Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Rückgang des Regionalen
Lokales Teltow-Fläming Rückgang des Regionalen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:18 04.03.2018
Anzeige
JÜTERBOG

.

MAZ: Woran denken Sie beim Wort Sprache?

Anzeige

Elisabeth Berner: Sprachen sind ein kultureller Wert – auch wenn uns dies im Alltag selten bewusst ist, erfahren wir doch spätestens im Kontakt mit anderen Sprachen oder Mundarten, dass sich mit unserer Sprache, ganz besonders mit unserer Muttersprache, auch Geschichte, Traditionen und Werte verbinden. Längst ist erwiesen, dass die Kenntnis mehrerer Sprachen unsere Sicht auf die Welt bereichert und oft wird gerade im Kontakt mit dem anderen das Eigene in besonderer Weise erlebbar.

Aber Sprachen verändern sich doch ständig. Mundarten verschwinden. Was ist schlimm daran?

Berner: Wir erleben nicht erst seit dem 20. Jahrhundert, dass weltweit viele Sprachen untergehen oder unterzugehen drohen. Auch vor der Bundesrepublik macht diese Entwicklung nicht halt. Nicht zuletzt deshalb hat die Bundesrepublik Deutschland neben anderen europäischen Staaten 1999 die „Europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen“ in Kraft gesetzt, deren erklärtes Ziel es ist, mit dem „Schutz der geschichtlich gewachsenen Regional- oder Minderheitensprachen Europas zur Erhaltung und Entwicklung der Traditionen und des kulturellen Reichtums Europas“ beizutragen und somit einen „wichtigen Beitrag zum Aufbau eines Europas darstellen, das auf den Grundsätzen der Demokratie und der kulturellen Vielfalt im Rahmen der nationalen Souveränität und der territorialen Unversehrtheit beruht“ – so steht es in der Charta.

Wie schnell ging das? Hat so eine Charta irgendwelche Auswirkungen?

Berner: Ihrer Verabschiedung war ein jahrelanges Ringen von engagierten Mitgliedern von Mundartgruppen, Wissenschaftlern und einzelnen Persönlichkeiten vorausgegangen, in dem die Frage nach dem Status des Niederdeutschen – zu dem ja auch das Fläming-Platt gehört – kontrovers und zum Teil sehr emotional diskutiert wurde. Dass das Niederdeutsche letztlich als Regionalsprache anerkannt wurde, war ein wichtiger Erfolg, verpflichtet es doch auch die Landesregierungen, Initiativen zum Schutz und zur Pflege des Niederdeutschen in den verschiedensten Bereichen zu unterstützen und zu fördern.

Was bedeutet das für Brandenburg?

Berner: Noch stärker als in anderen norddeutschen Bundesländern ist in Brandenburg der Rückgang der Regionalsprache vorangeschritten. Verschiedene historische und aktuelle Entwicklungen und auch die Tatsache, dass sich in Brandenburg die südliche Grenze des Niederdeutschen befindet, also schon zahlreiche Einflüsse aus den mitteldeutschen Sprachgebieten wirken, haben dazu beigetragen, dass zunehmend immer weniger Menschen das Niederdeutsche noch aktiv verwenden oder gar an die jüngere Generation weitergeben. Dennoch haben sich gerade in der jüngeren Vergangenheit nicht nur im Fläming mit seiner ganz besonderen Beziehung nach Flandern, sondern auch im Norden – in der Prignitz und der Uckermark – wieder Initiativen gebildet, die dieser Entwicklung etwas entgegensetzen wollen.

Haben Sie mal ein Beispiel?

Berner: In der Prignitz besteht eine Initiative „Rettet die niederdeutsche Sprache“, mit deren Hilfe zahlreiche Maßnahmen zum Schutz des Niederdeutschen gebündelt werden. Ein besonders interessantes Projekt ist es dabei, Niederdeutsch in ausgewählten Kitas einzuführen. Auf spielerische Art lernen hier die Kinder einmal in der Woche von ihren Erzieherinnen oder von Paten und Patinnen, die dazu in die Einrichtungen kommen, niederdeutsche Wörter und Texte zu sprechen und voller Stolz ihren Eltern vorzutragen. Eine Puppe hilft dabei, aus dem gewohnten sprachlichen Alltag hinaus und in die „Welt“ des Niederdeutschen hineinzutreten. Erfahrungen konnten die Erzieherinnen dabei aus Kitas in Mecklenburg-Vorpommern übernehmen. Texte aus dem Uckermärkischen werden recht unproblematisch ins Prignitzer Platt umgesetzt und helfen bei der Suche nach geeigneten kindgerechten Spielen und Sprüchen. Dass die Erfahrungen in den einzelnen Kitas unterschiedlich sind, überrascht nicht, ist aber auch kein Grund zur Entmutigung. Alle Beteiligten ahnten, dass es ein mühsamer Weg sein wird und doch sprechen erste kleine Erfolge für dieses Projekt.

