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Uckermark Jugend-Drama mit Badeunfall und brennendem Wartburg
Lokales Uckermark Jugend-Drama mit Badeunfall und brennendem Wartburg
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08:03 07.07.2019
Dreh einer Szene mit Hauptdarsteller Béla Westhaus (im gelben T-Shirt). Quelle: THORSTEN KELLER
Lychen

Erst die Klappe, dann das Startsignal von Kameramann Florian Brückner: „Wir drehen!“ Etwas schlaftrunken öffnet der elfjährige Mo die Tür des Wohnwagens, bleibt kurz stehen und tritt dann ins Freie. Im fertigen Film „Lychen ’92“ von Constanze Klaue wird diese Szene nur wenige Sekunden dauern. Béla Westhaus, der den Mo spielt, muss die Sequenz an diesem Morgen auf dem Campingplatz Wurlsee in Lychen (Uckermark) aber fünfmal wiederholen, bis die Regisseurin zufrieden ist. Das liegt auch am Perlenvorhang, der im Eingang des Campers hängt und nicht solide fixiert ist. Als Westhaus den Vorhang streift, fällt er herunter. Also alles auf Anfang, bitte!

Zwei Wochen lang, bis Sonntagabend, hat das 25-köpfige Filmteam auf dem Campingplatz und an einer angrenzenden Badestelle gedreht, und wo später auf den Plakaten „Lychen“ draufstehen wird, steckt ganz viel Brandenburg drin. Die literarische Vorlage, die 2004 veröffentlichte Kurzgeschichte „Elmer“ von Andreas Steinhöfel, verzichtet auf Orts- und Zeitangaben, während Constanze Klaue, die auch das Drehbuch verfasst hat, die Handlung bewusst in den Osten Deutschland und in die Nachwendezeit verlegt hat.

Hauptsponsor des Films ist allerdings nicht das Medienboard Berlin-Brandenburg, sondern die Filmstiftung NRW. Sie fördert „Lychen ’92“ mit 20.000 Euro, der Film ist Klaues Abschlussarbeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM). Die ungewöhnliche Filmlänge von einer halben Stunde wurde gewählt, um den Film auf Festivals in der Kategorie „Kurzfilm“ präsentieren zu können, hier sind 30 Minuten die Obergrenze.

Das Gegenteil einer Literaturverfilmung

Lychen ’92“ ist das Gegenteil einer typischen Literaturverfilmung, bei der ein Romanstoff verdichtet und zusammengedampft wird. Klaue hat dem „dramaturgischen Rohdiamanten“ etliche Szenen hinzugefügt und sich nur grob an Steinhöfels Rahmenhandlung orientiert. Das nun verfilmte Skript hat 36 Seiten, Steinhöfels Story lediglich acht.

Regisseurin Constanze Klaue – „Lychen ’92“ ist ihre Abschlussarbeit an der Kölner KHM Quelle: Thorsten Keller

Klaue und Produzentin Annika Ahrens (beide Jahrgang 1985) kennen sich seit ihrer gemeinsamen Grundschulzeit in Schulzendorf (Dahme-Spreewald) – und teilen die Erinnerung an Ferien auf dem Campingplatz an Brandenburger Seen. Der Gedanke daran sei nicht nur wohlige Nostalgie, sagt Constanze Klaue: „Wer in den neunziger Jahren die Sommerferien in Lychen, Ückeritz oder Prerow verbrachte, anstatt eine Katalogreise auf die Balearen zu buchen, gehörte unausgesprochen zu den Wendeverlierern.“

Die Nachwendezeit beschäftige sie sehr, sagt die Regisseurin, „es gibt da ganz viele Geschichten, die noch nicht erzählt sind“. In „Lychen ’92“ bekommt Mo von seinen Eltern ein kleines Schlauchboot geschenkt, aber für Paddel reicht das Geld nicht mehr. Dieses Motiv komme ihr total bekannt vor, erzählt Klaue: Unerfüllte Wünsche, die kindliche Enttäuschung, und erst viel später die Erkenntnis, wie knapp die Eltern wirklich bei Kasse waren.

Gemeinheiten nur vor der Kamera

Die Geschichte wird konsequent aus der Perspektive des kleinen Mo erzählt. Die materiellen Sorgen seiner Eltern und die eigene Unfähigkeit zu schwimmen bedrücken ihn. Als ein anderer Junge, Enrico, beinahe ertrinkt, nimmt der Film eine unerwartete Wendung...

Von glücklichen Zufällen vor Beginn der Dreharbeiten erzählt die Produzentin. „Den Enrico-Darsteller Karl-Bruno Hanke haben wir zufällig getroffen“. Er saß an einem See und angelte, als das Filmteam auf der Suche nach möglichen Drehorten durch Brandenburg fuhr. „Im Drehbuch sind die anderen Kinder gemein zu Enrico“, stellt Ahrens den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit klar. Während der Dreharbeiten seien hingegen alle lieb zu Karl, der mit der Rolle als übergewichtiger Außenseiter wohl den schwierigsten Part in „Lychen ’92“ übernommen hat. Die Harmonie am Set wird noch verstärkt durch Willy, den verspielten Mischlingshund der Regisseurin. Mit ihm vertreiben sich die Kinderdarsteller die Wartezeiten.

MAZ half bei der Darstellersuche

Emil Dieck aus Birkenwerder kam durch einen Aufruf in der MAZ zu seiner Rolle als „Brecht“. Seine Mutter hatte den Artikel in der Zeitung gelesen und dachte sich: „Berlinern kann er, also sollte er es mal versuchen.“ Das Handy-Bewerbungsvideo begann der 13-Jährige mit einer frontalen Ansprache an die Filmemacher: „Ey, ihr Spacken!“

Emil Dieck (13) spielt den Brecht. Im Hintergrund der Campingwagen seiner Film-Familie Quelle: Thorsten Keller

Damit gehörte er zum Team, auch ohne vorherige Film- oder Schultheater-Erfahrungen. Insgesamt sechs der neun Sprechrollen sind Kinder, was die Planung der Dreharbeiten kompliziert machte: Jungdarsteller unter 16 dürfen nur drei Stunden am Tag vor der Kamera stehen und sich höchstens acht Stunden täglich am Set aufhalten.

Die wohl glücklichste Fügung für das Filmteam war der Kontakt mit dem Fahrzeug- und Technik-Museum Fürstenau, ebenfalls in der Uckermark. Museumsleiter Gerhard Eberwein sammelt DDR-Memorabillien und stellte für die Produktion vier authentisch ostdeutsche Campingwagen als Leihgaben zur Verfügung. „Ohne seine Unterstützung hätten wir uns das als Filmstudenten nicht leisten können“, sagt Annika Ahrens.

Achtung, kleiner Spoiler: Eberwein stellte auch einen pittoresk durchgerosteten Wartburg aus seinem Museum zur Verfügung. Während eines Nachtdrehs ging er spektakulär in Flammen auf. Das war der schwierigste Moment der Dreharbeiten, denn so eine Szene lässt sich nicht beliebig oft wiederholen. Irgendwann wird das Auto zu Asche.

Von Thorsten Keller

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