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Luckenwalde Wie umgehen mit den Opfern? Polizei bildet sich weiter
Lokales Teltow-Fläming Luckenwalde Wie umgehen mit den Opfern? Polizei bildet sich weiter
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18:15 02.04.2019
Psychologin Rosmarie Priet erklärt den Polizistin, wann Opfer während eines Prozesses psychosozial betreut werden dürfen. Quelle: Victoria Barnack
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Luckenwalde

Die Fälle klingen wie aus einem TV-Krimi: Die Zähne vom aggressiven Ehemann ausgeschlagen, täglich hunderte Nachrichten vom Ex-Freund auf dem Handy, Ehrenmorde von fanatischen Religiösen, Morddrohungen vom ehemaligen Geliebten. Alle Fälle sind real und nicht nur einmal genauso auch in Brandenburg und Teltow-Fläming passiert.

Nicht nur die Täter zu erwischen und ihnen die Schuld nachzuweisen, ist das hochgesteckte Ziel der Polizei. Bei einer Fachtagung am Mittwoch in Luckenwalde ging es ganz besonders um den Schutz der Opfer.

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TV-Journalist Uwe Madel moderierte die Fachtagung der Polizei in Luckenwalde. Quelle: Victoria Barnack

„In den vergangenen Jahren ist bei diesem Thema auf der gesetzlichen Ebene und in der öffentlichen Wahrnehmung viel geschehen“, sagt TV-Journalist Uwe Madel, der die Fachtagung moderierte, „aber beim Opferschutz läuft noch lange nicht alles gut.“

Enge Kontakte zu Opferschutz-Organisationen

Zum letzten Mal hatte die Polizeidirektion West ihre Mitarbeiter von Teltow-Fläming bis ins Havelland vor fünf Jahren zur Opferschutz-Fortbildung geladen. „Damals konnten die Kollegen gute Kontakte zu wichtigen Ansprechpartnern knüpfen“, berichtet Claudia Sponholz von der Luckenwalder Inspektion.

Die Opferschutzbeauftragte für Teltow-Fläming hat die Veranstaltung nicht nur organisiert, sondern auch die Idee dafür geliefert.

Claudia Sponholz ist Opferschutzbeauftragte der Polizeiinspektion Teltow-Fläming. Quelle: Victoria Barnack

Im Alltag würde den Beamten die Zeit fehlen, sich darüber zu informieren, welche neuen Regelungen es gibt und wie sie im Sinne der Opfer umgesetzt werden können, erklärt sie.

Stalking und häusliche Gewalt: Verfahren scheitern oft

Trotz eines recht jungen Gesetzes zum Schutz vor Stalking und häuslicher Gewalt: Für Betroffene, Polizisten und Juristen sind die Regelungen oft nicht zufriedenstellend. Das bestätigten am Mittwoch gleich mehrere Anwälte.

„Die Verfahren scheitern oft“, berichtete Annett Kalkowski von der Cottbuser Staatsanwaltschaft, „meistens weil Zeugen und Beweise fehlen, wenn Gewalt in der eigenen Wohnung geschieht oder weil sich die Opfer nach einer Weile doch gegen eine Aussage vor Gericht entscheiden.“

Gerichtsverfahren nach häuslicher Gewalt scheitern oft, weil Zeugen und Beweise fehlen. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa

Immer wieder käme es vor, dass Frauen weiter Zeit mit ihrem aggressiven Partner verbringen, obwohl sie schon mehrmals geschlagen oder getreten wurden.

Die emotionale Nähe zwischen Täter und Opfer erschwert das Vorgehen in vielen Fällen: „Es kam auch schon vor, dass sich Paare verlobt haben, während der Mann in Haft saß, weil er seine Frau geschlagen haben soll“, erzählt Kalkowski.

Anwältin: Opfer müssen Handy-Terror oft einfach ertragen

Unbefriedigend sei die Arbeit auch beim Thema Stalking, egal ob auf der Arbeit, vom Ex-Freund oder dem Nachbarn. „Mit Nachrichten bombardiert zu werden, müssen die Opfer oft einfach ertragen“, berichtet die Juristin.

Denn eine Straftat liegt erst dann vor, wenn das Opfer durch die Belästigung beispielsweise zum Wechseln von Wohnung oder Arbeitsplatz oder zur Aufgabe eines Hobbys gezwungen wird. „Die Telefonnummer wechseln zu müssen, reicht hier leider nicht“, sagt Kalkowski.

Das deutsche Gewaltschutzgesetz ist fast 20 Jahre alt. Zuletzt wurde es im März 2017 novelliert. Quelle: Angelika Warmuth/dpa

Umso wichtiger sei es in solchen Fällen, frühzeitig mit dem Opferschutz zu beginnen, erläutert Sponholz. Ihre Kollegen können ganz konkret schon bei der Aufnahme einer Strafanzeige auf dem Revier helfen.

Bei Stalking-Opfern beispielsweise kann die private Adresse geheim bleiben und eine andere wie die der Arbeitsstelle oder von Verwandten angegeben werden.

Opfer können vor Gericht von Psychologen betreut werden

Auch Opfer und Zeugen schnell mit Psychologen zu verbinden, kann eine Hilfe sein. In einigen Fällen ist eine solche Betreuung sogar gesetzlich vorgeschrieben. 30 Mal war das 2018 in Brandenburg der Fall, hauptsächlich bei sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen.

Auf freiwilliger Basis ist die psychologische Betreuung auch für Zeugen möglich. Sie wird etwa zehnmal häufiger in Anspruch genommen.

Miniatur-Gerichtssaal gegen böses Kopfkino: Nicht nur Kinder werden hiermit auf ihre Aussage vor dem Richter vorbereitet. Quelle: Victoria Barnack

„Die größte Belastung für die Opfer ist die lange Verfahrensdauer“, berichtet Psychologin Rosmarie Priet vom Potsdamer Opferhilfe-Verein. Sie versucht ihnen die Angst vor dem Verhör, dem Richter oder der erneuten Konfrontation mit der Tat zu nehmen.

Auch vorgefertigte Bilder aus Film und Fernsehen über den Umgang mit Straftätern und ihren Opfern prägen die Arbeit der Psychologin. „In jedem Krimi klicken am Ende die Handschellen. Viele sind entsetzt, wenn sie merken, dass das in der Realität nicht so geschieht“, erzählt sie.

Von Victoria Barnack