Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ludwigsfelde Bürgermeister hält das Bevölkerungswachstum der Stadt für „nicht mehr gesund“
Lokales Teltow-Fläming Ludwigsfelde Bürgermeister hält das Bevölkerungswachstum der Stadt für „nicht mehr gesund“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
06:06 01.10.2019
Bürgermeister Andreas Igel (SPD) vor dem Rathaus der Stadt Quelle: Jutta Abromeit
Anzeige
Ludwigsfelde

1. Oktober – Halbzeit der ersten Amtszeit für den Ludwigsfelder Bürgermeister Andreas Igel (SPD). Urplötzlich hatte er als Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung auf Anfrage seiner Partei vor der Kandidaten-Entscheidung gestanden, als im März 2015 sein Vorgänger Frank Gerhard mit 48 Jahren gestorben war. Mercedes-Manager Igel wechselte nach dem deutlichen Sieg im ersten Wahlgang gegen drei Konkurrenten aus dem politischen Ehren- ins Hauptamt und sagt nach seinen ersten vier Jahren, was er noch ändern will.

Was war für Sie leichter, was schwerer als erwartet?

Andreas Igel: Das wäre eine Sonderbeilage der MAZ... Mich überrascht das Interesse vieler Akteure von außen an der Stadt Ludwigsfelde immer wieder. Die große Herausforderung ist es, unzählige Erwartungen von Bürgern, Unternehmen, Stadtverordneten, Ortsbeiräten, Mitarbeitern der Stadtverwaltung und anderer Behörden unter einen Hut zu bekommen. Ich bin aber Optimist und lasse mich von Chancen leiten, nicht von Widerständen.

Und was ist schwererer als gedacht?

Zum Beispiel welcher Aufwand zum Errichten einer von den Menschen der Stadt gewünschten Gesamtschule nötig ist, obwohl nach Schulgesetz alle Voraussetzungen vorliegen.

Welche Erfolge sehen Sie, welche Probleme drängen am meisten?

Das Wachstum der Stadt mit ihren elf Ortsteilen erreicht eine Dynamik, die es so seit der Wende nicht gab. Das ist insgesamt positiv. Die Neue Mitte mit ihrer Attraktivität für unsere Einwohner wird getragen von lokaler Kaufkraft. Und für die ist nun mal die Bevölkerungszahl elementar. Ich bin auch fest überzeugt, dass wir den Autobahnlärm oder die Flugrouten zum BER nur über die Menge betroffener Menschen beeinflussen können.

Ludwigsfelde gilt als Motor im Kreis Teltow-Fläming – wie sehen Sie die wirtschaftliche Lage?

Ludwigsfelde ist nicht nur für den Landkreis – den wirtschaftsstärksten Ostdeutschlands – bedeutsam! Ludwigsfelde ist nach Schönefeld auch zweitstärkster Regionaler Wachstumskern (RWK) in Brandenburg. Hier finden viele Menschen Arbeit und der RWK hat trotz rasant steigender Einwohnerzahl die höchste Dichte sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze im gesamten Land.

Die Schattenseite davon?

Die Wirtschaftskraft der Stadt hängt immer noch überwiegend von wenigen international tätigen Unternehmen ab. Wir brauchen aber die Vielfältigkeit unserer Wirtschaftsstruktur, um von Strukturschwankungen einzelner Industriezweige unabhängiger zu werden.

Und beim Verkehr?

Der Ausbau von Bus- und Schienen-Nahverkehr ist mindestens ebenso wichtig. Wenn da nicht endlich konkrete Maßnahmen kommen, können wir klimapolitische Ziele nicht erreichen und überlassen unsere Bürger weiter täglichen Staus. Ich bringe mich dazu an verschiedensten Stellen aktiv eingebracht und werde nicht müde, das weiter zu tun.

Was kann, was muss die Bürgermeister-Gemeinschaft Teltow-Fläming noch erreichen?

Ich wäre ja schon froh, wenn sich diese Gemeinschaft als solche endlich auch verstehen würde, und nicht immer stundenlang Einzelinteressen debattiert. Sie glauben nicht wie schwer es war, gemeinsam einen Brief zur Verbesserung des Schienennahverkehrs auf der Anhalter-Bahn an die verantwortliche Ministerin und die VBB-Geschäftsführerin zu initiieren. Dabei vermisse ich übrigens die aktive Rolle des Landkreises!

Wie geht die Verwaltung mit der Bevölkerungsexplosion um?

Es gibt hier im Rathaus einen Auftrag an alle Bereiche mit dem Titel Lu@30k – schön neudeutsch: Lu steht für Ludwigsfelde, @ als Verbindungssymbol und 30k steht für 30.000 Einwohner. Das bedeutet, jeder Verwaltungsbereich stellt sich auf das Wachstum der Stadt bis 30.000 Einwohner ein und leitet daraus folgende Aufgaben ab. Pflichtaufgaben Schule, Kita, Feuerwehr, Standesamt oder Meldewesen haben dabei Vorrang vor freiwilligen Aufgaben. Wobei aus Sicht der Bürger völlig nachvollziehbar ist, dass die in vergangenen Jahren geschaffenen Standards im freiwilligen Bereich nicht absinken sollen.

