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Berlin Berliner Rabbi fordert Aufstand gegen Antisemitismus: „Solidarität muss Taten bedeuten“
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14:12 13.10.2019
Kerzen und Blumen vor dem Kiez-Doener in Halle, an dem einer von zwei Menschen erschossen worden . Quelle: Foto: epd
Berlin

Nach mehreren antisemitischen Übergriffen haben die Rabbiner Yehuda Teichtal und Jah Aaron Hammel eine Solidaritätskampagne entwickelt. Die MAZ sprach darüber mit Rabbi Teichtal.

Herr Rabbiner Teichtal, Sie sind Initiator der Kampagne „Solidarisch gegen Hass“. Was ist ihr Ziel?

Ziel der Initiative ist es, durch Dialog das gesellschaftliche Miteinander zu fördern und die Menschen gegen jede Form von Antisemitismus und Diskriminierung zu aktivieren. Die Botschaft lautet: Mehr Respekt, mehr Verständnis, mehr Toleranz. In der jüdischen Gemeinde wächst die Sorge vor dem grassierenden Antisemitismus. Viele Gemeindemitglieder fragen sich, ob Deutschland noch eine sichere Heimat ist. Die Gesellschaft muss aufstehen und sagen: Wenn ein jüdischer Mitbürger angegriffen wird, werden auch wir und die Demokratie angegriffen. Die Mehrheit der Berliner ist tolerant. Ich möchte diese Menschen zusammenbringen.

 

Welche Bedeutung hat Solidarität nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle?

Solidarität muss jetzt konkrete Taten bedeuten. Es gibt in unserer Gesellschaft Menschen, die rechtsextremistische Gedanken in ihren Köpfen tragen. Welche Schrecken diese Gedanken nach sich ziehen können, hat Halle gezeigt. Jeder Mensch in der Bundesrepublik muss dagegen aufstehen und ein absolut deutliches Stoppzeichen setzen. Wer menschenfeindliche Äußerungen verharmlost und ihnen nicht klipp und klar widerspricht, macht sich mitschuldig. Die Bürger müssen verstehen: Ein Anschlag wie dieser richtet sich nicht nur gegen die jüdische Gemeinde, sondern gegen alle Menschen in Deutschland. Also müssen wir auch alle aufstehen und sagen: Keine Toleranz für die Intoleranz!

Das Erkennungssymbol der Kampagne ist eine blau-weiße Schleife. Was kann ein kleiner Anstecker bewirken?

Symbole sind wichtig. Sie stärken das Zugehörigkeitsgefühl und die Gemeinschaft. Wer die Schleife sichtbar trägt, signalisiert seinem Umfeld: Ich stelle mich gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, ich bin solidarisch mit der jüdischen Community und schaue nicht weg, wenn es zu Beleidigungen kommt.

Wie wollen Sie die Berliner konkret zu mehr Zivilcourage ermutigen?

Der Kampagnenstart ist der Auftakt für eine Reihe von Veranstaltungen und Aktionen, die in den nächsten Wochen kommen werden. „Solidarisch gegen Hass“ versteht sich als Vernetzungsplattform. Unsere Internetseite, über die man auch die Solidaritäts-Schleife beziehen kann, soll zum Austausch dienen und allen Interessierten ein Forum bieten. Es geht darum, dass die Menschen aktiv werden im Alltag. Alle Vereine, Kiez-Gruppen und Einzelpersonen, die sich für Solidarität und gegen Diskriminierung einsetzen, sind in unserer Initiative willkommen.

Wieso haben Sie die Kampagne gerade jetzt ins Leben gerufen?

Ende Juli wurde ich von zwei Männern antisemitisch beschimpft und bespuckt, als ich mit meinen Kindern in Berlin-Wilmersdorf spazieren war. Ich habe mir überlegt, wie ich auf diese Attacke reagieren kann. Soll ich mich verstecken, resignieren und in die Gemeinde zurückziehen? Nein! Ich möchte offensiv mit dieser Erfahrung umgehen und sie in Optimismus umwandeln. Ich will mich mehr als bisher für unsere Stadt und unsere Demokratie einsetzen.

Ihre positive Energie nach einer solchen Erfahrung ist bewundernswert. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute?

Die Attacke war ein Schock. Inzwischen fühlen wir uns aber wieder motiviert. Ich will den Tätern und allen Antisemiten sagen: Ich habe mehr positive Energie als jemals zuvor. Dass jüdisches Leben über 80 Jahre nach der Schoah in Berlin wieder lebendig ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Es liegt an den Berlinern, das Vertrauen der jüdischen Gemeinde in ihre Stadt zu bestätigen.

Wer waren die Männer, die Sie angegriffen haben?

Die Polizei konnte die Täter noch nicht ausfindig machen. Sie waren jung und sprachen Arabisch. Ich hoffe, dass es bald zu Ermittlungsergebnissen kommt. Menschen, die unsere offene Gesellschaft verachten, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Gibt es bisher zu wenig Solidarität aus der Gesellschaft, wenn es zu judenfeindlichen Übergriffen kommt?

Nach dem Angriff auf mich habe ich viele Solidaritätsbekundungen erhalten. Auch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und Außenminister Heiko Maas waren bei uns in der Synagoge. Was ich nach antisemitischen Vorfällen vermisse, sind Stellungnahmen der großen muslimischen Verbände. Als es zu der grauenhaften Attacke auf eine Moschee in Christchurch kam, haben wir als jüdische Gemeinde Geld für die Opfer gesammelt. Als in einer Moschee in Berlin-Reinickendorf Feuer gelegt wurde, war ich am nächsten Tag einer der Ersten vor Ort. Solche Zeichen wünsche ich mir auch von den Islam-Verbänden.

Von welchen gesellschaftlichen Gruppen geht Antisemitismus aus?

Der Hass auf Juden und den Staat Israel ist ein Gift, dass sich überall finden lässt, von rechts über links bis in den islamischen Kulturbereich hinein. Wenn ich mit Gemeindemitgliedern in Berlin spreche, wird der Antisemitismus aus dem arabisch-muslimischen Kontext gefühlt als Bedrohung gesehen. Die überwiegende Mehrheit der Muslime sind gute Menschen. Gerade deswegen haben die Islam-Verbände auch eine so wichtige Funktion. Sie müssen Antisemitismus verurteilen und sich mit uns Juden solidarisch zeigen.

Trotz antisemitischer Vorfälle kommen viele zumeist junge Juden aus Israel und anderen Ländern ganz bewusst nach Berlin. Wie passt das zusammen?

Das Judentum in Berlin ist lebendig und vielfältig. Es gibt viele spannende Projekte. Das stimmt mich glücklich und hoffnungsvoll. Jüdisches Lebens ist gekommen, um zu bleiben. Berlin darf dieses Vertrauen nicht verspielen.

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