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Teltow-Fläming „In Potsdam kann man sich die Entwicklung rund um den BER nicht vorstellen“
Lokales Teltow-Fläming „In Potsdam kann man sich die Entwicklung rund um den BER nicht vorstellen“
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00:26 27.06.2019
MAZ Talk zum Wachstum im Speckgürtel mit Sven Herzberger, Angela Homuth und Udo Haase. (v. l.) Quelle: Gerlinde Irmscher
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Königs Wusterhausen

Acht Wochen lang hat sich die MAZ mit dem Thema Wachstum im Speckgürtel beschäftigt. Beim abschließenden MAZ-Talk haben drei Bürgermeister aus der Region zu den drängendsten Fragen Stellung genommen. Angela Homuth (SPD) aus Wildau hat erst wenige Tage zuvor ihr Bürgermeisteramt angetreten, Udo Haase (parteilos) aus Schönefeld ist dagegen schon seit den frühen 90er Jahren Bürgermeister. Sven Herzberger (Zeuthen) vervollständigte die Runde.

Frau Homuth, Ihre Stadt Wildau hat schon jetzt hinter Eichwalde die höchste Einwohnerdichte der Region. Die jüngste Bevölkerungsprognose des Landes sagt weitere 20 Prozent Wachstum bis zum Jahr 2030 voraus. Ab wann ist eine Stadt voll?

Angela Homuth: Wildau ist bei 12.500 Einwohnern ausgelastet. Mehr ist mit den derzeitigen Kitas, Schulen und Straßen nicht leistbar. Nachmittags braucht man teilweise schon jetzt vom A10-Center in die Stadt eine halbe Stunde, teilweise sogar mehr.

In Schönefeld sieht das sicher anders aus, Herr Haase?

Udo Haase: Die Bedingungen in Schönefeld sind auch andere. Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren schon wie kein anderer Ort in Brandenburg verändert. Wir haben zwei Orte komplett umgesiedelt, die Einwohnerzahl mehr als verdreifacht. Und wir haben noch rund 500 Hektar Fläche, die mit Wohnungen, Industrie und Gewerbe bebaut werden kann und wird.

Angela Homuths Prognose für 2030

Für Wildau geht wird es bis zum Jahr 2030 darum, die Herausforderungen zu meistern, die der Boom der Flughafenregion mit sich bringt. Bis dahin wollen wir es geschafft haben, die passende Infrastruktur für unsere Einwohner herzustellen. Wildau hat im Moment seine Auslastung erreicht. Wir entwickeln noch ein Wohngebiet, weitere Einwohner kann die Stadt dann kaum noch verkraften.

Wildau ist in seiner Größe beschränkt, wir sind aber nicht nur Wohnstadt, sondern haben auch Gewerbe, das Technologie- und Gründerzentrum und nicht zuletzt die Technische Hochschule. Aber auch dort sind die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt, weil uns Flächen für mögliche Erweiterungen fehlen.

Wir können uns nicht ausdehnen, und wir haben auch nur die Straßen, die nach Zeuthen und Königs Wusterhausen führen. Auf diese Straßen noch mehr Verkehr zu ziehen, wird schwierig. Wenn wir in zehn Jahren unsere Infrastruktur so weit angepasst haben, dass wir auch die Leute versorgen können, die wir in den nächsten Jahren erwarten, dann sind wir glücklich. Dass wir Teil der Flughafenregion sind, verstärkt unser Verkehrsproblem sicher noch.

Das ist viel.

Haase: Aber aus unserer Sicht notwendig, damit die Region Berlin-Brandenburg den Flughafen bekommt, den sie benötigt. Wir können ja nicht sagen: Bei 35 Millionen Passagieren ist Schluss.

Angesichts von Fluglärm und der aktuellen Klimadiskussion könnte man das vielleicht doch.

Haase:Nein. Ich glaube eher, dass wir mit emissionsarmen Antrieben und einer besseren Flugorganisation den CO2-Ausstoß reduzieren können, nicht mit Beschränkungen. Der Trend geht längst zum ökologischen Fliegen, und damit ist ein Flughafen auch viel leichter zu ertragen. Wenn Flugzeuge erst lautlos starten und landen, dann kann ich sogar eine dritte Startbahn bauen. Die stört dann niemanden.

Sven Herzberger: Das stimmt. Aber hinter jeder Flugbewegung steckt auch weiterführende Logistik. Die Infrastruktur muss das auch aushalten können. Und da finde ich schwierig, dass die Entscheider beim Land so zaudern, etwa bei der Autobahn-Anschlussstelle Kiekebusch.

Haase: Ja, wir kranken an der Verkehrsinfrastruktur. Wir haben als Kommune schon einen S-Bahnhof gebaut, wir diskutieren gerade mit Berlin eine U7-Verlängerung, das müsste alles das Land machen. Auch die Regionalzüge müssen besser organisiert sein. Den Autobahnanschluss Hubertus bezahlt Schönefeld alleine, nur deshalb bekommen wir ihn. Da ist das Land etwas langsam, um es mal nett zu sagen.

