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Teltow-Fläming Wie Familien sich den Traum vom Berlin-nahen Leben im Grünen erfüllen
Lokales Teltow-Fläming Wie Familien sich den Traum vom Berlin-nahen Leben im Grünen erfüllen
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01:15 02.05.2019
Nicole und Clemens Mitschke mit ihren Kindern Paulina und Leni vor ihrem Haus in Ludwigsfelde. Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Wer Familie Mitschke ihrem Ludwigsfelder Heim besucht, wird auf dem Weg Zeuge eines imposanten Schauspiels. In Ludwigsdorf, einer neuen Siedlung am westlichen Ende der Industriestadt, wo die Mitschkes seit gut drei Jahren wohnen, kann man der Region beim Wachsen zuschauen.

Erst durchquert man einen Gürtel aus Sandwällen, Betonmischern und Baugerüsten. Bald darauf windet sich die Strecke über neue Spielstraßen, an deren Rändern Einfamilienhäuser im Akkord hochgezogen werden. Von manchen liegt erst die Grundplatte, bei anderen hängen schon Gardinen an den Fenstern. Männer und Frauen schieben Schubkarren durch die Gegend. Die Autos haben auswärtige Nummernschilder. Fast alle beginnen mit B wie Berlin.

Fünf Biegungen und einen Kilometer weiter, sieht Ludwigsdorf schon so aus, wie die Makler es einst als Vision beworben haben: verputzte Fassaden, hüfthohe Hecken. In den Vorgärten blühen Osterglocken. Alles atmet den Geist des Neuen. Die Zäune sind neu, die Autos sind neu, man sieht sogar TF-Nummernschilder, wenngleich sie noch immer in der Unterzahl sind.

Vier Jahre lang gebaut

In einem dieser Häuser sitzen Clemens und Nicole Mitschke an einem Eichentisch, der perfekt auf das Parkett und die Wandverkleidung abgestimmt ist, und erzählen die Geschichte ihres Hausbaus. Vier Jahre lang haben sie geplant, gemauert, gestrichen und eingerichtet, berichten sie.

Clemens Mitschke hat das Interieur selbst entworfen, genau wie die Küche, das offene Wohnzimmer und die restliche Aufteilung des Hauses. Die Baufirma habe hier und da noch etwas korrigiert, aber im Grunde alle seine Wünsche umgesetzt. „Und tatsächlich funktioniert alles so, wie ich mir das dachte“, sagt er. „Ich bin super glücklich damit.“

Arbeiten an Einfamilienhäusern im Wohngebiet „Russeaupark“ in Ludwigsfelde. Quelle: Oliver Fischer

Letzten Sommer hat er noch den Zaun gesetzt und das Projekt damit offiziell für beendet erklärt. „Natürlich müssen immer irgendwo noch Kleinigkeiten gemacht werden“, sagt er. Aber den Traum vom Leben im Gründen, vom bezahlbaren Eigenheim im Berliner Umland, lebt das Paar mit seinen Kindern Paulina und Leni jetzt. Genau wie unzählige andere junge Familien.

Riesige Wohngebiete entstehen

Um knapp 2000 Einwohner ist der Landkreis Teltow-Fläming zuletzt pro Jahr gewachsen. Diese Entwicklung hat nichts mit steigenden Geburtenraten zu tun und auch nichts mit Asylbewerbern. Sie findet fast ausschließlich im näheren Berliner Umland statt: in Großbeeren, Rangsdorf, Zossen Blankenfelde-Mahlow und Ludwigsfelde, wo teils riesige Wohngebiete entstehen.

Und hinter einem Großteil dieses Wachstums stehen Paare zwischen 30 und 40, Paare wie die Mitschkes, die mit ihren Kindern im Wohngürtel um Berlin sesshaft werden, weil sie die Hektik der Hauptstadt leid sind oder weil sie sich gleichwertige Häuser in Berlin nicht leisten können.

Erste Station: drei Zimmer in Zehlendorf

Auf Clemens und Nicole Mitschke trifft beides zu. Sie sind in sächsischen Kleinstädten aufgewachsen, haben sich nie in einer Millionenmetropole alt werden sehen. Nach Berlin kamen sie 2008 vor allem aus beruflichen Gründen. Beide arbeiten beim Fernsehen. Er ist Cutter, sie Produktionsleiterin, und für Fernsehleute gibt es in der Hauptstadt einfach mehr zu tun als in ihrer sächsischen Heimat.

Zusammen bezogen sie eine Drei-Zimmer-Wohnung in Zehlendorf. Die Wohnung sei ganz schön gewesen, sagt Clemens Mitschke. Nachkriegsbau, Dachgeschoss, völlig ausreichend für ein kinderloses Paar. Als Paulina geboren wurde, musste die Familie zusammenrücken. Es machte sich plötzlich auch bemerkbar, dass die Wohnung im vierten Stock lag und keinen Fahrstuhl hatte. In einer Hand Einkäufe hochtragen, auf dem anderen Arm das Kind. Natürlich war das machbar, sagt Nicole Mitschke. Aber es gibt optimalere Wohnsituationen.

