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Teltow-Fläming Krimi um die Bahnhofseiche
Lokales Teltow-Fläming Krimi um die Bahnhofseiche
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22:20 27.02.2014
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Dahlewitz

Anke Treffkorn nimmt einen tiefen Schluck Rotkäppchen-Sekt aus dem Plastikbecher. „Das muss jetzt sein“, sagt sie und prostet den Bauarbeitern zu. Die haben sich für ein Gruppenfoto vor der Eiche aufgestellt. Der Baum, der mehr als 150 Jahre das Ortsbild von Dahlewitz mitprägte liegt aufgebockt im Garten des Bürgerhauses. Die Anstrengung ist allen Beteiligten anzusehen. Hinter ihnen liegt ein regelrechter Krimi, in dem die Eiche die Rolle der Diva spielt, die sich dafür zu rächen scheint, dass sie einem Straßentunnel weichen muss. In den Nebenrollen die Dahlewitzer, denen klar wird, dass die Mitte ihres Ortes in einigen Jahren nicht mehr wiederzuerkennen ist.

„Wir müssen uns daran gewöhnen, dass unser Zentrum bald ein Tunnel ist“, sagt Anke Treffkorn. Auch die Tage des mehr als 100 Jahre alten Bahnhofsgebäudes sind gezählt. Immerhin sei es den Dahlewitzern gelungen, der Deutschen Bahn die Eiche abzutrotzen. Als Kunstobjekt soll der Baum ein zweites Leben im Garten des Bürgerhauses bekommen. Fast ein Jahr Verhandlungen mit Gemeinde, Bahn und Baufirmen haben Anke Treffkorn und ihre Mitstreiter hinter sich. Entsprechend groß ist die Aufregung am Tag der Entscheidung.

Ein Baum wird zum Kunstwerk

Der Baum muss nun trocknen. Damit sich in ihm keine Insekten einnisten, wird er mit Salzlösung eingestrichen.
Spätestens in einem Jahr soll der Baum hinter dem Bürgerhaus aufgestellt werden.
Statiker errechnen, wie groß das Fundament für den Baum im Garten des Bürgerhauses sein muss. Der Verein Historisches Dorf Dahlewitz berät mit dem Kunstschmied Werner Mohrmann-Dressel, wie die Eiche als Kunstwerk aussehen soll.
15 000 Euro hat die Gemeinde Blankenfelde-Mahlow für die Konservierung der Eiche im Haushalt 2014 eingestellt.

Schon früh am Morgen waren viele Dahlewitzer gekommen, um sich von dem 15 Meter hohen Baum zu verabschieden. Es ist eine Mischung aus Trauer, Neugier und Vorfreude, auf jeden Fall kein normaler Tag in Dahlewitz. Anfang der Woche hatten die Arbeiter der Firma König Bau aus Sachsen die Äste der Eiche gestutzt. Das musste sein, damit der mehr als 15 Meter hohe Baum auf einem Tieflader Platz findet. „Zum Glück sieht er noch aus wie ein Baum“, sagt Anke Treffkorn.
Sie hat zuletzt sehr unruhig geschlafen und für den großen Tag extra Urlaub genommen. Wenn die Eiche abgesägt wird, wollte sie unbedingt dabei sein. „Auch wenn es mir sehr nahe geht“, sagt sie und schluckt. Fünf Minuten braucht Steve Richter mit der Kettensäge, dann hängt die Eiche in der Luft, gesichert an den dicken Stahlseilen des Krans. Erster Schock für Anke Treffkorn: Der Stamm ist in der Mitte hohl, das Innere vermodert. „Das haben wir nicht geahnt“, sagt sie. Eine Katastrophe sei das jedoch nicht.

„10,7 Tonnen“, ruft der Kranfahrer aus dem Führerhaus und legt den schwebenden Baum langsam auf die Seite. Polier Rico Lindemann misst den Stammdurchmesser: 1,10 Meter. „Ein ganz schöner Brocken“, sagt Steve Richter und zieht genüsslich an der Zigarette. Jetzt beginnt der schwierige Teil. Der Baum muss auf den Tieflader gehoben und knapp 50 Meter auf der Bahnhofstraße transportiert werden. Doch Torsten Nowicki, der Fahrer des 15 Meter langen Lkw, weigert sich. „Das wird nix“, sagt er. Die ausladende Krone der Eiche ist zu breit für die Straße.

Eine Vollsperrung wurde nicht beantragt. Nun sind Anke Treffkorns Managerqualitäten gefragt. Wenn sie es nicht schafft, innerhalb kurzer Zeit eine Vollsperrung zu organisieren, waren alle Bemühungen, den Baum zu erhalten, umsonst. Dann müsste die Krone um die Hälfte gestutzt werden, vom Baum bliebe nur noch ein Torso. Die nächsten Minuten wird Anke Treffkorn ihr Handy nicht aus der Hand legen. Abwechselnd telefoniert sie mit Ordnungsamt und Polizei. Es geht um eine schriftliche Anfrage für eine Vollsperrung. Die Eiche als deutsches Symbol bringt ein anderes deutsches Phänomen hervor: die Bürokratie. „Hätte ich das gewusst, hätte ich eine Beruhigungspille genommen“, sagt Anke Treffkorn.

Am Ende funktioniert es unbürokratisch. Die Baufirma erklärt sich bereit, die Kosten für die Vollsperrung zu übernehmen. Zwei Streifenwagen der Polizei sperren kurzerhand die Straße ab. Als es scheint, als würde der Transport ein gutes Ende nehmen, gibt es doch noch eine Schrecksekunde. Beim Verladen auf den Tieflader halten die Holzplanken des Aufliegers dem Gewicht des Baums nicht stand. Zwei Äste müssen weichen, damit der Baum abgelegt werden kann. „Ab ist ab“, kommentiert Anke Treffkorn nüchtern. „Es ist wie im Krimi. Eine totale Achterbahnfahrt“, sagt sie.

Der letzte Weg der Eiche auf dem Tieflader verläuft ohne größere Probleme. Autofahrer und Passanten, die wegen der Vollsperrung warten müssen, verfolgen das Spektakel. Begleitet von dutzenden Männern in neonfarbenen Arbeitsjacken und fotografierenden Dahlewitzern nähert sich der Baum seinem Bestimmungsort. Am Kran schwebt er in den Garten des Bürgerhauses. Anke Treffkorn ist erleichtert: „Ich kann endlich wieder lachen.“

Von Christian Zielke

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