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Ludwigsfelde Homeschooling vor 75 Jahren
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Ludwigsfelde: Homeschooling vor 75 Jahren

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20:17 30.12.2020
Dach der "Zwiebelturmschule" Ludwigsfelde, heute die Gebrüder-Grimm-Grundschule an der Thälmannstraße. Quelle: privat
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Ludwigsfelde

Nicht erst in diesem zu Ende gehenden Corona-Jahr wurden Schulkinder in Ludwigsfelde in heimischen Wohnzimmern unterrichtet. Daran erinnert sich Renate Raeck, eine ehemalige Ludwigsfelderin. Als Schulmädchen hieß die heute 83-Jährige Otto und weiß noch, dass sie sowohl im Kriegswinter 1944/45 als auch im Sommer nach dem Kriegsende zum Lernen in verschiedene Wohnungen ging, weil die„Zwiebelturmschule“ (offiziell Hermann-Löns-Schule) und die Säulenschule (damals Ernst-Udet-Schule) als Lazarett gebraucht wurden.

Die ehemalige Ludwigsfelderin Renate Raeck (geb. Otto/heute 83 Jahre) als Schulkind in Ludwigsfelde Quelle: Privat

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Dass es in Ludwigsfelde nach Kriegsende so nahtlos weiterging mit dem Lernen, sei bemerkenswert, findet sie angesichts der Zerstörungen im Ort und der Demontage-Arbeiten im großen Rüstungsbetrieb nebenan. Damit meint sie das Daimler-Flugmotorenwerk, das fiel als Werk mit der zeitweilig größten Triebwerksproduktion der Nazis unter das Potsdamer Abkommen.

Renate Raeck erinnert sich: „Woanders fielen in den Kriegswirren ganze Schuljahre aus, aber in Ludwigsfelde nicht.“ Außerdem weiß sie noch: „Ich habe im Juni Geburtstag und bekam 1945 von einer Lehrerin in der Schule einen Strauß Blumen. Also wurde da auf alle Fälle schon wieder im Gebäude unterrichtet.“ An viel mehr erinnere sie sich als damals Achtjährige nicht und meint: „Genaueres müsste ja im Stadtmuseum zu finden sein.“

75 Jahre Frieden in Ludwigsfelde: Wegen der Corona-Krise konnte es die große Ausstellung dazu nicht geben. Museums- und Stadtarchivleiterin Ines Krause erzählte im Frühjahr, was neu war im Stadt- und Technik-Museum am Bahnhof und was zur kampflosen Übergabe des Ortes am 22. April 1945 an die von Osten her anrückende Rote Armee nicht vergessen werden solle. Quelle: Jutta Abromeit

Doch leider sind die Informationen auch dort eher spärlich. Selbst Museumsleiterin Ines Krause konnte mit einem Blick ins Stadtarchiv nicht mit Fakten weiterhelfen. Sie sagt: „Dazu gibt’s wirklich kaum was, denn die Lehrerinnen von damals – die Männer waren ja im Krieg – leben nicht mehr. Und die Leute hatten damals andere Sorgen, als etwas aufzuschreiben.“ Der einzige, der ihrer Meinung nach weiterhelfen könne, sei Dietrich Carow. Der geschichtsinteressierte Ludwigsfelder ist heute 84 Jahre alt und war damals ebenfalls Schulkind. Er veröffentlichte bereits einiges über die Geschehnisse in seiner Stadt.

Schule war Lazarett, erst deutsches dann sowjetisches

Zudem traf er sich mit ehemaligen Klassenkameraden zwischen 1993 und 2019 fast jährlich. „Dabei haben wir vieles an Erinnerungen systematisch festgehalten.“ Dank dieser Sammlung kann Carow auch folgendes erzählen: „Die Säulenschule, das heutige Gymnasium, war mal als Klub für wohlhabende Einwohner geplant. Aber weil der Ort schnell wuchs, fehlten Schulen und das Gebäude wurde noch vor der Fertigstellung umfunktioniert.“

In den letzten Kriegstagen, „so ab 17. April“, sagt Carow, fiel der Unterricht aus, die Säulenschule war deutsches Lazarett, nach der kampflosen Übergabe von Ludwigsfelde am 22. April Lazarett der Roten Armee. Bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945 galt Ludwigsfelde 16 Tage lang als Front-Hinterland. Festgehalten hat er in der kleinen Schulgeschichte auch diesen Satz: „Ein Befehl des sowjetischen Kommandanten vom 19. Mai 1945 ermöglichte es, wieder Schulunterricht in der Zwiebelturmschule durchzuführen.“

„Und ab September konnte dann an der Säulenschule wieder unterrichtet werden“, so Carow. Bis dahin, das weiß er noch, gingen die Schulkinder auf Initiative einiger Eltern zum Lernen je nach Schicht vor- oder nachmittags in die privaten Wohnungen von Kohlehändler Menzel, zur Familie von Horst Bergte oder zur Familie von Helmut Hess; jeder brachte ein Stück Holz oder Kohle zum Heizen mit. Und er weiß noch: „Wir wurden nicht nur von Lehrerinnen unterrichtet, auch von den leistungsstärksten Schülern.“

Das mathematisch-naturwissenschaftlich orientierte Marie-Curie-Gymnasium an der Thälmannstraße in Ludwigsfelde war 1945 ab 17. April bis zum Sommer Lazarett. Quelle: Jutta Abromeit

Die 61 Jahre alte Museumsleiterin Krause meint: „Nach dem, was ich von der Zeit direkt am Kriegsende in Ludwigsfelde weiß und was ich vom Erzählen älterer Leute in Erinnerung habe, muss der Zusammenhalt in den ersten Friedenstagen auch im Rückblick noch bemerkenswert gewesen sein.“ Angesichts der heute wegen Corona leeren Schulgebäude meint sie: „Wenn ich mit heute vergleiche, wo sich auch ganz viele Menschen über Nachbarschaften und Vereine helfen, weil jemand in Quarantäne ist, dann würde ich denken, dass das damals genauso war: Man hat einfach zusammengehalten.“

Von Jutta Abromeit