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Teltow-Fläming Unterwegs mit dem Landarzt
Lokales Teltow-Fläming Unterwegs mit dem Landarzt
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11:53 05.03.2014
Marcus Claussen mit Patientin Erna Schwartz Quelle: Martin Küper

Ärztesonntag? Nicht für Marcus Claussen. Wenn der Zossener Allgemeinmediziner mittwochs die Praxis schließt, ist sein Arbeitstag noch lange nicht vorbei. Auf den Dörfern ringsum warten schließlich noch etliche Patienten auf seinen Hausbesuch.

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Der zunehmende Altersdurchschnitt stellt die Gesellschaft vor viele Herausforderungen. Betreuungsangebote müssen angepasst werden, Wohnungen müssen altersgerecht gebaut werden. Auch die Kommunen müssen sich umstellen und neue Angebote schaffen. Denn für viele ältere Menschen ist Einsamkeit ein großes Problem, weil ihr Freundeskreis kleiner wird und oft haben die Verwandten auch keine Zeit, sich um die Angehörigen zu kümmern.

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Zum Beispiel Erna Schwartz. Der Landarzt ist an diesem Nachmittag zum ersten Mal bei der 88-Jährigen, die mit ihrer Tochter im Ortsteil Schünow lebt. „Ein bisschen aufgeregt?“, fragt Claussen seine neue Patientin, als er ihren erhöhten Blutdruck misst. „Ein bisschen“, antwortet sie leise. Aber die Aufregung scheint nicht ihr größtes Problem.

Mit Laptop und Arzttasche geht Marcus Claussen raus zu den Patienten. Quelle: Martin Küper

Was die Dame denn noch selbständig machen könne, will Claussen von ihrer Tochter wissen. „Alleine essen geht nur, wenn ich es ihr hinstelle, durch die Wohnung laufen auch nur mit mir und waschen oder sowas gar nicht“, sagt Tochter Hannelore Schwarze. „Aber sonst ist sie gesund.“ Erna Schwartz weint.

Zurück in seinem weißen Renault wird Marcus Claussen nachdenklich. „Was macht man mit der ganzen Zeit im Alter, wenn man nicht mehr richtig sehen, hören und gehen kann? Wenn man nicht mal mehr fernsehen kann, weil man das Bild nicht erkennt?“ Ob er bei seiner alltäglichen Arbeit selbst Angst vor dem Alter bekommt? „Ich frage mich natürlich schon, was im Fall einer schweren Krankheit ist oder wer mich mal pflegen wird“, antwortet der 52-Jährige.

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Viele seiner Patienten seien in einer ähnlichen Lage wie Erna Schwartz. „Altersdepression ist ein großes Thema.“ Im Vergleich dazu wirkt Klaus Grieger beinahe vergnügt. In seiner Datsche im Horstfelder Wald hat es sich der 77-Jährige behaglich eingerichtet: Das Bett steht direkt vor dem Fernseher, Schokolade und Lebkuchen in Reichweite.

Seit einem Schlaganfall fällt Klaus Grieger das Laufen schwer, aber zu einem Spaß mit seinem neuen Arzt ist der frühere Fensterputzer gleich aufgelegt. Er würde gerne mal wieder Physiotherapie bekommen, sagt Grieger. Claussen verschreibt sie ihm und überlässt das Feld der Pflegeschwester Liane, die gerade zur Tür hereinkommt.

100 Patienten sind es, die Marcus Claussen im Zossener Umland zu Hause versorgt, etwa die Hälfte davon dauerhaft. Wenn er seine Besuche in den Seniorenwohnheimen der Umgebung mitzählt, sind es noch mal etwa 150 Menschen. „Meistens mache ich meine Hausbesuche in der Mittagspause und sonst nach der Sprechstunde“, sagt er. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Viele seiner ans Haus gebundenen Patienten sind von anderen Ärzten abgewiesen worden.

Reich wird der Allgemeinmediziner damit auch nicht. Sieben Minuten pro Visite bezahlt ihm die Krankenkasse. Jede Minute darüber ist sein Privatvergnügen. „Eine Viertelstunde bei einem Patienten, das ist dann schon recht fix“, sagt der gebürtige Lübecker mit nordischem Akzent. „Aber ich interessiere mich halt auch für die Biografien der Leute, die haben oft viel zu erzählen.“ Besonders beeindruckt hätten ihn die Geschichten eines Soldaten, der die Schlacht von Stalingrad überlebt hatte.

Allgemeinmedizin: Laut Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVB) zur Versorgungssituation stehen bei den Hausärzten derzeit die Bereiche Ludwigsfelde und Schönefeld/Wildau am schlechtesten da. Dort liegt der Versorgungsgrad unter 79 Prozent. Die meisten Hausärzte – 38 an der Zahl – sind in Königs Wusterhausen angesiedelt. Der beste Versorgungsgrad herrscht in Jüterbog mit 108 Prozent.

Augenheilkunde: In Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming sind jeweils neun Fachärzte für Augenheilkunde niedergelassen. Der Versorgungsgrad liegt damit bei rund 120 Prozent.

