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Teltow-Fläming „Manches Schicksal ist hammerhart“
Lokales Teltow-Fläming „Manches Schicksal ist hammerhart“
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18:35 20.02.2013
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MAZ: Wir sehen Luckenwalde zurzeit wieder mit einer Flüchtlingswelle konfrontiert. Wie sieht die Situation aus?

Christiane Witt: Am Montag sind bei uns weitere 42 Flüchtlinge aus der russischen Föderation eingetroffen. Damit haben wir unsere Quote zur Aufnahme von Flüchtlingen vom vergangenen Jahr erfüllt. Wir hatten ja schon vor Jahren unsere anderen Heime geschlossen, weil die Zahl der Asylsuchenden zurückgegangen war. Durch die Bürgerkriegsgebiete und die Unruhen in den arabischen Ländern sind wieder mehr Menschen unterwegs. Und im Gegensatz zu früher viel mehr Familien. Ich denke, aus Mali haben wir auch noch Flüchtlingsströme zu erwarten.

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Wer von den Flüchtlingen hat es besonders schwer?

Witt: Die, die in der Duldung sind und keinen Aufenthaltstitel bekommen und damit auch keine Chance auf eine Arbeit, eine Wohnung und ein selbstbestimmtes Leben.

Trifft das auf bestimmte Nationalitäten zu?

Witt: Die meisten sind Vietnamesen und Afrikaner, die schon länger da sind. Wer in den letzten beiden Jahren aus den Bürgerkriegsgebieten gekommen ist, erhält relativ schnell einen Aufenthaltstitel. Doch auch für diejenigen fangen die Probleme erst richtig an, wenn sie eine Wohnung haben. Vorher im Heim haben sie Ansprechpartner und Unterstützung, später isolieren sich viele.

Wie viele Migranten leben in Luckenwalde?

Witt: Um die 500 aus über 70 Nationen. Manche sind schon lange hier und nicht alle waren Asylbewerber. Im Kreis liegt der Ausländeranteil unter zwei Prozent, aber jeder vierte Einwohner hat einen Migrationshintergrund.

Wie viele Asylbewerber gibt es?

Witt: Im Asylbewerberheim in Luckenwalde sind es 146, in der Stadt leben 42 und weitere 42 sind jetzt gekommen.

Wie groß ist die Bereitschaft, Deutschkurse zu belegen und sich zu integrieren?

Witt: Die Motivation ist riesengroß. Bei Kita-Kindern geht die Eingliederung rasend schnell. Für Schulkinder ist es am Anfang schlimm, wenn sie nicht verstehen, was um sie herum passiert. Leider geht unser Bildungsministerium dieses Problem nicht wirklich an. Laut Gesetz steht jedem Kind einmal wöchentlich eine Deutschstunde zu, aber durch Lehrermangel kann das oft nicht umgesetzt werden. Deshalb versuchen wir im Ehrenamt viele Leute zu finden, die zusätzliche Deutschstunden geben. Luckenwaldes Bürgermeisterin hat sich schon nach den Zahlen der Neuankömmlinge erkundigt, auch die Stadt will unterstützen.

Was können Einheimische tun, um den Migranten im Alltag zu helfen?

Witt: Wir suchen Leute, die mit Kindern Hausaufgaben machen, mit den Asylbewerbern deutsch lernen, den Nachbarn bei ganz alltäglichen Dingen zur Hand gehen, wenn sie merken, dass die noch nicht zurechtkommen. Aufeinander zugehen, Vorurteile abbauen, sich gegenseitig helfen – das tut Not. Vereine sollten sich öffnen und helfen, wenn es mit der Sprache noch nicht klappt. Stellen Sie sich einfach vor, wie es wäre, wenn Sie fremd im Land wären. Leute aus der Ferne müssen manchmal an die Hand genommen werden.

Welche Rolle spielt Rechtsextremismus im Landkreis – generell und auch gegenüber Asylbewerbern?

Witt: Gegen Asylbewerber ist das bisher kaum zu beobachten, aber wir haben eine latente Fremdenfeindlichkeit und einen latenten Rassismus. Im vorigen Jahr gab es einen Übergriff auf eine Kenianerin. Es gibt vereinzelt Vorfälle, aber nicht so massiv. Trotzdem ist die Fremdenfeindlichkeit im Alltag da.

Was tun Sie dagegen?

Witt: Ich komme mir manchmal vor wie der Prediger in der Wüste. Ich versuche immer, an das Gute im Menschen zu appellieren und viele Netzwerke aufzubauen. Miteinander reden, sich bekanntmachen und Leute ins Boot holen, das sehe ich als meine Aufgabe. Allein kann man nie etwas ausrichten. Manchmal bin ich gar nicht so gern gesehen. Die Leute wissen, wenn ich da bin, gibt es gerade wieder ein akutes Problem. Oder wenn ich anrufe, dann brennt es wirklich.

Sie werden manchmal schlechthin als „Ausländerbeauftragte“ bezeichnet. Aber das ist ja nicht alles. Was gehört noch zu Ihren Aufgaben?

