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Teltow-Fläming Theaterstück stößt Erinnerungstüren auf
Lokales Teltow-Fläming Theaterstück stößt Erinnerungstüren auf
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05:05 11.11.2016
Letzter Moment vor  dem Premierenbeginn: Gleich stehen die Akteure auf und gehen von der Bühne  zum  Publikum.
Letzter Moment vor dem Premierenbeginn: Gleich stehen die Akteure auf und gehen von der Bühne zum Publikum. Quelle: Jutta Abromeit
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Ludwigsfelde

Ihre Idee funktioniert nicht nur, sondern sie zündet . Glücklich hören die Performerinnen Sharon On aus Israel und Laura Söllner aus Österreich nach der Premiere ihres Miteinander-Stücks „Räume unserer Mütter“ im Klubhaus von Ludwigsfelde Gespräche zwischen Akteuren und einigen Dutzend Besuchern. „Oh Mann, kommen da Erinnerungen hoch“, ist oft zu hören. Allerdings gibt es die klassischen Besucher bei diesem Werk am Mittwochabend nicht: Jeder ist einbezogen. In festen Gruppen geht es durch improvisierte Räume: „Zuhause“, „Vater“, „Kindheit“, „Erbe“, „Haushalt“, „Nichtmutter“. Rundherum binden übergroße, sepiafarbene Porträts alle Szenen wie einen Ring ein.

Küchengespräch zu Kindheitserinnerungen beim Kochen und Essen Quelle: Jutta Abromeit

Akteure dieses Stückes, die sich stets mit Vornamen nennen, sind zehn Senioren. Sie fanden den Mut, sich öffentlich an ihre Mütter zu erinnern. Gefunden hatten die Theaterfrauen On und Söllner die acht Frauen und zwei Männer über den Seniorenbeirat Ludwigsfelde und die Akademie 2. Lebenshälfte.

Premiere „Räume unserer Mütter“ im Klubhaus Ludwigsfelde: die Theaterfrauen Sharon On (Israel) und Laura Söllner (Österreich) inszenierten mit künstlerischen Mitteln den Begegnungsabend zwischen Akteuren und Besuchern mit Ludwigsfelder Senioren

Hartmut Klucke wohnt in Rangsdorf und hatte aus der Zeitung von dem Vorhaben erfahren. Der 1944 Geborene kam vorgestern mit Schwester, Frau, Kindern und Enkeln nach Ludwigsfelde. Er bekannte: Die Proben hätten den riesigen Klumpen in seinem Kopf wie die Kämmerchen eines Apothekenschrankes geöffnet.

In dem sogenannten offenen Raum geht es um körperliche Momente. Quelle: Jutta Abromeit

Der frühere Amtsdirektor sprach von seiner Mutter Herta, Jahrgang 1911: „Meine Mutti sagte: ,Wer in dieser Zeit leben will, muss hart und mutig sein.’ So wurde ich Hartmut.“ Nach der Vorstellung erzählte er: „Bei den Proben war ich oft an der Tränengrenze.“ Deshalb habe er leichte Angst vor der Aufführung gehabt. „Das ist doch ein ziemlich dichtes, sehr intimes Erleben, was man hier preisgibt.“

Aus dem Zimmer „Kindheit“ klingt zart ein Kinderlied, etwas später im „Haushalt“ wird leise „Stille Nacht“ angestimmt. Nach intimen Zimmer-Runden folgt ein gemeinsames Zwischenstück: Laura Söllner bittet bei Zutreffendem um kleine Schritte nach vorn: „Alle, die ihre Mutter einmal angeschwindelt haben.“ „Alle, die denken, dass ihre Mutter mal einsam war.“ „Alle, die mit den Proben etwas über sich erfahren haben.“

Die Theaterperformerinnen Laura Söllner (l.) und Sharon On (r.) mit Bühnenbildnerin Anita Fuchs. Quelle: Jutta Abromeit

Ellen Kopsch und ihr Mann Rainer wohnen seit 1998 in Genshagen. Schlimme Momente für ihre Eltern erlebte die Tochter völlig anders: „Bei der Flucht saß ich auf einem Wagen, eingepackt und über mir der Sternenhimmel.“ Sie habe nur Augen für die funkelnden Sterne gehabt. „Die Tragik dieser Situation war mir nicht bewusst.“

Ihr Mann erzählt nach dem Premierenapplaus bei Saft und Sekt: „Wir haben uns beide auf jeden Probendienstag gefreut. Obwohl das zum Teil sechs, sieben Stunden waren.“ Das seien nicht nur Erinnerung gewesen, das war Geschichte, meint der 76-Jährige: „Und manchmal hatten wir das Gefühl, wir sind in einer Therapie. Denn einige von uns haben etwas rausgelassen, was sie noch nie vorher erzählt hatten.“

Die Aktreue des Stücks. Quelle: Jutta Abromeit

Ein Künstler aus dem Freundeskreis der Theaterfrauen sagt: „Die ganze Ausstattung mit diesen riesengroßen, aufwenig hergestellten Porträts dürfte nicht verschwinden. Solch ein Abend müsste durch viele Orte ziehen.“ Denn die Gespräche würden immer anders ausfallen, sie wären gerade in Deutschland überall so wichtig...“

Info: Die vorerst letzten beiden Abende „Räume unserer Mütter“ im Klubhaus Ludwigsfelde sind am Samstag und Sonntag jeweils ab 14 Uhr zu erleben. Reservierungen sind aus Platzgründen nötig und möglich zu den Öffnungszeiten direkt im Bürgerservice, Tel.  0 33 78/ 82 71 44.

Von Jutta Abromeit