Größere Wohnungen nicht zu finden

Spätestens mit dem Wunsch nach einem zweiten Kind war dann klar, das die drei Zimmer in Zehlendorf keine Dauerlösung sein würden. „An diesem Punkt kamen wir in ein Dilemma“, erzählt Clemens Mitschke. „Wir brauchten eine größere Wohnung, wollten uns im Standard auch nicht verschlechtern.“ Beim Blick in einschlägige Portale oder Makleraushänge sei in Berlin aber nichts dergleichen zu finden gewesen.

Für Vier-Zimmer-Mietwohnungen wurden rund 1200 Euro aufgerufen. Ein Reihenhaus in Lichterfelde, für das sich die Familie interessierte, hätte eine halbe Million gekostet. Das war 2013. „Heute wären das Schnäppchen, aber damals war uns das schlicht zu teuer“, sagt Clemens Mitschke.

Hausbau in der Wildnis

Sie begannen, sich im südlichen Umland umzuschauen, suchten Potsdam, Teltow und Kleinmachnow nach Baugrundstücken ab. Bekannte machten sie schließlich auf Ludwigsdorf aufmerksam, ein neues Baugebiet in Ludwigsfelde mit Platz für 5000 Menschen.

Von ihrem ersten Besuch hat Nicole Mitschke noch Fotos auf dem Handy. Man erkennt eine nackte Teerstraße. Der Rest ist Wildnis. „Etwas Fantasie brauchte man schon, um sich dort Häuser vorzustellen“, erinnert sie sich. Aber die Grundstücke waren günstig, und der Makler riet zur Eile. Die Nachfrage sei enorm.

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Der Haus der Familie, das heute an der Teerstraße steht, ist ein imposanter Bau. Zwei Vollgeschosse, Walmdach, 170 Quadratmeter Wohnfläche. Es gehört zu den Größten in der Umgebung, wegen seiner dunklen Fassade und der breiten Fensterfronten sticht es noch etwas mehr heraus.

Niedrige Zinsen waren entscheidend

Natürlich sei letztlich alles etwas teurer geworden als geplant, sagt Clemens Mitschke. Das Haus kostete am Ende samt Möbeln und 600 Quadratmetern Grundstück rund 320 000 Euro. „Die niedrigen Zinsen waren da ein entscheidender Vorteil. Zehn Jahre vorher hat man noch sechs Prozent bezahlt, uns bot die Bank zweieinhalb an. Das war machbar.“

Für die Summe, die sie jetzt monatlich an die Bank zahlen, bekommt man in Berlin heute höchstens noch drei Zimmer zur Miete. Wenn überhaupt. „So gesehen war das für uns ein Mega-Deal“, sagt Nicole Mitschke.

Mit einem Fuß noch in Berlin

Die beiden schwärmen von der Ruhe, ihrem Garten, den wenigen Autos. Ihr neues Heim sei ein echtes Zuhause geworden, sagen sie. Nur an Ludwigsfelde müssen sie sich noch etwas gewöhnen.

Sie seien selten in der Stadt. Zur Arbeit pendeln sie nach Berlin, die jüngste Tochter Leni geht dort auch noch zur Kita, weil es in Ludwigsfelde keinen Betreuungsplatz für sie gab. „Wenn ich mich bei meinen Eltern verabschiede, dann sage ich immer noch, wir fahren nach Berlin“, erzählt Nicole Mitschke. Und wenn sie dann ins Auto steigt, prangt auf dem Nummernschild auch immer noch ein B.

Hier wächst Brandenburg

Wachstum ist ein, vielleicht das Wesensmerkmal unserer Gesellschaft. Das Wort mehr ist bei uns zum Prinzip geworden. Mehr Umsatz, mehr Arbeitsplätze, mehr Wohnungen, mehr Straßen, mehr Kitas, mehr Kultur – egal was, Hauptsache mehr. Was im Großen gilt, gilt doppelt für die Region Dahmeland-Fläming und vor allem deren Norden. Nicht zuletzt wegen des weiterhin erwarteten Großflughafens BER in Schönefeld leben wir in einer ausgesprochenen Boom-Region.

So wünschenswert Wachstum ist, da es mehr Vielfalt und Möglichkeiten eröffnet, so unweigerlich führt es aber auch zu Wachstumsschmerzen. Die sind immer dann zu spüren, wenn die Strukturen nicht mehr mithalten können. Wenn es an Kita-Plätzen mangelt oder die Straßen im täglichen Berufsverkehr verstopfen. Darin, Wachstum ohne große Schmerzen zu ermöglichen, besteht die Aufgabe und Kunst der Verwaltungen, aber auch die Verantwortung der Investoren.

Wie aber sieht es in unserer Region wirklich aus? Wollen wir immer weiter wachsen? Wollen wir alles belassen, wie es jetzt gerade ist? Mit unserer achtteiligen Serie „Hier wächst Brandenburg“ werden wir einen Stand der Dinge abbilden. Wir reden mit Entscheidungsträgern – und mit denjenigen, die im Rahmen dieser Entscheidungen leben müssen. Wir zeigen, worin die Herausforderungen bestehen und bestehen werden.

Von Oliver Fischer

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