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Teltow-Fläming Wie Heimplätze für Bewohner zur Kostenfalle werden
Lokales Teltow-Fläming Wie Heimplätze für Bewohner zur Kostenfalle werden
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00:22 14.06.2019
Hunderte Euro mehr sollen Heimplätze kosten. Heimbetreiber bekamen den Unmut der Bewohner und Angehörigen zu spüren. Lösen könne das Problem aber nur die Politik, heißt es. Quelle: dpa
Großbeeren

Matthias Diezemann, 70 Jahre alt, wähnte sich sein Leben lang in einem funktionierenden Gesundheitssystem. Das änderte sich allerdings zu Beginn dieses Jahres. Da nämlich erfuhr er, dass der Pflegeheimplatz für seine Frau fortan 500 Euro mehr, und damit 2350 Euro kosten soll. Das brachte seine Sicht auf den Sozialstaat ins Wanken.

Diezemanns Frau erlitt vor knapp sechs Jahren einen Schlaganfall, seither ist sie auf Pflege angewiesen. Das Haus der Familie steht in Großbeeren. Einen Heimplatz für sie in der Nähe zu bekommen, war schwer genug, sagt Matthias Diezemann. Es dauerte etwa vier Monate.

Auf einen Schlag 500 Euro mehr

Seit Januar 2014 lebt seine Frau im DRK-Heim in Großbeeren, auf dessen Personal die Familie große Stücke hält. Die Betreuung sei hervorragend, sagt Diezemann. Aber als seine Frau einzog, kostete der Platz dort noch 1500 Euro im Monat. Dann erhöhten sich die Kosten ständig. In einem Jahr um drei Prozent, im nächsten um acht. Dann um zwei.

Matthias Diezemann beklagt die ungerechte Verteilung von Pflegekosten. Quelle: Oliver Fischer

Das waren alles Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was 2018 geschah. Das Deutsche Rote Kreuz schloss einen neuen Tarifvertrag für seine Pflegekräfte ab. Die verdienten auf einen Schlag bis zu 500 Euro mehr. Das ist angemessen für die harte Arbeit, findet Matthias Diezemann. Nur: Für die zusätzlichen Kosten müssen die Bewohner und die Angehörigen aufkommen. Die Heimpreise explodieren. Und das, sagt Diezemann, funktioniere nicht. „Die Bundesregierung macht Versprechungen, schafft zusätzliche Stellen, aber niemand denkt darüber nach, wer das bezahlen soll.“

Alle großen Träger haben Tarife angepasst

Matthias Diezemann ist Professor, er war Forschungsdirektor eines Instituts und später geschäftsführender Gesellschafter einer Firma. Er zählt sich nicht zu den Armen der Gesellschaft. „Wir können das bezahlen“, sagt er. Aber es geht ihm ums Grundsätzliche, um die vielen, die mit einer deutlich kleineren Rente auskommen müssen. „Da sind Leute bei, die ein Leben lang gearbeitet haben und angesichts solcher Summen nicht mehr weiter wissen. Oder Menschen, die zwei Eltern in Pflegeheimen haben und keine Ahnung haben, wie sie das Geld aufbringen sollen. Das kann nicht sein.“

So denken inzwischen viele – und nicht nur DRK-Patienten. Die Arbeiterwohlfahrt war der erste Träger in der Region Dahmeland-Fläming, der im Jahr 2017 seine Tarife anpasste, die Pfleger deutlich besser bezahlte und die Mehrkosten den Patienten und Angehörigen in Rechnung stellte. Weil die Jobs bei der Awo damit attraktiver waren und Pflegekräfte dorthin abzuwandern drohten, mussten die anderen Träger nachziehen. Erst das DRK, dann die Paritäter. Und es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis auch die letzten Träger die Löhne drastisch anheben – mit den entsprechenden Konsequenzen.

„Wüste Beschimpfungen“

„Wir waren die ersten, uns hat es am härtesten erwischt“, sagt Awo-Regionalgeschäftsführer Wolfgang Luplow. Er hat Bewohnerversammlungen erlebt, in denen es wüste Beschimpfungen hagelte. Aber auch Harald Swik, Kreisvorsitzender des DRK, bekam Unmut zu spüren. „Natürlich gab es Proteste, es war viel Unverständnis da“, sagt er.

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Einige Heimbewohner seien ausgezogen. Andere wollten nicht zahlen. Es stehen wohl juristische Auseinandersetzungen an, die ersten seit 20 Jahren. Aber das Personal müsse nun mal besser bezahlt werden – und aus anderen Quellen könne man das Geld derzeit nicht nehmen. Denn der Beitrag, den die Pflegeversicherung beisteuert, ist seit den Neunzigern nicht mehr gestiegen. „Und wenn wir die Mehrkosten selbst zahlen, sind wir bald pleite“, sagt Swik. Man müsse das Prinzip der Pflegeversicherung ändern, aber das könne nur die Politik.

Keine Antwort vom Land

An einem Freitag im April fuhr Matthias Diezemann deshalb nach Ludwigsfelde. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke hielt dort im Klubhaus einen Bürgerdialog ab. Als die Fragestunde an der Reihe war, stand Diezemann auf, erklärte seine Situation und fragte, welche Lösung Woidke vorschwebe. Und was der Antrag mache, den Brandenburg und Thüringen dazu in den Bundesrat einbringen wollten. Eine Antwort hatte Woidke nicht. „Mir ist der Kragen geplatzt“, sagt Diezemann.

Er schrieb danach noch zwei Briefe an die Staatskanzlei. Es dauerte Wochen, bis sich von dort jemand meldete. Der Anrufer habe ihm erklärt, dass bisher keine der Bundesratsinitiativen behandelt worden sei, berichtet Diezemann. Im Grunde hieß das: Vorerst bleibt alles, wie es ist.

Am vergangenen Sonntag sah Matthias Diezemann dann Gesundheitsminister Spahn im Fernsehen. Eine Talkshow, es ging um Pflege. Spahn versprach bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für Pfleger. Wer die Kosten tragen wird, darüber sprach er nicht. Matthias Diezemann dachte an das jüngste Gespräch mit dem DRK. Dort hatte man ihm die Perspektive für 2020 aufgezeigt. Der Preis werde wieder steigen, Mindestens um 3,5 Prozent.

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Von Oliver Fischer

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