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Teltow-Fläming Zeitzeuge erinnert sich an verheerende Kämpfe
Lokales Teltow-Fläming Zeitzeuge erinnert sich an verheerende Kämpfe
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17:19 28.04.2015
Rund 25 000 Opfer der Kesselschlacht liegen auf dem Waldfriedhof in Halbe. Quelle: dpa
Halbe

Dieses Chaos. Dieser Geruch von Angst, Schweiß, von Pulverdampf und Blut. Dieser Lärm. Ohrenbetäubend. Die Panzergranaten, die Kampflugzeuge, die MG-Salven, die Stalinorgeln, deren Raketen nur so über die Wälder pfiffen und krachend Häuser, Maschinen und Menschen in Fetzen rissen. Brennende Zäune, brennende Dächer, daneben zehntausende Menschen, die panisch westwärts durch die Straßen rannten, und von denen immer wieder einer von Kugeln oder Granatsplittern getroffen stolperte und zu Boden sackte. Tod und Verderben überall. Wo man hintrat Menschenfleisch, zerfetzt von Artillerie-Geschossen, breitgewalzt von Panzerketten. Viele Zeitzeugen haben das Chaos, das Ende April auf den Straßen des kleinen märkischen Dorfs Halbe herrschte, als blanken Horror beschrieben. Als Horror, den niemand vergessen konnte, der ihn erlebt und überlebt hat. Arnold Mosshammer, der das Grauen der Kesselschlacht als Zwölfjähriger miterlebt hat, fasst die Stimmung in einem Satz zusammen: „Alle wollten da nur noch lebend rauskommen.“

Genau 70 Jahre ist es her, dass sich im Kessel von Halbe der Wahnsinn und die Verzweiflung der letzten Kriegstage Bahn brach. Die Kämpfe, die sich in den vier Tagen zwischen dem 25. und dem 28. April 1945 in und um Halbe abspielten, gingen als eines der letzten großen Gemetzel des Zweiten Weltkriegs in die Geschichtsbücher ein. Die Opferzahlen sind vage: Allein 30 000 deutsche Soldaten sollen im Kessel von Halbe ihr Leben gelassen haben, in anderen Quellen ist von bis zu 60 000 Toten die Rede. Dazu kommen geschätzt 20 000 Sowjetsoldaten und noch einmal rund 10 000 Zivilisten. Doch wie war es dazu gekommen?

Der grobe Hergang lässt sich mit wenigen Strichen skizzieren. Bereits Mitte Januar war die deutsche Ostfront zusammengebrochen. Ab Februar stand die Rote Armee an der Oder. Deutsche Verbände stellten sich ihr noch einmal entgegen, verteidigten an den Seelower Höhen erbittert ihre Linie, aber Mitte April brach die Rote Armee sowohl bei Frankfurt als auch 100 Kilometer südlich bei Cottbus durch. Die sowjetischen Armeen drängten nach Westen und schlossen in der Nacht zum 24. April einen Ring um Teile der 4. Panzerarmee und den Großteil der 9. Armee unter General Theodor Busse. Rund 200 000 deutsche Soldaten sollen in diesem Kessel eingeschlossen worden sein.

Das waren aber nicht mehr die gut ausgebildeten und ausgerüsteten Wehrmachtssoldaten, die ab 1939 halb Europa unterworfen hatten. Der Großteil der deutschen Truppen war längst an den Fronten aufgerieben. Übrig blieben zusammengewürfelte Haufen, in denen 17-Jährige neben umgeschulten Matrosen standen, Volkssturmleute neben Polizisten und SS-Männern. Auch der Zustand der Truppe war erbärmlich. „Wir waren verlaust, verdreckt, viele hatten die Krätze, darunter auch ich“, schrieb Soldat Heinz Maether in seinen Erinnerungen an Halbe.

