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Teltow-Fläming Folge 67: Lebensplanung
Lokales Teltow-Fläming Folge 67: Lebensplanung
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18:15 30.10.2018
Fröhlich beim Abendessen: Rabiaa und Tocher Meis. Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Das Telefon brummt, eine Nachricht von Rabiee. Gott sei Dank, der Junge hat sich gemeldet.

Dem ältesten Yassin-Spross geht es offensichtlich gut. Er hat zwei verwackelte Videos geschickt. Darauf sieht man im Wesentlichen seine Füße, die von Osteewasser umplätschert werden. Im Hintergrund albern Jugendliche herum. „Er ist auf Klassenfahrt“, sagt seine Mutter, und reicht das Handy weiter. Dabei schaut sie drein, als wäre sie selbst jetzt am liebsten am Meer.

Rabiaa redet oft von Urlaub, den sie gerne hätte, aber aus vielerlei Gründen nicht haben kann. Dieser Tage aber scheint der Wunsch mal wieder stärker denn je, es kommt alles zusammen. Nach dreieinhalb Wochen Ramadan quälen sich die Yassins nur noch durch die Tage.

Während Mohammad viel schläft, fern sieht und schon am frühen Abend anfängt, Zigaretten für die Nacht zu drehen, arbeitet Rabiaa die Herausforderungen des Haushalts ab wie eine Maschine. Ihre Gesichtszüge sehen bleicher aus als sonst, sie redet auch weniger. Immer nur nachts essen, trinken, rauchen, das mag gut für das Seelenheil sein, es geht aber an die Kraft und ans Gemüt. Zumal Rabiaa auch weiß, dass nach dem Ramadan etwas Großes bevorsteht, vielleicht die größte Aufgabe überhaupt. Lebensplanung.

Rabiaa hat alle nötigen Kurse hinter sich gebracht

Denn Rabiaa hat inzwischen alles hinter sich gebracht, was die deutschen Gesetze als Voraussetzung für den Arbeitsmarktzugang vorsehen. Ihr Asylverfahren ist abgeschlossen, im Schrank liegt ihr B1-Zeugnis mit guten Noten, das Zeugnis vom Integrationskurs müsste in den nächsten Tagen eintrudeln. Damit kann sie sich eine Arbeit suchen. Oder besser: muss.

Früher war es bei den Yassins immer Mohammad, der das Geld verdiente. 20 Jahre lang war er Schiffsmaschinist, von seinen monatelangen Fahrten über die Weltmeere brachte er wahre Reichtümer nach Hause – zumindest für syrische Verhältnisse. In den drei Jahren im türkischen Asyl arbeitete er dann als Fliesenleger, was deutlich weniger einkömmlich war, der Familie aber zumindest das Überleben sicherte.

Rabiaa verdiente als Krankenschwester dazu, aber nie im großen Stil, sie war immer auch Mutter von Beruf. Derzeit aber kann Mohammad kein Geld verdienen. Er ist durch seine B1-Prüfung gefallen und muss den Kurs wiederholen. B1, das bedeutet „fortgeschrittene Sprachverwendung“, es wird kein flüssiger Vortrag über Vor- und Nachteile des deutschen Wirtschaftssystems erwartet, aber man sollte sich im Alltag verständigen und die wesentliche Punkte eines normalen Gesprächs aufnehmen können. Für die meisten Jobs ist ein B1-Abschluss die Mindestvoraussetzung, schon allein wegen der Sicherheitsvorschriften.

„Immer nur denken, denken, denken“

Mohammad muss also wieder Anträge stellen, einen Kursplatz besorgen und büffeln, büffeln, büffeln. Am Besten wäre es, wenn er deutsche Gesprächspartner hätte, findet Rabiaa. Aber Mohammad redet schon auf Arabisch nicht viel und seine deutschen Fehler sind ihm peinlich. Er redet deshalb nur dann auf Deutsch, wenn er wirklich muss. Das Geldverdienen bleibt deshalb wohl an Rabiaa hängen, und es rotiert ständig in ihrem Kopf. Oder wie sie es formuliert: „Immer nur denken, denken, denken.“

Könnte sie vielleicht ein Praktikum in einer Apotheke machen? Vielleicht wäre das ein Berufsweg. Sie kennt sich aus mit Medizin. Sie hat schließlich Krankenpflege studiert, auch wenn sie darüber keine Zeugnisse hat. Oder sollte sie nicht doch lieber einen Imbiss eröffnen? Ein kleines Restaurant? Kochen kann sie, Bedarf für arabische Küche gäbe es in Ludwigsfelde sicher auch. Aber was braucht es dafür? In Deutschland sicher viel.

Und wer kümmert sich dann um die Kinder? Vergangene Woche haben die Großen Klassenarbeiten geschrieben. Die ganze Woche war Lernwoche. Rabiees Ergebnisse waren trotzdem eher mittelprächtig. In der Schule hat man ihnen inzwischen mitgeteilt, dass es womöglich doch besser wäre, wenn er die Klasse wiederholt. Sein Deutsch ist nicht gut genug, er kann schlicht nicht folgen.

Alles kostet Geld

Die Nachricht löste eine kleine Familienkrise aus. „Ich habe viel geweint“, erzählt Rabiaa. Weil wieder eine Hoffnung zu zerbrechen droht, und auch, weil einfach nichts so einfach läuft, wie sie es sich erträumt hatten. Sie brauche jetzt einen Nachhilfelehrer für Rabiee, sagt sie. Der kostet Geld. Alles kostet Geld.

Letztens hat sie Nachricht von ihrem Bruder bekommen. Er lebt in Syrien und hat einen Sohn in Rabiees Alter. Die Kinder haben früher viel Zeit miteinander verbracht, in der Schule wetteiferten sie um die besseren Zensuren. Rabiaas Bruder schrieb, dass sein Sohn gerade die neunte Klasse mit einem sehr guten Zeugnis abgeschlossen hat. Er wird Abitur machen, anschließend studieren, daran gibt es keinen Zweifel.

Ein Studium hat Rabiaa auch für ihre Kinder vorgesehen. „Ich bin 41, für mich erwarte ich nichts mehr“, sagt sie. „Aber meine Kinder sollen etwas aus ihren Möglichkeiten machen.“ Sie sollen Ärzte oder Ingenieure werden. Rabiee sei als Kind immer der Bessere in der Schule gewesen, sagt Rabiaa. Sie hat Heimweh nach ihrem Haus, ihrem Dorf, ihrer Sprache. Nach der Zeit, als alles leichter war.

Besuch bei Familie Yassin. Mohammad dreht Zigaretten, Meis spielt mit Wasserbomben Quelle: Oliver Fischer

Rabiee hatte nach dem häuslichen Drama eigentlich keine Lust, mit der Klasse an die Ostsee zu fahren. Am Ende war es seine Mutter, die ihn überredete. Er werde schließlich keine richtigen Ferien haben, sagte sie. Er müsse ja lernen. Sie alle müssen lernen.

Von Oliver Fischer

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