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Teltow-Fläming Wie die Tafeln den Ärmsten helfen – und selbst Hilfe brauchen
Lokales Teltow-Fläming

MAZ-Sterntaler: Die Tafeln helfen den Ärmsten und brauchen selbst Hilfe

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11:24 13.12.2020
Angelika Böck leitet die Tafeln in Luckenwalde und Jüterbog.
Angelika Böck leitet die Tafeln in Luckenwalde und Jüterbog. Quelle: Margrit Hahn
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Luckenwalde

Wenn der Weihnachtsmann Heiligabend auf seine Bescherungstour geht, macht er um die Tafeln in der Regel einen großen Bogen. Weihnachten ist Geschenkezeit. Und bei den Tafeln, das kann man drehen, wie man will, ist in dieser Hinsicht nicht viel zu holen.

Die Tafeln der Region sind froh, wenn sie den Bedarf ihrer Kunden überhaupt noch decken können. In Königs Wusterhausen machen sich die Mitarbeiter inzwischen schon Gedanken, wie sie ihre Kisten füllen sollen, weil die Spenden der Supermärkte kontinuierlich weniger werden, sagt Chefin Evelyn Neujahr.

Wenig zu spüren von Weihnachtsstimmung

Aber auch bei den Kunden sei von Weihnachtsstimmung wenig zu spüren. Selbst am 21. Dezember nicht, wenn die Lebensmittelausgabe zum letzten Mal im Jahr öffnet. „Vielleicht gibt einer mal ein Päckchen Kaffee ab, aber die meisten nehmen ihre Kisten und sind schon wieder weg“, sagt Evelyn Neujahr. Es ist einfach so: Wer zur Tafel geht und dort sein Gemüse, sein Brot und seinen Joghurt holt, der hat in der Regel Probleme. Das größte dieser Probleme ist Armut. Da bleibt die Besinnlichkeit dann oft auf der Strecke.

In der Weihnachtszeit beliebt: Apfelsinen. Quelle: Margrit Hahn.

Dabei ist der Teil der Gesellschaft, den die Tafeln versorgen, gar nicht klein. Die Königs Wusterhausener Tafel stattet pro Woche rund 100 Haushalte mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs aus. In Luckenwalde sind es 150 Haushalte. In Jüterbog 180. In Zossen sogar 220. Die MAZ-Sterntaler-Aktion will in diesem Jahr auch diesen Menschen etwas geben. Die Spenden sollen den Kunden zugute kommen, vor allem aber den Tafeln selbst, die mit Hilfe von vielen Ehrenamtlern und oft mit einfachsten Mitteln sicherstellen, dass auch Menschen, die sich keinen großen Wochenendeinkauf leisten können, frisches Obst und Gemüse zuhause haben.

Obst und Gemüse wird immer kontrolliert

In Luckenwalde etwa werden immer am Mittwoch und am Freitag Lebensmittel ausgegeben. Am Dienstag und am Donnerstag ist Chefin Angelika Böck in Jüterbog, da ihr Verband in diesem Jahr auch die dortige Tafel übernommen hat. Täglich sind sie und Kraftfahrer Andreas Grohe früh und abends unterwegs, um Lebensmittel von den Supermärkten abzuholen. Die Abmachungen dazu sind seit Langem getroffen. „Das klappt recht gut. Meist stehen die Paletten schon bereit“, sagt Angelika Böck.

Was dort auf die Paletten kommt, ist nicht automatisch minderwertig. Es handelt sich unter anderem um Waren, bei denen die Verpackung beschädigt ist, sodass die Artikel nicht mehr verkauft werden können. Obst und Gemüse werden grundsätzlich einer Qualitätskontrolle unterzogen. Etliches muss aussortiert werden, was den freiwilligen Helfern einiges abverlangt. „Ohne Hilfe wäre das alles nicht zu schaffen“, sagt Angelika Böck, die seit 2005 bei der Tafel arbeitet und 2007 die Leitung übernahm.

Tüten fehlen

Seit der Pandemie ist die Ausgabe von Lebensmitteln schwieriger geworden. Aufwendige Hygienekonzepte müssen eingehalten werden. Mehr als zwei Nutzer dürfen nicht gleichzeitig die Räume betreten. Um Warteschlangen zu vermeiden, werden Lebensmittel bereits vorher in Tüten verpackt.