Und wenn die Kita-Kinder zur Schule kommen, vergessen sie das Niederdeutsche wieder?

Berner: Es gibt auch eine kleine „Kinderschool“, in der einmal in der Woche jüngere Schulkinder gemeinsam mit ihren Eltern oder Großeltern Plattdeutsch lernen. Die Texte werden dann bei Veranstaltungen vorgetragen. Dieses gemeinsame Lernen macht nicht nur besonderen Spaß, sondern motiviert gerade die Kinder, auch zuhause Platt zu verwenden.

Das heißt, es ist lediglich eine Frage des guten Willens, ob wieder öfter Fläming-Platt zu hören sein wird?

Berner: Die Erfahrungen der Prignitz und der Uckermark zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, Niederdeutsch wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Die Sammlung von Texten, die Einrichtung von Bibliotheken, die Förderung von Veröffentlichungen, Gottesdienste in Plattdeutsch, Beschriftungen in Ämtern und Museen, Niederdeutschtage und Lesungen sind nur einige der Möglichkeiten. Die Kinder zu begeistern eine weitere. Auch die Vernetzung zwischen den verschiedenen Initiativen und Aktiven gehört dazu und wird im Norden Brandenburgs in besonderer Weise durch den Kulturbund gefördert. Dies alles funktioniert aber nur, wenn sich Mitstreiter und Mitstreiterinnen für das „Projekt Niederdeutsch“ engagieren, damit auch in Zukunft noch Niederdeutsch in Brandenburg zu hören sein wird.

Welche Chance hat der Fläming dabei?

Berner: Dass sich auch im Fläming ein „Sprachenzentrum Flämingplatt“ gebildet hat, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Schutz des Niederdeutschen auch in dieser Region. Ihm ist zu wünschen, dass sich auch hier viele Menschen finden, die mit dazu beitragen, das Fläming-Platt nicht nur zu konservieren, sondern vor allem wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen und aktiv zu verwenden.

Ist irgendwo erfasst, wie viele Leute noch Fläming-Platt sprechen?

Berner: Leider haben wir keine aktuellen Daten. Größere flächendeckende Untersuchungen sind schon älter und beruhen auf Hochrechnungen. Jüngere Untersuchungen im Land Brandenburg beziehen sich eher auf kleinere Regionen und sind nicht verallgemeinerbar. Sicher ist aber, dass die Zahl derjenigen, die Platt verstehen und gelegentlich nutzen sehr viel höher ist als die Zahl der aktiven Sprecherinnen und Sprecher.

Wie viele Mitglieder des Sprachzentrums haben die Zeit, ihr Wissen weiterzugeben? Wo ist der Vorteil, Platt zu sprechen?

Berner: Jede ehrenamtliche Arbeit lebt von der Zeit, die die Beteiligten einbringen können und möchten. Statt von Vorteil möchte ich daher lieber von Bereicherung sprechen. Der Schutz oder das Erlernen der Regionalsprache trägt nicht nur dazu bei, einen Beitrag zur Bewahrung regionaler Kultur zu leisten, sondern auch für zukünftige Generationen deren Vielfalt in einer immer globaleren Welt zu bewahren.

Haben Sie eine spezielle Aufgabe in der Initiative?

Berner: Als einer der Vertreterinnen des Bundeslandes Brandenburg im Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen, wo wir gemeinsam mit den anderen norddeutschen Bundesländern über Möglichkeiten der Pflege und Förderung des Niederdeutschen beraten und Erfahrungen austauschen und Kontakte auf bundesdeutscher und Landesebene zu den staatlichen Stellen herzustellen bemüht sind, sehe ich meine Aufgabe vor allem in der Vermittlung von Erfahrungen und damit Motivation.

Interview: Gertraud Behrendt

Teltow-Fläming Dennoch geht der Streit um Rangsdorfer Wasseranschluss weiter - Die Eiche ist weg
22.05.2013
Teltow-Fläming Oberschule Blankenfelde-Mahlow bereitet sich auf „ihre“ Fußball-Weltmeisterschaft 2014 vor - Comics, Gastlichkeit und Toleranz
22.05.2013
Teltow-Fläming Jugendliche konnten sich auf einer Messe in Thyrow über mögliche Ausbildungsberufe informieren - Verkäufer oder doch lieber Bäcker?
22.05.2013