.05.2019