Witt: Integration in der Gesellschaft. Viele werden sich an die Sarrazin-Debatte erinnern, es ging ein richtiger Aufschrei durch die Republik. Da fingen im Kreis unsere Herbstkonferenzen zum Thema Integration an. Und am Ende der ersten Konferenz wussten wir: Integration ist ein Thema, was immer und überall stattfindet, nicht nur zwischen Deutschen und Ausländern. Egal wo man herkommt oder in welchen Bereichen man sich aufhält – sobald zwei Leute da sind, muss man sich arrangieren und schauen, wie man miteinander umgeht. Deshalb ist unser Thema: Wie wollen wir miteinander leben? Es gibt viele Facetten. Wir haben ein starkes Nord-Süd-Gefälle, ein Bevölkerungsproblem, Unterschiede zwischen Stadt und Land oder den demografischen Wandel. Dazu gehört auch die Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Ich dachte bisher, ich kenne die meisten Lebenssituationen, in die man geraten kann, aber ich lerne jeden Tag dazu. Ich bin sozusagen der Vermittler zwischen Gesellschaft, Politik und Verwaltung. Ich bemühe mich, einzelnen Personen genauso zu helfen, wie Netzwerke aufzubauen. Isolation ist schlimm und in vielen Fällen der Auslöser für Probleme.

Apropos Gleichberechtigung. Ist angesichts der selbstbewussten Frauen in der heutigen Zeit Gleichstellung überhaupt noch ein Problem?

Witt: Nach wie vor. Wir haben Fälle von Diskriminierung und ungleicher Bezahlung. Frauen sind meistens diejenigen, die nur Teilzeitjobs erhalten. Frauen bekommen nun mal die Kinder und sind dadurch im Beruf eingeschränkt. Warum eine Frau heute immer noch weniger Geld verdient als ein Mann, erschließt sich mir nicht.

Was halten Sie von der Sexismus-Debatte im Zusammenhang mit Rainer Brüderle? Ist das für Sie ein Thema?

Witt: Eigentlich nicht. Es gibt immer Unterschiede zwischen Mann und Frau. Bei aller Gleichberechtigung muss man ehrlich sein und sagen: Wir sind nun mal Männer und Frauen. Männer werden nie Kinder kriegen, Männer werden sich immer irgendwie so äußern, was übrigens Frauen mitunter auch tun. Ich denke, die ganze Debatte ist ein bisschen überzogen.

Was war im vergangenen Jahr für Sie die bitterste Erfahrung?

Witt: Es gibt Dinge, die mich so sehr beschäftigen, dass ich zu Hause nicht abschalten kann. Konkreter will ich nicht werden. Ich habe Sachen erlebt, die mich über Tage nicht loslassen. Dann muss man drüber reden können. Im Büro habe ich zwei tolle Mitarbeiter und zu Hause einen Mann, der zuhört.

Gehen Ihnen einzelne Flüchtlingsschicksale an die Nieren?

Witt: Ja, wenn man hört, warum sie geflohen sind. Das erfährt man ja nicht von jedem. Aber manche Schicksale sind hammerhart. Wenn ich von Fällen körperlicher Gewalt höre, denke ich, das kann es doch nicht geben. Das haut mich richtig um.

Was sind zurzeit die wichtigsten Fronten in Ihrer Arbeit?

Witt: Die schwierigsten Brocken sind wir selbst, die Menschen im Landkreis. Wir müssen das Miteinander lernen – zwischen den Menschen untereinander, aber auch zwischen Menschen, Politik und Verwaltung. Wenn Migranten, die sich rundherum bemühen, dann in einer Behörde angeherrscht werden: „Die Amtssprache ist deutsch“, das macht mich krank. Wenn ich woanders fremd bin, bin ich doch auch dankbar für jede Hilfe. Wir machen es uns manchmal selbst zu schwer. Wo gibt es draußen noch spielende Kinder? Wo kommen Generationen ins Gespräch? Jeder sucht sich seine Insel. Wir haben verlernt, gut miteinander umzugehen und andere Kulturen zu akzeptieren. Mancher denkt, wenn ich dem anderen sage, mir geht’s nicht gut, könnte das mein Schaden sein. Jeder hat Respekt verdient und jeder gehört zum Leben. Wir erwarten von den Migranten, dass sie sich wie Deutsche benehmen, aber sie wissen oft gar nicht, was das heißt.

Wer holt sich bei Ihnen Rat und Hilfe?

Witt: Alle. Frauen, Männer, Alte und Junge, vom Privatbürger bis zum Bürgermeister. Manche suchen auch nur eine Kontaktperson für ihre Idee.

Sie sind auch die Koordinatorin für den Lokalen Aktionsplan Teltow-Fläming. Was versteht man darunter?

Witt: Der Aktionsplan ist ein Projekt, das von mehr als 300 Akteuren im Landkreis entwickelt wurde. Er wird aus dem Bundesprogramm für Demokratie, gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit mit dem Motto „Toleranz fördern, Kompetenz stärken“ gefördert. Seit 2011 gestalten wir Projekte, vorwiegend mit Vereinen, sozialen Trägern und der Kirche. Wir haben im vergangenen Jahr 36 Projekte gefördert. Auch hier geht es wie in meinem gesamten Arbeitsfeld um das Miteinander der Menschen, der Generationen und der Nationen. Kurz gesagt um Demokratie.

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