Chirurgie: Zehn Chirurgen sind insgesamt in den beiden Landkreisen ansässig. Damit ist eine Versorgung von rund 130 Prozent gegeben.

Dermatologie: In Teltow-Fläming haben sechs Dermatologen eine Praxis, damit ist der Landkreis nach KVB-Vorgaben gut versorgt. Anders sieht es in Dahme-Spreewald aus. Dort sind derzeit nur vier Fachärzte tätig.

Gynäkologie: Bei Frauenärzten herrscht in beiden Kreisen eine ausreichende Versorgung. Pro Kreis sind jeweils 14 Ärzte niedergelassen.

HNO: Im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde sind sowohl in Teltow-Fläming als auch Dahme-Spreewald jeweils sechs Fachärzte tätig . Der Versorgungsgrad liegt bei über 120 Prozent.

Nervenheilkunde: Gut versorgt ist Dahme-Spreewald mit acht Fachärzten. In Teltow-Fläming sind noch Stellen zu besetzen – derzeit gibt es dort nur fünf Fachmediziner.

Orthopädie: Einen hohen Versorgungsgrad gibt es bei den Orthopäden. In Dahme-Spreewald gibt es sieben, in Teltow-Fläming acht Ärzte.

Psychotherapie: Schlechter sieht es bei den Psychotherapeuten aus: In Dahme-Spreewald gibt es 18 (Versorgungsgrad 98 Prozent) und in Teltow-Fläming 17 (91 Prozent) Therapeuten.

Urologie: Mit jeweils vier Urologen sind die Landkreise gut versorgt. In Teltow-Fläming liegt der Versorgungsgrad sogar über 120 Prozent.

Das Leben eines Stadtarztes ist natürlich komfortabler, aber das hat Claussen hinter sich. Vor einigen Jahren musste er seine Praxis in Berlin-Mitte aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben. „In der Großstadt gibt es zwar viel mehr Patienten, aber auch viel mehr Ärzte.“ Auf dem Land sei die Zahl der Patienten pro Praxis höher – darunter sind vor allem ältere Menschen. „Zwei Drittel meiner Patienten sind mehr als 60 Jahre alt“, sagt Claussen.

Gut zwei Stunden hat Claussen an diesem Nachmittag für seine Patienten gebraucht. Aber der Feierabend ist trotzdem noch nicht in Sicht. „Für mich geht’s jetzt noch weiter ins Seniorenheim“, sagt er und steigt wieder in seinen Wagen.

Von Martin Küper

„Berufe mit Zukunft“

Jana Carouge (40) von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Dahme-Spreewald (WFG) leitet das Projekt „Start 2 Health“. Damit sollen junge Leute aus der Region für eine Ausbildung im Bereich Pflege, Gesundheit und Erziehung geworben werden.
 
MAZ: Wie gravierend ist der Mangel im Gesundheits- und Pflegebereich im Landkreis Dahme-Spreewald?
Jana Carouge: Bei uns ist das Problem noch nicht der mangelnde Nachwuchs. Tatsächlich entscheiden sich viele junge Leute für eine Ausbildung in diesen Bereichen. Das Problem ist unter anderem die hohe Abbrecherqoute von 25 Prozent. Die meisten der Abbrecher merken nach einigen Monaten, dass der Beruf doch nichts für sie ist.
 
Woran liegt’s?
Carouge: Die Jugendlichen haben oft eine falsche Vorstellung von den Berufen im Bereich Gesundheit, Pflege und Erziehung. Viele wissen gar nicht, was da wirklich auf sie zukommt. Da empfiehlt dann irgendjemand, mach doch Altenpfleger, und dann schlägt man diesen Weg halt ein. 

Wie kann „Start 2 Health“ den Jugendlichen helfen?
Carouge: Unsere Zielgruppe sind Neuntklässler, die noch ein Jahr Zeit haben, bevor sie sich für einen Ausbildungsplatz bewerben. Im Februar wird es an den Schulen die ersten Info-Veranstaltungen geben. Später besuchen die Schüler einwöchige Workshops, um einen tieferen Einblick in ihre beruflichen Möglichkeiten zu bekommen. Und im Anschluss daran geht’s für ein einwöchiges Praktikum in ein Unternehmen in der Region. Dort können die Schüler dann in den realen Arbeitsalltag hineinschnuppern.
 
Was erhoffen Sie sich von dem Projekt?
Carouge: Wir haben bewusst keine konkreten quantitativen Ziele formuliert. Natürlich hoffen wir, dass wir einige Schüler für diese Branche gewinnen und begeistern können. Für uns wäre es aber auch ein Erfolg, wenn manche schon früher merken, dass diese Branche nichts für sie ist. Aber wir stehen noch ganz am Anfang und wollen erstmal schauen, ob wir die Jugendlichen überhaupt erreichen. Und alle, die dabei bleiben, sollen sehen, dass es auch in ihrer Region Berufe mit Zukunft gibt und sie nicht nach Bayern gehen müssen.

Interview: Martin Küper

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