Könnte das daran liegen, dass die Entscheider beim Land von einer weniger dynamischen Entwicklung ausgehen als sie selbst?

Herzberger: Laut Landesprognose soll Zeuthen sogar vier Prozent Einwohner verlieren bis 2030 (lacht). Dahinter liegen mathematische Annahmen, das verstehe ich. Aber die Realität, die wir erleben, ist eine andere. Wir werden alle wachsen. Dadurch entstehen Reibungen, die wir alle gemeinsam abfedern müssen. Da sind wir dran. Aber es muss auch Unterstützung von Land und Bund kommen. Zum Beispiel gibt es derzeit kaum Fördergeld für neue Schulen oder Kitas. Man muss beim Land auch begreifen, dass die metropolennahe Region vor so großen Herausforderungen steht, dass viele Kommunen das alleine nicht schaffen.

Haase: Schönefeld ist sicher eine Ausnahme, wir konnten das Geld immer selbst aufbringen. Als wir aber eine Grundschule bauen wollten, hat man beim Land nicht geglaubt, dass wir sie brauchen. Wir mussten uns rumstreiten. In Potsdam kann man sich die Entwicklung rund um den Flughafen einfach nicht vorstellen. Die Schule ist jetzt natürlich krachend voll.

Sven Herzbergers Prognose für 2030

Die Entwicklung der Region hängt natürlich mit dem Flughafen zusammen, aber ich glaube, dass wir uns auch deshalb so stark entwickeln, weil wir schlicht eine Metropolenregion sind. Die Menschen ziehen auch unabhängig vom Flughafen aus Berlin zu uns.

Wir Kommunen haben unterschiedliche Funktionen. Schönefeld kann Flächen bieten, es gibt dort Platz für Wohnungen und damit Entlastung für den Berliner Wohnungsmarkt. Wildau hat Technologie und die Hochschule. In Zeuthen geht es vor allem um Naherholung. Wir werden deshalb versuchen, dass wir behutsam wachsen. Wir liegen aktuell bei 11 500 Einwohnern. Unser Ziel sind 12 500 bis 13 000 Einwohner. Zeuthen ist ein Ort für Leben und Freizeit, diese Qualitäten wollen wir entwickeln.

Wir sind der Freiraum für die, die am Flughafen arbeiten und in oder um Zeuthen herum wohnen. Deshalb setze ich mich für eine behutsame Entwicklung ein. Wir haben in der Gemeinde ein großes Pfund: das Desy. Und es passt auch nach Zeuthen. Ich hoffe, das klingt nicht zu arrogant, aber im Desy arbeiten Intellektuelle und die brauchen auch ein gutes Wohnumfeld, wie es Zeuthen bieten kann.

In vielen Kommunen haben Eltern Probleme, Kitaplätze zu bekommen. Deshalb kommt der Vorwurf, die Kommunen hätten die Entwicklung verschlafen. Was entgegnen Sie?

Haase: Dass es nicht nur die Schuld der Kommunen ist. Erst wurde der Rechtsanspruch für jedes Kind eingeführt, dann wurden die Betreuungsschlüssel verändert. Dadurch brauchte man mehr Erzieher, die es aber nicht gibt.

Homuth:Unsere Herausforderung ist eher die Schule, das gehen wir jetzt aktiv an. Aktuell kollidieren aber gerade Kita- und Schulbau, dadurch verzögert sich die Erweiterung des Schulcampus.

Herzberger: Wir haben aber alle gerade so viele Infrastrukturprojekte auf einmal, dass das Geld nicht reicht. Zeuthen müsste 30 Millionen Euro in Kita, Schule und Straßen investieren, eine Schule alleine kostet 17 Millionen Euro. Pro Jahr schaffe ich aber nur drei bis vier Millionen. Wir haben einfach die Finanzkraft nicht, um alles, was nötig ist, selber zu machen.

Eine generelle Frage: Warum fördern die Gemeinden dann überhaupt Wachstum und weisen immer weitere Bauflächen aus?

Herzberger: Weil es ein Grundrecht gibt, das Freizügigkeit heißt. Jeder Mensch kann dorthin ziehen, wohin er will.

Haase: Jeder hat ein Recht auf Wohnen. Wenn der Druck und die Nachfrage wachsen, dann muss man dafür auch etwas tun.

Aber wird man unter dieser Prämisse jemals einen Schlussstrich ziehen können, wenn es zu viel wird?

