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Luckenwalde Koebe-Fabrik vor 140 Jahren gegründet
Lokales Teltow-Fläming Luckenwalde Koebe-Fabrik vor 140 Jahren gegründet
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10:17 08.04.2019
Vor 140 Jahren wurde das Feuerlöschgerätewerk Koebe in Luckenwalde von Hermann Koebe gegründet. Hier eine Ansicht von Werk 1 in der früheren Wilhelmstraße, heute Poststraße. Quelle: Archiv Hermann Koebe IV.
Luckenwalde

Es war die „Gründerzeit“, als mein Urgroßvater, der 26-jährige Gelbgießermeister Hermann Koebe, von seiner Geburtsstadt Herzberg/Elster nach Luckenwalde reiste und mit seiner Frau Emma eine Wohnung im Haag 21 bezog.

In der Wilhelmstraße 9/10 (der heutigen Poststraße) gründete er am 11. Juni 1878 seine Metallgießerei und Kupferschmiede. Die Wiege eines Unternehmens, das sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu einer der bedeutendsten Hersteller für Feuerwehrwehrpumpen und -fahrzeuge entwickelte. Hermann Koebe I. zählte neben Magirus und Metz zu den Feuerwehrtechnik-Pionieren seiner Zeit.

Aufnahme aus einem Werksfilm, der 1929/1930 gedreht wurde: Ein neues Fahrzeug verlässt das Werk 2. Quelle: Archiv Hermann Koebe IV.

Ab 1883 nahm er eine Wohnung bei der Werkstatt. Emma zog dort fünf Söhne auf und war aktiv in der Firma tätig. Sohn Hermann II. und Bruder Willy schnupperten schon als Kinder Werkstattluft. Beide wurden Ingenieure. Das Studium in Neustrelitz war dem Fahrzeug- und Pumpenbau gewidmet. Auf diesen Gebieten zeigten sie großes Talent.

1905: Patent für das bahnbrechende Abprotzsystem

Hermann II. entwickelte 1901 ein System, um schwere Spritzen leicht zu heben, zu fahren und abzusetzen. Dieses Abprotzsystem wurde am 3. März 1905 patentiert und war für die Firma von bahnbrechender Bedeutung.

1908 wurde mit der Herstellung von Dampfspritzen begonnen. Der Pumpenkörper war aus Bronze. Saug- und Druckwindkessel waren aus Kupfer – und unverwüstlich. Große Gewichte waren dafür zu bewältigen. Der Wagenbau gewann deshalb an Bedeutung.

Wohnhaus der Familie Koebe in der Schützenstraße in den 1930er Jahren (heute eine Arztpraxis). Quelle: Archiv Hermann Koebe IV.

Die Spritzen erfreuten sich großer Beliebtheit, auch bei großen Feuerwehren wie in Düsseldorf, Bremen, Bukarest, Barcelona, Stockholm – bis beispielsweise nach Südwestafrika, Indonesien, Ägypten, Tokio, China.

Von Leitern und Staatsmedaillen

Ab 1910 lieferte Koebe die ersten automobilen Löschzüge mit elektrischem Antrieb. Vieles wurde mit hoher Qualitätssicherheit selbst hergestellt. So auch Leitern – von der einfachen Hakenleiter und der Schiebeleiter bis zur fahrbaren Drehleiter. Die Mitarbeiter waren vielfältig qualifiziert.

Auf Ausstellungen erhielt die Firma höchste Auszeichnungen. So 1913 auf dem Feuerwehr-Kongress in Sankt Petersburg: Dort gab es die russische Staatsmedaille.

1921 übergab der Senior die Firma an seine Söhne Hermann II. und Willy. Der neue Familiensitz wurde die Schützenstraße 8, heute Arztpraxis Iffländer.

Firmengründer Hermann Koebe I. im Jahr 1928. Quelle: Archiv Hermann Koebe IV.

Willy Koebe spezialisierte sich mit vielen Patenten auf den Pumpenbau. Koebe-Pumpen waren weit über Deutschlands Grenzen hinaus wegen ihrer Leistungsfähigkeit und Qualität bekannt.

Bis in die 1920er Jahre waren bereits mehr als 1000 Motor- und Automobilspritzen hergestellt worden. 1923/1924 entstand das Werk II im Industriegebiet Treuenbrietzener Straße 79 (heute Rudolf-Breitscheid-Straße).

„Sein Leben war Mühe und Arbeit“

Beide Brüder pflegten stets den Kontakt zu den Feuerwehren. Hermann war mit seinem DKW in Deutschland unterwegs und Willy begab sich auf vielen Auslandsreisen in entfernteste Länder. Der Export hatte großen Anteil am Erfolg.

1929 lieferte Koebe erstmalig in Deutschland Fahrzeuge mit geschlossener Mannschaftskabine. 1932 starb der Gründer und Seniorchef. Der Grabstein auf dem Friedhof am Baruther Tor in Luckenwalde trägt die Inschrift „Sein Leben war Mühe und Arbeit“. Wer kannte damals nicht den allverehrten „Vater Koebe“, der den schlichten Handwerksmeister und erfolgreichen Geschäftsmann in einer Person verkörperte?