Diese 9. Armee sah sich nun von einer sowjetischen Übermacht umzingelt, die alleine 700 Panzer und 300 Geschosswerfer aufbot – und der Kessel, dessen Durchmesser anfangs von Halbe bis Lübben reichte, engte sich immer weiter ein.

General Busse musste die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt haben. Ein Kapitulationsangebot der Sowjets lehnte er aber ab. Zum einen hatte Hitler ihm den Ausbruch aus dem Kessel befohlen. Zum anderen wollten Busse und viele andere Soldaten um jeden Preis eine sowjetische Gefangenschaft vermeiden. Während die Rote Armee den Ring immer weiter schloss, scheiterte Busse mit zwei Ausbruchsversuchen und planten schließlich den finalen Durchbruch auf der Strecke mit den am besten passierbaren Wegen – und die führten durch das Gebiet um Halbe.

Arnold Mosshammer, der damals mit seiner Mutter und seiner Großmutter in Halbe lebte, erinnert sich noch an das Vorspiel, das Grollen der sowjetischen Artillerie, das täglich lauter wurde. „Wir wussten, dass die Front kommt. Es war beängstigend“, sagt er. Dann seien immer mehr Soldaten in den Ort gekommen. Der Volkssturm baute Panzersperren in der Lindenstraße und der Kirchstraße, SS-Leute hoben derweil in den Wäldern Stellungen aus. Die Wehrmacht sprengte Brücken und Autobahnauffahrten. Die Einschläge der ersten Granaten hörte Arnold Mosshammer dann nur noch. Als die Kämpfe begannen, saß er mit seiner Familie schon im Luftschutzkeller einer Fabrik und bangte um sein Leben.

In der 9. Armee war unter dem Dauerfeuer der Sowjets inzwischen jegliche militärische Ordnung zusammengebrochen. Soldaten liefen zwischen Panzern und versuchten irgendwie, den Artilleriekanonaden zu entkommen. Dazwischen mischten sich tausende Flüchtlinge, Frauen, Kinder, alte Leute, die ihre Habe auf Pferdewagen oder im Koffer mit sich schleppten und ebenfalls aus dem Kessel wollten. Die Front wechselte dreimal über Halbe, sagt Arnold Mosshammer. „Es war wie in Karthago. Nach dem ersten Mal stand Halbe noch. Nach dem dritten Mal war nichts mehr übrig.“

Der letzte Ausbruchsversuch begann am Abend des 28. April. Am Bahnhof kam es zu erbitterten Kämpfen ohne klaren Frontverlauf. Jeder schoss auf jeden. Hinter den Bahnschienen teilte sich der Tross – eine Hälfte zog in die Lindenstraße, die andere in die Kirchstraße. „Es wurde wüst und wahllos geschossen. Wir waren ein unkoordinierter Haufen, jeder versuchte, nur noch durchzukommen“, erinnerte sich Erich Buchholz, damals Soldat, in einem Interview mit der Berliner Zeitung. In beiden Straßen wurden die Flüchtenden von den Panzersperren aufgehalten. Viele wurden dort erschossen oder von Busses Tiger-Panzern überrollt, die mit voller Kraft nicht nur die sowjetischen Linien, sondern auch die vollgestopften Straßen durchbrachen. Später wurden die Kämpfe in den Wäldern fortgesetzt. Wolfgang Limpack, der sich in diesen Tagen mit 18 Granatsplittern im Bein in Richtung Westen schleppte, erinnert sich an „ein zielloses Umherirren auf der Flucht vor der Roten Armee, ein Kanonengedonner, ein Sterben und Dahinsiechen, ein Hungern und Hoffen. Überall lagen Tote, zum Teil stapelweise. Jeder Angriff kostete gleich hunderte Menschenleben.“

Doch dann, plötzlich und wie auf Kommando: Nichts mehr.

