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17:47 24.04.2019
Eine Erzieherin in einer Kindertagesstätte liest das Märchen vom Rotkäppchen vor. Quelle: Arno Burgi/dpa
Berlin

„Wir suchen dringend einen Kita-Platz oder eine Tagesmutter.“ In sozialen Netzwerken wird deutlich, was viele Eltern in Berlin derzeit beschäftigt. Zwar haben sie einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihrer Kleinen ab dem ersten Geburtstag. Doch versuchen Tausende oft seit Monaten vergeblich, einen Platz zu bekommen.

Wie groß die Not ist, zeigt sich bei Ebay: In Kleinanzeigen bieten verzweifelte Eltern teils mehrere Hundert Euro „Belohnung“ für die Vermittlung eines Kita-Platzes an. Für Schlagzeilen sorgte jüngst ein Vater, der bereit war, dafür sogar 5000 Euro auf den Tisch zu legen.

Vor einem Jahr war die Wut vieler Eltern so groß, dass Tausende für mehr Kita-Plätze auf die Straße gingen. Sie forderten auch attraktivere Arbeitsbedingungen für Erzieher, die an allen Ecken und Enden fehlen und händeringend gesucht werden. Von einer „Kita-Krise“ war die Rede. Der rot-rot-grüne Senat, der den Ausbau der Kinderbetreuung zu einer Priorität erklärt hat und hier viel Geld in die Hand nimmt, gelobte damals Besserung. Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) schob zahlreiche Maßnahmen an, um kurz- wie mittelfristig zu mehr Plätzen und zu mehr Personal zu kommen. So zahlte sie Prämien an Kita-Betreiber, die zusätzliche Plätze schufen.

„Aber die Situation ist nicht besser geworden“, sagt Ronny Fehler, Kita-Experte bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Derzeit suchten genauso viele Eltern Kita-Plätze wie im Vorjahr. „Das Problembewusstsein kann man dem Senat nicht absprechen, aber ein durchschlagender Erfolg ist nicht in Sicht.“ Der Senat verkaufe schon als Erfolg, dass sich die Situation nicht verschlechtert habe. „Ein negatives Signal“, findet Fehler.

Platz 1096 auf der Warteliste

Wenig positiv gestimmt ist auch Katharina Mahrt, eine junge Mutter, die sich in der Elterninitiative „Kitakrise Berlin“ engagiert. „Die Lage hat sich zugespitzt“, schließt sie aus Erfahrungsberichten verzweifelter Eltern, die sie immer wieder erreichen. „Neulich hat sich eine Mutter gefreut, dass sie in einer Kita auf Platz 96 der Warteliste kam“, schildert Mahrt. „Dann stellte sich heraus, dass die erste Liste bei 1000 geschlossen wurde, also Platz 1096 gemeint war.“ Viele Einrichtungen hätten ihre Wartelisten für das kommenden Kita-Jahr 2019/20 schon geschlossen, bei manchen gehe sogar für 2020/21 nichts mehr.

100 Anfragen bei Kitas und Tagesmüttern, erzählen Eltern, sind keine Seltenheit. „Viele fangen direkt mit der Kitasuche an, wenn sie schwanger geworden sind“, berichtet Mahrt. „Da sind die Chancen besser.“ Wer sein Kind länger zu Hause betreut und erst mit drei oder vier Jahren in eine Kita geben will, habe praktisch keine Chance.

Immer mehr Eltern ziehen vor Gericht

Inzwischen wehren sich immer mehr Eltern. Beim Verwaltungsgericht Berlin gingen seit Beginn der Zählung im Mai vergangenen Jahres 170 Eilanträge und 73 Klagen auf einen Kita-Platz ein. 178 Verfahren sind nach Angaben eines Sprechers inzwischen erledigt. In den meisten Fällen haben die Kläger Erfolg: Der Bezirk wird verdonnert, einen Platz zur Verfügung zu stellen oder eine Tagesmutter zu bezahlen.

Senatorin Scheeres räumt ein, dass die Lage angespannt ist. „Die ergriffenen Maßnahmen für mehr Plätze und mehr Personal zeigen Wirkung“, sagte sie. „Aber wir sind noch nicht über den Berg.“ Da Berlin jährlich um 40.000 Menschen wächst und es viele Familien in die Hauptstadt zieht, nennt Scheeres den Kita-Ausbau einen „Wettlauf mit der Zeit“. „Wir müssen weiter aufs Tempo drücken“, sagt sie und sieht dabei neben dem Senat Bezirke und Kita-Träger in der Pflicht.

223.000 Kinder haben Rechtsanspruch auf Kita-Platz

Laut Statistischem Landesamt leben derzeit 260.000 Kinder bis sechs Jahre in Berlin, einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben 223 000 davon, die älter als ein Jahr sind. Dem stehen aktuell 175.200 Plätze in Kitas und Tagespflege gegenüber, 5400 mehr als vor einem Jahr. In den Ausbau investiert der Senat dreistellige Millionensummen, in zwei Jahren sollen 193.000 Plätze zur Verfügung stehen. Wie ehrgeizig dieses Ziel ist, zeigte sich vor kurzem: Bei einer Ausschreibung für gut zwei dutzend neue Kitas in modularer Bauweise mit mehr als 3000 Plätzen fand sich keine Baufirma.

Ein genauso großes Problem ist das Personal. Zwar stieg die Zahl der Erzieher zuletzt um jährlich 1000 auf 30.500 an. Aber das reicht nicht. In vielen Kitas ächzen Beschäftigte unter hoher Arbeitsbelastung. „Die Grenzen der Belastbarkeit sind überschritten“, hieß es jüngst in einem offenen Brief von Betriebsräten. Viele Kitas seien unterbesetzt, vernünftige pädagogische Arbeit kaum noch möglich.

Besonders sauer stößt der Gewerkschaft auf, dass Scheeres verstärkt auf Quereinsteiger setzt, die keine klassische Erzieherausbildung haben, und auf sogenannte multiprofessionelle Teams. „Das ist kein Qualitätsgewinn, sondern belastet die Erzieher sogar noch mehr“, schimpft GEW-Experte Fehler. Immerhin: Eine deutlich bessere Bezahlung für Erzieher ist beschlossene Sache.

Von Stefan Kruse

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