Werkstatt-Foto aus dem Jahr 1893 mit Hermann Koebe I. (3. v. l.) und seinen Söhnen Hermann II. (4. v. l.) und Willy (rechts am Wagenrad). Quelle: Archiv Hermann Koebe IV.

 

Bei der Automobil-Ausstellung 1939 präsentierte Koebe eine Schaum-Tankspritze, bei der der Löschbetrieb während der Fahrt möglich war. Flugplätze konnten durch diese Neuerung mehr Sicherheit bieten.

Die Jahre der NS-Zeit

Mein Vater Ing. Hermann Koebe III. war ab 1939 im Unternehmen tätig. Großvater und Vater blieben nach Kriegsende in Luckenwalde. „Wir haben uns doch nichts zuschulden kommen lassen.“

Sie wurden trotzdem im Juli 1945 in das berüchtigte sowjetische NKWD-Spezial-Schweigelager Nr. 5, Ketschendorf (Fürstenwalde), verschleppt. Das jüdische Ehepaar Siegmund und Marie Dunkel, die von Koebes vor den Nazis versteckt gehalten wurden, und viele andere setzten sich vergeblich für die Freilassung ein.

Großvater starb im Lager 62-jährig und Vater wurde nach zweijähriger Inhaftierung mehrjährig in den sibirischen Bergbau nahe Nowosibirsk deportiert.

Emma Koebe, Ehefrau von Hermann Koebe I. Quelle: Archiv Hermann Koebe IV.

1997 teilte mir die russischen Militärhauptstaatsanwaltschaft mit, dass es keine strafrechtliche Verfolgung gab. Lediglich eine Internierung, und zwar „grundlos“.

Nach dem 2. Weltkrieg wird die Firma zum „Volkseigentum“

Die Firma wurde von der brandenburgischen Landesregierung 1948 aus klassenkämpferischen Gründen zu „Volkseigentum“ erklärt. Das Zweigwerk Bad Oeynhausen zerstörten Bomben kurz vor Kriegsende.

Von der nach dem Krieg ideologisch gewollten Bekämpfung des Bürgertums in der sowjetischen Besatzungszone war in Luckenwalde fast der gesamte Mittelstand betroffen. Rund 200 Firmeneigentümer und Privatpersonen verschwanden in sowjetischen Schweigelagern. Viele kamen dort um. Noch heute leidet die einst blühende Industriestadt unter fehlendem Mittelstand.

Die Feuerwehr Mittenwalde hegt und pflegt ihren Oldtimer, der aus dem Feuerwehrgerätewerk Koebe in Luckenwalde stammt.. Quelle: privat

Es ist mir völlig unverständlich, dass in der neuen umfangreichen Chronik der Stadt Luckenwalde dieser Thematik nur wenige Zeilen eingeräumt wurden. Zukünftige Generationen werden sich meiner Ansicht nach darüber wundern, dass Luckenwalder Chronisten gesellschaftlichen Umbrüchen größten Ausmaßes kaum oder nur einseitig Beachtung schenkten.

Viele treue Seelen bei Koebe

Dem traditionsreichen Familienunternehmen Koebe waren viele Mitarbeiter lange Zeit verbunden. Auf 35 bis 43 Jahre Betriebszugehörigkeit konnten zurückblicken Meister Rüdiger, Stellmachermeister Sommer, Gießermeister Lange, Drehermeister Edelmann, Dreher Lachmann, Werkzeugmacher Gollin, Tischler Stolle, Former Klage und andere.

Nach der Enteignung in der sowjetischen Besatzungszone und Weiterführung zu DDR-Zeiten als VEB-Betrieb erfolgte nach der Wende die endgültige Enteignung durch die Kohl-Regierung.

Auf den Spuren der eigenen Familie: Hermann Koebe IV. (2.v.l.) im August 2017 in Luckenwalde. Quelle: Robin Knies

Die von Bundeskanzler Kohl aufgestellte Behauptung, die Sowjetunion hätte die Wiedervereinigung von der Nichtrückgabe des zwischen 1945 und 1949 gestohlenen Eigentums abhängig gemacht, war meiner Meinung nach unwahr. Gorbatschow bestätigte im ICC Berlin, dass es eine solche Bedingung nie gegeben habe.

Kampf ums Erbe der Familie

Bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kämpfte ich um Rückgabe, durch die kein ehemaliger DDR-Bürger geschädigt worden wäre. Mein Ziel war die Wiederbelebung der brandenburgischen Marke „Koebe“. Viele Jahre war ich zusammen mit meinem Vater in der Feuerwehrbranche tätig und kannte den Markt.

Mein Übernahmekonzept lehnte die Treuhand ab und überließ das Koebe-Werk 2 für zwei D-Mark einem branchenfremden Deutsch-Amerikaner, der es in die Insolvenz führte. Auf dem Gelände produziert heute der österreichische Konzern Rosenbauer.

Ich sehe seit nunmehr 30 Jahren meine Aufgabe darin, die Erinnerung wachzuhaltenEs existieren noch 750 Koebe-Fahrzeuge und -Geräte. Sie sind Zeugnisse der Schaffenskraft und des Ideenreichtums der Menschen in Luckenwalde.

Von Hermann Koebe IV.

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