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Teltow-Fläming Der Norden explodiert, der Süden folgt
Lokales Teltow-Fläming Der Norden explodiert, der Süden folgt
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10:39 21.03.2018
Eines von vielen neu gebauten Häusern in Großbeeren Quelle: Jutta Abromeit
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Dahmeland-Fläming

Eigentlich ist es müßig, immer wieder auf der letzten Einwohnerprognose des Landes herumzuhacken. Trotzdem hier noch einmal die Zahlen: Die Statistiker hatten vor drei Jahren vorausgesagt, dass die Bevölkerung von Dahme-Spreewald ungefähr im Jahr 2020 ihren höchsten Stand erreichen wird – mit 165 000 Einwohnern. Danach werde sie wieder abnehmen. Für Teltow-Fläming errechneten sie eine maximale Bevölkerungszahl von 162 000 Einwohnern, danach folge ein Sturz ins nahezu Bodenlose.

Nun weiß inzwischen auch in Potsdam jeder, dass diese Werte nicht nur veraltet sind, sondern auch meilenweit an der Realität vorbeigehen. Andererseits ist die Schätzung des Landesamtes für Statistik aber weiterhin gültig – und bildet daher noch immer die offizielle Datengrundlage für Planungen aller Art.

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Die Zahlen werden herangezogen, wenn der Bedarf an Kitaplätzen berechnet wird. Sie werden für die Schulplanung benutzt. Und auf diesen Zahlen fußte die komplette Idee der Kreisreform. Deshalb ist es durchaus hilfreich, sie wieder hervorzuholen und mit tatsächlichen Entwicklung abzugleichen. Die Abweichung liegt gerade beim Landkreis Teltow-Fläming außerhalb jeder Toleranz. Denn zum 31. Dezember 2017 waren im Landkreis Teltow-Fläming nach Aussage der Meldeämter 169 453 Einwohner gemeldet. Das sind rund 2500 Menschen mehr als im Vorjahr. Anders als von den Statistikern berechnet explodiert der Landkreis also geradezu, das Wachstum betrug im vergangenen Jahr 1,5 Prozent.

Kurve zeigt seit vier Jahren nur nach oben

Damit zeigt die Kurve in Teltow-Fläming seit nunmehr vier Jahren steil nach oben. Wie steil, das zeigt ein kleiner Vergleich: Noch Ende des Jahres 2011 lag die Einwohnerzahl von Teltow-Fläming unter der Marke von 160 000. Damit hat der Landkreis innerhalb von sechs Jahren 10 000 Einwohner hinzugewonnen, die meisten durch Zuzug. Eine solche Wachstumsdynamik gab es in der Region zwar schon einmal in den Neunzigerjahren, aber den zweiten Frühling, den die Region jetzt erlebt, hatten die Statistiker ihr offenkundig nicht mehr zugetraut.

Rein zahlenmäßig hat die Dynamik sogar noch einmal zugelegt. Ein Jahr zuvor betrug das Wachstum lediglich ein Prozent. Allerdings gab es in beiden Jahren statistische Besonderheiten. Im Jahr 2016 wurden der Gemeinde Großbeeren die Insassen des Gefängnisses aus der Statistik gestrichen, die ausgewiesene Wachstumsgemeinde verlor damit auf einen Schlag etwa 400 Einwohner, was sich natürlich auch beim Landkreis bemerkbar machte.

Im Jahr 2017 dagegen wurde entschieden, dass die Stadt Zossen auch die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung Wünsdorf in ihr Melderegister aufnehmen muss. Zossen verzeichnet deshalb innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von fast 1000 Einwohnern – wobei knapp 600 davon Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung sind. So erklärt sich auch, dass Zossen den mit Abstand größten Wachstumsschub meldet, wobei auch das „natürliche“ Wachstum der Kommune derzeit nicht zu unterschätzen ist.

Zossen wächst überall

Die Stadt hat gerade erst zwei neue Kindergärten mit zusammen weit über 300 Plätzen gebaut, in mehreren Wohngebieten wachsen Einfamilienhäuser empor, in Wünsdorf werden zudem nach und nach weitere Wohnblöcke aus dem Nachlass der Sowjets saniert und gleich nach Übergabe bezogen. „Das kommt alles nicht überraschend für uns, wir haben entsprechende Planungen und sind seit zwei Jahren auf diese Entwicklung eingestellt“, sagt Zossens Bürgermeisterin Michaela Schreiber (Plan B).

Die anderen großen Wachstumsmotoren von Teltow-Fläming liegen ebenfalls im Berliner Umland: Großbeeren gehört nach wie vor zu den am stärksten wachsenden Kommunen, ebenso wie Blankenfelde-Mahlow und Ludwigsfelde, die innerhalb des vergangenen Jahres jeweils um 400 bis 500 Einwohner zugelegt haben. Inzwischen lässt sich aber belegen, dass der Boom auch dauerhaft in die berlinferneren Regionen ausstrahlt.