Gibt es für Sie eine Ludwigsfelder Einwohner-Grenze? Und wenn ja, wo liegt sie?

In meiner Amtszeit wurde ja nicht ein zusätzliches Baugebiet ausgewiesen. Baurecht in der Ahrensdorfer Heide beispielsweise wurde 2002 geschaffen und für den Rousseau-Park lediglich überarbeitet. Das hat den Einwohnerzuwachs eher gebremst als beschleunigt. Zudem wurden dabei vergangene Planungsfehler beseitigt. Und bitte nicht vergessen: Investoren haben Vertrauensschutz für bestehendes Baurecht, sonst wird’s teuer. Das derzeitige Wachstum der Stadt ist aber nicht mehr gesund.

Warum?

Einwohnerzuwächse von mehr als 2,5 Prozent pro Jahr überbeanspruchen Verkehrs- und soziale Infrastruktur. Ich halte ich ein organisches Wachstum auf Grundlage dann entstandener Strukturen von Kitas und Schulen für verantwortungsvoll. Das Wachstum muss von den Menschen, die hier bereits leben, gewollt und getragen werden.

Was sagen Sie genervten Nachbarn, bei denen nebenan 20 Betten für Online-Schichtarbeiter in einem Reihenhaus stehen oder acht Osteuropäer in einer Zwei-Raum-Wohnung hausen müssen?

Dass wir solchen Fällen direkt nachgehen. Denn es handelt sich dabei nicht um Wohnen, sondern um gewerbliche Beherbergung. Zuständig ist der Landkreis, mit dem verständigen wir uns gerade.

Wie vor dem Mauerfall fehlen tausende Wohnungen in der Stadt – wo kann, wo sollte auf keinen Fall gebaut werden?

Sie meinen das heftig diskutierte Thema Innenverdichtung. Wir sind uns bewusst, dass der Zubau von Mietwohnungen, gerade an den Stadträndern, die Verkehrsprobleme weiter verschärfen würde. Umgekehrt haben Innenstadt-Grünräume einen hohen Wert für uns alle. Es darf also nur noch bedarfsorientiert gebaut werden – Punktbauten mit ein bis zwei Aufgängen. Und barrierefrei, um älteren Menschen lange ein selbstbestimmtes Leben im gewohnten Umfeld zu ermöglichen mit Naturausgleich unmittelbar nebenan.

Haben Sie da konkrete Vorstellungen?

Ich glaube ja immer noch an meine „bewohnten Schallschutzwände“ entlang der Autobahn, nach dem Vorbild an der Nuthe-Schnellstraße in Potsdam. Damit würde dringend nötiger Wohnraum geschaffen und Bewohner wären vor Autobahnlärm geschützt.

In Ludwigsfelde „kämpfen“ viele Verkehrsarten um Wege, Flächen und Zeiten – welches Gewicht haben Fußgänger, Radfahrer, gewerbliche Transporte und öffentlicher Nahverkehr in Ihrem Ludwigsfelde des Jahres 2030?

Gewerbliche Transporte sind gänzlich aus der Innenstadt und den Ortsdurchfahrten der Ortsteile verbannt. In der Innenstadt dominieren Radfahrer, die an den Bahnhaltepunkten Züge mindestens im 20-Minuten-Takt mühelos erreichen. Alternativ stehen regelmäßig verkehrende, auf Wasserstoffbasis betriebene Busse zur Verfügung. Die Ortsteile sind über autonom fahrende Mini-Rufbusse, die über moderne Apps angefordert werden, mit der Kernstadt und den Zügen verknüpft. Der motorisierte Individualverkehr spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Fläche unter der Autobahn wird wieder von Menschen und nicht von Autos dominiert.

Was sollte besser werden im Umgang der Ludwigsfelder, ob zwischen Neubürgern und Alteingesessenen oder Senioren und Arbeitenden?

Der Respekt voreinander! Wir sollten nicht darauf achten, was uns unterscheidet, sondern uns bewusst sein, was uns verbindet und das ausbauen und stärken.

Sie wollten schon als Stadtrat-Vorsitzender das Langsamer-Sprechen üben – sind Sie schon dazu gekommen?

(Igel lacht) Mir wird immer öfter gesagt, dass mir das deutlichere Sprechen besser gelingt. Aber wie soll ich Ihren Lesern jetzt eine Sprechprobe geben – sie lesen doch in ihrer eigenen Geschwindigkeit.

Von Jutta Abromeit

Die Insolvenz des Reiseanbieters Thomas Cook bringt auch Ludwigsfelder in Urlaubsnöte.

30.09.2019

Als Kinder bauten sie gemeinsam Sandburgen, jetzt soll es ein echtes Sieben-Familien-Wohnhaus werden – Björn Wagner und Karsten Bergemann investieren 1,4 Millionen Euro.

30.09.2019

21 Menschen melden sich in Zossen täglich arbeitslos, sagt die Statistik. Fast genauso viele melden sich ab. Neben vielen neuen Arbeitslosen und freien Stellen bleibt eine gute Nachricht: In TF ist die Arbeitslosenquote wieder gesunken.

30.09.2019