Bisher konnten sich Tafelkunden aussuchen, was sie haben möchten. Jetzt bekommen sie eine fertiggepackte Tragetasche. „Das Problem ist, dass uns die Tragetaschen ausgehen“, sagt Angelika Böck. Die meisten Händler haben sich der Umwelt zuliebe von Plastiktüten verabschiedet. „Wir brauchen Sie dringend.“

Neun Ehrenamtler helfen in Königs Wusterhausen

In Königs Wusterhausen sieht es nicht viel anders aus. Evelyn Neujahr schuftet die ganze Woche mit Hilfe von zehn Ehrenamtlern, die Lebensmittel holen, sie sortieren, kühlen und zu Kisten zusammenstellen, die die Kunden dann mitnehmen. Vier Euro kostet eine, das Geld ist aber eher als Gebühr zu verstehen denn als Preis. „Unser Auto verfährt nun mal auch Sprit“, sagt Evelyn Neujahr. Und irgendwo muss das Geld wieder reinkommen.

Evelyn Neujahr vor den Kühlschränken der Königs Wusterhausener Tafel. Zwei Kühlschränke müssen ersetzt werden. Quelle: Oliver Fischer

Für die vier Euro bekommen die Kunden dann aber auch ein Paket, das sich sehen lassen kann. Was drin ist, hängt natürlich immer davon ab, was die Supermärkte spenden. „Aber für vier Euro wird niemand einen solchen Einkauf bewerkstelligen können“, sagt Evelyn Neujahr.

Ein Kühlschrank fehlt

Für die Tafeln ist das Problem aber – und das gilt für alle – dass es vorne und hinten nicht reicht. Vorne nicht, weil man den Kunden gerne mehr bieten würde. Und hinten nicht, weil sich die Ehrenamtler zum Teil selbst ausbeuten, um die Essensausgabe zu ermöglichen. Der Träger der Königs Wusterhausener Tafel ist der Arbeitslosenverband, aber auch der kann nicht mit großen Summen unter die Arme greifen.

Die Königs Wusterhausener Tafel hat deshalb aktuell das Problem, dass die Kühlschränke knapp werden. Zwei alte frieren inzwischen zu stark und sind deshalb für die empfindlichen Lebensmittel ungeeignet. „Wir bräuchten einen neuen, am liebsten einen Gastro-Kühlschrank ohne Tiefkühlfach“, sagt Evelyn Neujahr. Und, falls möglich, eine Kaffeemaschine. „Die gehen immer so schnell kaputt.“

Auto muss gewartet werden

Angelika Böck hingegen würde gerne den 163 Kindern in Luckenwalde und Jüterbog zu Weihnachten süße Überraschungen in die Tüten legen. „Ansonsten freuen wir uns über jede Spende. Noch im Dezember muss die Klimaanlage des Transporter gewartet werden.

Der Kombi muss zum TÜV, braucht neue Reifen, auch die Bremsbeläge müssen erneuert werden. Und wir freuen uns auch über jede Spende, um unsere Autos tanken zu können.“ Wenn sie könnte, würde sie auch den fleißigen Helfern, die meist selbst nur eine schmale Rente oder Harzt IV beziehen, ein Dankeschön zukommen lassen.

Zossener Tafel braucht Kaffeemaschine

Für die Tafel in Zossen muss Ricardo Schewe nicht lange überlegen, was dringend gebraucht wird. „Eine neue Kaffeemaschine mit zwei Kannen steht bei uns ganz oben auf der Wunschliste“, sagt Schewe, der 2010 die Leitung übernahm. Zu seinem Team gehören einschließlich der Ehrenamtler 25 Mann. Die Fahrer legen täglich 200 Kilometer zurück und fahren dabei bis 30 Geschäfte an, um die Waren einzusammeln. „Das Angebot war schon mal größer. Aber wir sind froh, dass wir überhaupt etwas bekommen“, so Schewe. „Tafeln sind ja auch keine Grundversorger , sondern für die Zusatzversorgung da.“

Von Margrit Hahn und Oliver Fischer