Beispiel Luckenwalde: Auch dort ist die Entwicklung inzwischen voll angekommen. Die Stadt, die sich aufgrund der guten Bahnanbindung an Berlin als Alternative zum immer teurer werdenden Speckgürtel mausert, meldet das dritte Jahr in Folge Wachstum und hat im vergangenen Jahr auch die Marke von 21 000 Einwohnern geknackt. So viele hatte man zuletzt vor zehn Jahren. Damals plante man freilich noch den Abriss kommunaler Wohnungen, heute denkt man intensiv über Neubau nach.

Aufschwung in Luckendwalde wie seit 50 Jahren nicht mehr

An eine vergleichbare Phase des stetigen Zuwachses dürften sich selbst die älteren Luckenwalder kaum noch erinnern können, die letzte lag in den Sechzigerjahren. Ähnliches gilt aber auch für Jüterbog, das im vergangenen Jahr ebenfalls mehr als 100 Einwohner zugelegt hat. Und selbst das komplett ländlich geprägte Niedergörsdorf meldet seit vier Jahren konstant Zuwachs.

Im Landkreis Dahme-Spreewald sieht es tendenziell ähnlich aus, nur hat das Wachstum dort im vorigen Jahr etwas nachgelassen. Während seit 2015 die Zuwachsraten stets bei deutlich über einem Prozent lagen, waren es 2017 „nur“ 0,7 Prozent. Das entspricht aber noch einem Plus von 1300 Einwohnern.

Bemerkenswert ist, dass die beiden berlinfernen Städte Lübben und Luckau – ähnlich wie Luckenwalde und Jüterbog – teils kräftig zugelegt haben. Bei der größten Stadt des Kreises, Königs Wusterhausen, ist das Wachstum dagegen fast verhalten ausgefallen. Schönefeld ringt weiter mit der 15 000-Einwohner-Marke, aber die jüngste Entwicklung dort dürfte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was angesichts riesiger Wohnungsbauprojekte in den nächsten Jahren zu erwarten ist.

Bestensee wächst am schnellsten im LDS

Die größten Gewinner des Jahres 2017 sind kleinere Gemeinden wie Schulzendorf, Mittenwalde oder insbesondere Bestensee. Bürgermeister Klaus-Dieter Quasdorf (parteilos) bekommt dort derzeit zu spüren, was es bedeutet, wenn eine Gemeinde innerhalb eines Jahres um fast vier Prozent zulegt. Man habe gerade eine neue Kita in Betrieb genommen, diese werde im März weiter aufgestockt, und auch da werde man bald an Grenzen stoßen, sagt er.

In Bestensee fing diese Entwicklung erst vor rund zwei Jahren an. „Wir hatten auf einmal so viele Zuzüge mit Kindern, das hat uns kalt erwischt“, gibt Quasdorf zu.

Seine Verwaltung fragt inzwischen freundlich bei den Neuankömmlingen an, ob sie der Gemeinde zumindest einen kleinen Einblick in die Familienplanung geben könnten. Wie viele Kinder bringen sie mit? Sind noch welche geplant?

Die Reaktionen seien positiver gewesen als befürchtet, sagt Quasdorf. Und die Gemeinde bekomme dadurch eine etwas bessere Vorstellung davon, welche Anforderungen an sie gestellt werden. Wo das allerdings hinführen soll, weiß Quasdorf noch nicht. „Aufhalten lässt sich Zuzug jedenfalls nicht, und das wollen wir auch nicht“, sagt er.

Wachstum wird eher noch zunehmen

Ihm sei aber wichtig, dass Bestensee seine dörfliche Struktur behalte. Von heute knapp 8000 Einwohnern wolle man auf 12 000, höchstens auf 13 000 Einwohner wachsen. „Dann ist der Charakter noch erhalten, wir haben aber einen Stand erreicht, wo wir als Gemeinde dauerhaft eigenständig überlebensfähig sind“, so Quasdorf.

In jeden Zipfel der Region ist das Wachstum freilich noch immer nicht vorgedrungen, und es ist auch fraglich, ob es das jemals wird. Das Amt Dahme verliert nach wie vor Einwohner in Größenordnungen, auch andere ländliche Ämter wie Lieberose und Gemeinden wie Märkische Heide werden sich weiter Gedanken machen müssen, wie sich der Einwohnerschwund kompensieren lässt.

Schaut man auf die Planungen in Schönefeld und die Bautätigkeit in Ludwigsfelde und Blankenfelde, dürfte das Wachstum über die gesamten Landkreise gesehen in den nächsten Jahren aber eher noch zunehmen. Was sich dann wohl auch in der nächsten Einwohnerprognose des Landes wiederspiegeln dürfte.

In einer früheren Version des Textes war die Grafik aus dem vergangenen Jahr eingeblendet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Von Oliver Fischer