Homuth:Ist die Auslastung erreicht, geht eben nichts mehr. Das Problem ist eher, dass wir in Wildau mit dem Wohnraum, der gebaut wird, gar nicht die Wildauer versorgen, die finanzierbaren Wohnraum suchen. Diese können sich die neuen Wohnungen größtenteils gar nicht leisten. Stattdessen ziehen dort unter anderem Eigenheimbesitzer aus Zeuthen ein, die zuvor ihr Haus verkauft haben. Das sehen viele Wildauer kritisch.

Herzberger: Deshalb müssen auch wir schauen, dass wir den Bau kleinerer Wohnungen fördern. Zum einen für Senioren. Zum anderen für die Kinder der Familien, die jetzt herziehen. Die wollen wir ja später als Einwohner behalten.

Udo Haases Prognose für 2030

Die Entwicklung der Region im südlichen Berliner Umland hängt untrennbar mit der Entwicklung des Flughafens zusammen, und da kommt noch einiges auf uns zu. Im Jahr 2030 werden wir eine Passagierzahl zwischen 50 und 60 Millionen haben, die sich heute noch keiner vorstellen kann. Es wird viel mehr Interkontinentalflüge geben als heute. Auch die Lufthansa wird dann die Bedeutung von Schönefeld verstanden haben.

In Schönefeld werden dann zwischen 40.000 und 45.000 Einwohner leben, wenn in dem Tempo weiter gebaut wird wie jetzt. In der Region hat Schönefeld damit eine gewisse Sonderstellung. Wir haben von Anfang an viel Bauland ausgewiesen, weil uns klar war, dass die Flughafeneröffnung einen gewaltigen Schub bringen wird. Den erleben wir bereits, und der betrifft nicht nur Schönefeld, sondern die anderen Kommunen mit.

Für die Zukunft der Region bedeutet das: Es wird deutlich mehr Verkehr geben, und jedes Stück Land im Umfeld des Flughafens wird nachgefragt sein. Der Entwicklungskreis reicht 20 Kilometer weiter um den Flughafen herum, damit ist die gesamte Region mit in diesen dynamischen Prozess einbezogen.

Wildau gilt als die Stadt mit der höchsten Durchschnittsmiete in Brandenburg. Wie können Sie trotzdem gewährleisten, dass auch Geringverdiener eine Wohnung mieten können, Frau Homuth?

Homuth: Unsere Wohnungsgesellschaft hat auch Wohnungen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein im Angebot, da ist meistens etwas frei. Auch im Röthegrund gibt es einige bezahlbare Wohnungen, genauso wie in der Genossenschaft. Und bei unserem neuen Wohngebiet hat der Investor den Auftrag bekommen, dass er wenigstens einen gewissen Anteil an Wohnungen vorhalten muss, die sich auch der Durchschnittsverdiener leisten kann. Aber Investoren bauen jetzt hochwertige und große Wohnungen. Das ist schon eine Hausnummer, wenn ich da 13 bis 14 Euro pro Quadratmeter bezahlen muss.

Haase: Bei uns fallen die Geringverdiener leider hinten runter. Bauland kostet in Schönefeld inzwischen bis zu 1000 Euro pro Quadratmeter. Die Wohnungen werden dadurch so teuer, dass sich Otto-Normalverbraucher das nicht mehr leisten kann.

Herzberger: Selbst wenn man so günstig wie möglich baut, kann man mit der Miete nicht mehr unter elf Euro pro Quadratmeter gehen. Dadurch schließt man entweder bestimmte Bevölkerungsgruppen aus, oder man muss die Miete subventionieren. Aber das kann nur das Land.

Die Gemeinde Zeuthen hat auch kommunale Wohnungen. Wie gestalten Sie da die Mieten?

Herzberger: Die kommunalen Wohnungen senken unseren Mietschnitt enorm. Aber sie sind auch alle vermietet. Und wir müssen modernisieren, was nicht ohne Mieterhöhung geht. Denn wir haben auch eine Verantwortung für alle Zeuthener, dass wir verantwortungsbewusst mit unseren Einnahmen umgehen.

Haase: Letztlich müssen wir konstatieren, dass das Land Brandenburg zwei riesige Fehler gemacht hat. Es hat tausende Wohnungen abgerissen, die jetzt dringend gebraucht werden. Und es hat Geld, das es vom Bund für sozialen Wohnungsbau bekommen hat, für etwas anderes ausgegeben. Jetzt kommt man auf zu uns zu und verlangt von uns, dass wir Sozialwohnungen anbieten. Das funktioniert nicht.

Heißt im Klartext: Wer sich die Wohnungen in Wildau, Zeuthen oder Schönefeld nicht leisten kann, muss eben nach Forst, Lieberose oder Dahme ziehen?

Herzberger: Man muss versuchen, diesen Prozess zu verlangsamen. Aber das ist die Realität, auch wenn sie hart ist. Deshalb muss man den öffentlichen Nahverkehr verbessern und dann in den metropolfernen Regionen die Entwicklung fördern.

Von Oliver Fischer und Stephanie Philipp

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