Es war der 29. April, als Arnold Mosshammer zaghaft aus dem Keller der Karosseriefabrik kletterte. Seit zwei Stunden hatten sie dort unten kein Schuss mehr gehört, keine Granate, keine Fliegerbombe. „Es war ein entsetzlicher Eindruck. Totenstille, aber überall brannte es. Nicht nur Häuser, auch Fahrzeuge und Panzer und überall lagen dicht an dicht tote Soldaten, deutsche genau wie Sowjets“, erinnert sich Mosshammer. Ungläubig lief er die Kirchstraße entlang, er sah verkeilte Pferdegespanne, ausgebrannte Fahrzeuge, gepanzerte Wagen und Leichen über Leichen über Leichen. „Der Pulverdampf, der Brandgeruch, auch Verwesungsgeruch – es war unbeschreiblich. Und da bewegte sich plötzlich ein Leichenberg. Ein verletzter sowjetischer Soldat kroch darunter hervor. Er war offenbar gerade zu sich gekommen“, erzählt Mosshammer.

Für den Zwölfjährigen und die anderen Halber begann nun ein Teil, der nicht weniger schrecklich war als die Schlacht an sich. Bevor sie mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser beginnen oder die rund 20 Einwohner betrauern konnten, die während der Kämpfe von Granaten getötet oder von Soldaten erschossen wurden, mussten sie die Leichen unter die Erde bringen, die in der warmen Maisonne bald zu verwesen begannen. „Jeder, noch halbwegs auf den Beinen war, musste mit anfassen, Tag für Tag, morgens bis abends“, erinnert sich Mosshammer. Dort, wo die Leichen lagen, wurden Löcher ausgehoben. Entlang der Straßen, in jedem Vorgarten, auf jedem Feld und überall im Wald wurden Tote verscharrt. Manchmal einzeln, meistens in Massengräbern.

Mosshammer erzählt von aufgeblähten Pferdekadavern, die noch in die Geschütze eingespannt waren, und für die er tagelang den Waldboden aufgrub, bis er blutige Blasen an den Händen hatte. „Wir Kinder sollten uns um die toten Tiere kümmern, auch damit wir möglichst nicht die menschlichen Leichen sehen. Aber das war natürlich utopisch“, sagt er.

Es dauerte bis in den Juli hinein, bis die Halber Bevölkerung die Toten notdürftig verscharrt hatte. Einige der Grabstellen wurden registriert, viele jedoch nicht. Obwohl ab Anfang der 50er Jahre viele der Toten auf den eigens angelegten Waldfriedhof umgebettet wurden, werden immer noch regelmäßig Skelette im Boden von Halbe gefunden.

Rund 22 000 Opfer der Schlacht liegen jetzt auf dem Waldfriedhof in Halbe. Nur 8000 davon sind namentlich bekannt. Die anderen hatten entweder ihre Erkennungsmarken verloren, sie aus Angst weggeschmissen oder die Leichen waren so verstümmelt, das man sie nicht mehr zuordnen konnte.

Von den 200 000 eingeschlossenen Soldaten sind am Ende etwa 25 000 aus dem Kessel von Halbe entkommen. Die meisten davon schlugen sich tatsächlich bis zur Elbe durch, vereinigten sich dort mit der 12. Armee von General Walther Wenck und ergaben sich an Ort und Stelle den amerikanischen Truppen. Weitere 120 000 Soldaten blieben im Kessel, ergaben sich schließlich und gerieten in Sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Arnold Mosshammer verließ Halbe mit 18, um ins Internat zu gehen, und er kehrte erst im Rentenalter wieder an die Stätte des Grauens zurück. Jetzt lebt er wieder im Ort und unterstützt unter anderem das lokale Aktionsbündnis. „Nach dem, was ich damals gesehen habe, war mir klar, dass so etwas nie wieder passieren darf“, sagt er.

Info: Am Mittwoch ab 11 Uhr findet auf dem Waldfriedhof Halbe eine große Feierstunde statt, bei der auch die Gebeine von mehr als 100 Opfern der Kesselschlacht eingebettet werden. Es gibt einen Gottesdienst. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird auch vor Ort sein.

Von Oliver Fischer

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