Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Prozession mit Huhn zu offenen Ateliers
Lokales Teltow-Fläming Prozession mit Huhn zu offenen Ateliers
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 29.06.2015
Prozession mit Huhn, angeführt von der jungen Künstlerin Sylvia Pástor, (M.) über das Gelände des Künstlerhauses. Quelle: Karen Grunow
Anzeige
Wiepersdorf

Ein langer Tross folgt dem Kunsthistoriker Nico Anklam durch den Park vom Schloss Wiepersdorf, eine fröhliche und bunt zusammengewürfelte Besucher-Runde, die die Gelegenheit nutzen will, in die Ateliers des Künstlerhauses zu schauen. Es ist Sommerfest, die Sonne scheint, die Leute sind entspannt und wissbegierig.

Da bittet Anklam kurz um Halt, und eine junge Frau im weißen Kleid kommt von der Seite herbei, ihr Gang hat etwas seltsam Erhabenes, hochkonzentriert, in sich gekehrt blickt sie nach unten, mit ruhiger Geste streichelt sie sanft ein braunes Huhn, das sie zärtlich im Arm hält. Als sie den Besuchern den Rücken zukehrt, um vor ihnen zu gehen, setzt sich der Tross in Bewegung. Sylvia Pásztor führt nun eine Prozession an, eine Prozession für die Kunst und das Leben. Im Atelierhaus stellt sie sich vor eine weiße Wand. Ein lebendes Bild voller Andacht. Berückend ist das und verblüffend, wie die in Dresden geborene Künstlerin so denkbar einfach Jahrhunderte der Kunstgeschichte rezipiert.

Anzeige

Kurz wird sie so selbst zum Teil der Ausstellung in den zum Sommerfest offenen Ateliers. Rosmarie Weinlichs Themen sind das Leben und das Vergehen. Akkurat hat sie diverse kleine Fundstücke in ihrem Atelier ausgebreitet, vermoderte Wurzelstücke etwa. Auch Tiina Raitanen sucht und findet – aus alten CD-Ständern hat sie faszinierende Mobiles geformt. Die finnische Künstlerin, deren Stipendium in Wiepersdorf nun endet, schwärmt von der inspirierenden Umgebung mit dem Schloss, das einst dem Dichterpaar Bettina und Achim von Arnim gehörte. „Ich hatte viel Zeit mich zu konzentrieren“, sagt sie über die Ruhe des abgeschiedenen Ortes.

Historisches

Das Schloss in Wiepersdorf, einst Wohnsitz des Dichterpaares Bettina und Achim von Arnim, wurde 1946 als Schriftstellerheim eingerichtet. Ab 1980 kamen auch Künstler hierher.

In der Wendezeit war die Nutzung unklar, bis das Schloss 1992 als Künstlerhaus der Stiftung Kulturfonds wiedereröffnet wurde. Diese Stiftung wurde 2004 liquidiert, das Künstlerhaus musste schließen.

2006 wurde das Künstlerhaus in Trägerschaft der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wiedereröffnet. Es soll mit Unterstützung des Landes und des Bundes erhalten werden.

Das könne manchmal aber auch etwas anstrengend werden, gibt der von Rheinland-Pfalz geförderte Stipendiat Sebastian Haslauer zu: „Man ist den ganzen Tag in seinem Kopf drin, denn von außen kommt kein Reiz.“ Wie einer der Besucher steht er nun da und hört gespannt zu, wie seine Arbeiten der großen Schar vorgestellt werden. Die Gäste drängen in die Ateliers, die Führung nimmt vielen die Hemmschwelle. Es wird leichter, einfach mal mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen. Als Literatin ist „Elffriede.Aufzeichnungssysteme“ in Wiepersdorf, eine Künstlerin, die mit jenem erfundenen Kommunikationsmedium verschmilzt, das seit 1996 existiert und dessen in Wiepersdorf entwickelte Monologe und Dialoge ebenfalls ausgestellt sind. Doch „Elffriede“ ist auch zu erleben, bei einer Lesung auf der Terrasse vor dem Schloss. Sie philosophiert dabei über den Unterton, den sie beim Quaken der Frösche im Schlossteich vernommen haben will. Und darüber, dass es auch Erkenntnis voranbringen kann, den Durchblick zu verlieren: „Hast du deine Brille wiedergefunden?“, wird Elffriede­ gefragt. „In gewisser Weise schon“, sagt das Medium, „sie liegt im Wald, nur ich weiß nicht wo.“ 111 Koans, ultrakurze Dialoge oder Monologe, die teils anekdotisch, meist vor allem verwirrend philosophisch daherkommen, hat sich die Künstlerin ausgedacht. Sie nennt ihr Wiepersdorfer Werk „Kanaldeckelarbeiten“, denn der Kanaldeckel am Teich war Ausgangspunkt ihrer Gedanken und Taten. Papier, auf das sie schrieb und zeichnete, wurde durch das Teichwasser gezogen, mit Tee besprenkelt, sodass Elffriede nicht mehr nur Wort, sondern auch künstlerisches Objekt geworden ist.

Ein ausgefallenes Programm traf beim Sommerfest des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf auf eine ausgelassene Stimmung. Die Kultur-Stipendiaten, die aktuell dort leben und arbeiten, ließen die Besucher in ihre Ateliers und stellten ihre Werke vor.

36 Literaten, Künstler und Komponisten kommen in diesem Jahr in den Genuss eines mehrmonatigen Stipendiums in Wiepersdorf. Dass der finnische Komponist und Sänger Renee Ertomaa als musikalischen Auftakt des Tages ein sehr düsteres Werk des finnischen Dichters Aleksis Kivis vertont hat, faszinierte die Besucher zwar, sorgte bei ihnen aber keineswegs für einen nachhaltigen Stimmungsumschwung beim Sommerfest; der wunderbare Nachmittag blieb einer der heiteren Gelassenheit vorbehalten.

Von Karen Grunow

Teltow-Fläming Blankenfelde-Mahlow unterstützt Volksbegehren - 250.000 Euro gegen den BER
02.07.2015
Polizei Teltow-Fläming: Polizeibericht vom 29. Juni - Auto mit Familie rammt Steinmauer
29.06.2015
Teltow-Fläming Gemeindevertretung Blankenfelde-Mahlow macht Weg für Gewerbeansiedlung frei - Bebauungsplan für Halle am Berliner Damm
29.06.2015