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Zossen So sieht es im größten Nachrichtenbunker der Nazis aus
Lokales Teltow-Fläming Zossen So sieht es im größten Nachrichtenbunker der Nazis aus
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00:21 28.03.2019
Blick in einen dunklen Tunnel des Zeppelin Bunkers in Wünsdorf – Einst der größte Fernmeldebunker der Wehrmacht.
Blick in einen dunklen Tunnel des Zeppelin Bunkers in Wünsdorf – Einst der größte Fernmeldebunker der Wehrmacht. Quelle: Jonas Nayda
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Wünsdorf

Vom Licht der Taschenlampe aufgescheucht, flieht eine kleine Fledermaus in den dunklen Gang hinein. Schnell ist sie darin verschwunden. 280 Meter Tunnel liegen vor der Gruppe aus etwa 20 Männern und Frauen, bis sie die Schleuse des ehemals größten Nachrichtenbunkers der Nazis erreicht haben. Der Gang ist dunkel und kalt. Ein modriger Keller-Geruch liegt in der Luft.

Der ehemals größte Nachrichtenbunker der Nazis wurde in den 1960er-Jahren von der sowjetischen Armee übernommen. Seit 1994 steht er leer.

Sylvia Rademacher geht mit schnellen Schritten voran. Sie kennt sich hier aus. Ohne in die düsteren Türöffnungen rechts und links von ihr zu blicken, läuft sie weiter. Ein kühler Lufthauch umweht die Entdecker, an deren Spitze Rademacher jetzt das Wort ergreift: „Sie kennen die Regeln. Wo Zutritt verboten ist, hat das auch einen Grund“, sagt sie.

Besucher können auf eigene Faust erkunden

Die Gruppe befindet sich im Wünsdorfer Bunker Zeppelin, einer einstigen Nachrichtenzentrale der Deutschen Wehrmacht aus dem zweiten Weltkrieg. Die Sowjetische Armee nutzte den Bunker bis 1992. Heute steht er leer

Kurz vor der Schleuse teilt sich die Gruppe auf, jetzt wollen die Besucher mit Fotoapparaten den Bunker auf eigene Faust erkunden. An diesem „unterirdischen Sonntag“ ist das erlaubt, heute finden keine regulären Führungen statt – die Besucher können sich vollkommen frei bewegen. Dennoch gibt es Bereiche, die zu gefährlich sind und die deshalb auch heute verschlossen bleiben. „Das ist hier kein Disneyland“, sagt Sylvia Rademacher. Sie arbeitet für die Bücherstadt Tourismus GmbH, die seit ein paar Jahren Führungen durch die alten Militäranlagen in Wünsdorf anbietet. Rademacher und ihre Kollegen achten darauf, dass am Ende des Tages alle wieder wohlbehalten als Tageslicht zurück kommen.

Alliierte versuchten den Bunker zu sprengen

Aus einem der Räume dringt ein Lichtschein. An dieser Stelle hatten die Alliierten den Bunker nach Kriegsende aufgesprengt. In der drei Meter dicken Decke aus Stahl-Beton klafft ein riesiges Loch. Doch der Lichtkegel stammt nicht von der Sonne: Es ist ein Scheinwerfer, der dort angebracht ist. Obwohl der Bunker 1945 kriegsuntauglich gemacht worden war, mauerten sowjetische Soldaten das Loch nur wenige Jahre später wieder zu. Der Bereich des Bunkers, der nicht zerstört worden war, wurde sogar noch ausgebaut. Seit dem Abzug der Russen 1994 hat sich dort nicht mehr viel verändert. Viele unterirdische Räume und Gänge haben bis heute keinen Strom oder Licht.

„Für mich ist es ein Mahnmal“, sagt Sylvia Rademacher. Ihre Zeit im Bunker versteht sie als Arbeit für den Frieden. Es sei wichtig, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerate, schließlich sei von diesem Bunker aus ein Krieg ausgelöst worden.

Zu Kriegszeiten wichtigster Fernmeldeknoten

Im Jahr 1939 galt die unter dem Namen „Zeppelin – Amt 500“ getarnte Nachrichtenanlage als größter und wichtigster Fernmeldeknoten der Wehrmacht. Von dort aus wurde der Polen-Feldzug der Nazis gesteuert. Bis zum Ende des Krieges arbeiteten in mehreren Schichten bis zu 300 Menschen gleichzeitig in dem Bunker.

Der gesamte Komplex erstreckt sich auf drei Etagen bis zu 20 Meter tief unter die Erde. Jedes Stockwerk ist so groß wie anderthalb Fußballfelder. Man kann sich schnell verlaufen in dem dunklen, unübersichtlichen System von Gängen, Zimmern und Treppen.

Hobby-Historiker vermessen Räume

„Wir gehen so einen Ausflug sehr technisch an“, sagt Kai Rickerts, einer der 20 Entdecker, die sich heute als erste in den Bunker gewagt haben. Er gehört zum Team „Hamburger Unterwelten“ und ist mit acht Vereinsmitgliedern extra für den heutigen Tag angereist. In unterirdischen Gängen verlaufen sich die Hobby-Historiker nie. Sie vermessen die Räume, schießen Fotos und dokumentieren ihre Entdeckungen ganz genau. Zum Zeppelin-Bunker in Wünsdorf fällt ihnen beinahe einstimmig nur ein Wort ein: „Beeindruckend“.

An vielen Türen und Wänden erinnern kyrillische Schriftzeichen an die Zeit, in der sowjetische Soldaten in Wünsdorf waren. Damals herrschten in den Technik-Räumen des Bunkers teilweise Temperaturen von bis zu 36 Grad Celsius, trotz Kühlung. In der Anlage waren riesige Diesel-Motoren für die Strom-Versorgung verbaut, die sonst nur in U-Booten zu finden sind. Heute herrschen im gesamten Bunker konstant 10 Grad Celsius. „Einfach unglaublich, dieser Bunker ist mit nichts zu vergleichen“, sagt Kai Rickerts.

Geführte Touren finden immer Dienstags bis Freitags um 14 Uhr statt, in den Sommermonaten auch am Wochenende und um 12 und 16 Uhr. Eintritt 12 Euro. Infos unter www.buecherstadt.com/de/bunker/.

Von Jonas Nayda