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Berlin Drogen, Dreck und Delikte – Das Leben am „Kotti“
Nachrichten Berlin Drogen, Dreck und Delikte – Das Leben am „Kotti“
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00:23 27.10.2018
Das Kottbusser Tor gilt als einer der Brennpunkte Berlins. Quelle: Leonie Zimmermann
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Kreuzberg

Die Häuser sind so hoch, dass sie eine Fassade bilden, über die sich nur schwer hinwegschauen lässt. Die Menschen, die man dort antrifft, kommen aus vielen Ecken dieser Welt. Trotzdem haben sie alle etwas gemeinsam, denn sie haben ihren Lebensmittelpunkt am selben Fleck der Erde gefunden. Und der Ruf eilt diesem Ort voraus.

Die Rede ist vom Kottbusser Tor in Berlin, von Bewohnern gerne auch liebevoll „Kotti“ genannt. Seit Jahren macht der Platz im Herzen von Kreuzberg Schlagzeilen als neuer Brennpunkt und Sorgenfleck Berlins. Tagsüber trifft sich hier die Trinker- und Drogenszene, Obdachlose liegen neben den U-Bahn-Abgängen mitten auf dem Gehweg und die Luft riecht nach einer Mischung aus Zigaretten, Essen und Urin.

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Auch tagsüber ist die Trinker- und Drogenszene am Kottbusser Tor präsent. Quelle: Leonie Zimmermann

„Die Medien übertreiben“

Früher, da galt der „Kotti“ wegen seiner zentralen Lage vor allem für Touristen als beliebter Ausgangspunkt für Kneipentouren und Clubbesuche. Davon ist allerdings spätestens seit 2016 nichts mehr übrig. Damals erreichte der Kriminalitätsanstieg seinen Höhepunkt, die Folge waren etliche Negativschlagzeilen. Der Image-Schaden war enorm und bis heute deutlich spürbar. Wer mit den Anwohnern spricht, merkt aber schnell – Einige Menschen fühlen sich wohl im „Kotti“-Chaos:

„Also ich wohne wirklich direkt im Zentrum des Kottbusser Tores und finde es super“, sagt eine Studentin, die trotzdem lieber anonym bleiben möchte. An die „fragwürdigen“ Leute habe sie sich gewöhnt, sie sei seit ihrem Umzug vor einem Jahr nicht einmal blöd angequatscht worden. Für die 20-Jährige steht fest: „Die Medien übertreiben.“ Und sie sei bei Weitem nicht die Einzige mit diesem Eindruck.

Einige Anwohner fühlen sich wohl im „Kotti“-Chaos.. Quelle: Leonie Zimmermann

Streifenwagen als alltäglicher Begleiter

Auch statistisch gesehen entspannt sich die Situation am „Kotti“ mittlerweile wieder etwas. „Ab Mitte 2017 konnte eine deutliche Senkung der Straftaten erreicht werden“, sagt Polizei-Sprecher Thomas Neuendorf. Grund dafür sei vor allem der Einsatz einer sogenannten Brennpunkt-Streife. Die rund 20 Beamten dieser Einheit seien seit Anfang 2017 kontinuierlich in der Gegend rund um den Brennpunkt im Einsatz. „Dadurch konnte letztlich auch das Vertrauen der Anwohner und Gewerbetreibenden in die Polizei erhöht werden“, sagt Neuendorf.

Der Streifenwagen gehört also mittlerweile zum Gesamtbild des „Kottis“. Das hat auch Auswirkungen auf die Straftaten – die Zahl der Körperverletzungen und Raubüberfälle ging seit Mitte 2017 zunehmend zurück. Während im vergangenen Jahr noch 464 Delikte mit Gewaltcharakter verzeichnet wurden, dazu gehören Körperverletzung und Raub, gab es in diesem Jahr bereits 306 solcher Fälle am Kottbusser Tor.

Der Streifenwagen fährt fast halbstündlich am Kottbusser Tor vorbei. Quelle: Leonie Zimmermann

“No-Go-Area“ für viele Frauen

Besonders für Frauen ist der „Kotti“ aber nach wie vor eine „No-Go-Area“. Wer nicht unbedingt dorthin muss, der meidet die Gegend –erst recht nachts. Das berichtet auch eine ehemalige Anwohnerin: „Ich bin am Kottbusser Tor aufgewachsen aber vor zwei Jahren dort weggezogen“, erzählt die 24-Jährige, die ihren Namen lieber nicht in den Medien lesen möchte.

Die Erinnerungen der jungen Frau an das Leben am Brennpunkt seien alles andere als gut – sie sei etwa permanent angemacht worden, habe sich am Ende nicht mehr getraut, nachts rauszugehen. „Die Polizei ist zwar oft da, aber eine Garantie für den Ernstfall gibt es nicht.“

Viele Frauen trauen sich nachts nicht in die Gegend. Quelle: Leonie Zimmermann

Leben im Parallelkosmos

Tagsüber ist es voll am Kottbusser Tor. An den Tischen der vielen Imbisse sitzen die Menschen, plaudern in den unterschiedlichsten Sprachen und beobachten das Geschehen auf dem Platz; im Hintergrund rauschen die Fahrzeuge im Kreisverkehr an ihnen vorbei. Was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, kriegen nur Insider mit. Auf ihren Rundgängen sucht die Polizei deshalb Kontakt zu den Besuchern. „Die Kollegen zeigen ihnen, wie sie sich vor Taschendiebstählen und Einbrüchen schützen können“, sagt Neuendorf.

Zwischen dunklen Ecken in den Gängen der Hochhäuser, inmitten fragwürdiger Gestalten, die sich am Tag, aber vor allem in der Nacht auch in den Hausfluren herumtreiben und mit dem Elend der Obdachlosen vor Augen leben etwa 10.000 Menschen in der Gegend: Alleinerziehende, Familien, Migranten, Rentner, Studenten, Junkies, Drogendealer, Hausfrauen, sicher aber auch ganz „normale“ Arbeitnehmer. Der „Kotti“ vereint die unterschiedlichsten Menschen in einem Parallelkosmos.

Innerhalb der Hochhaus-Fassaden gibt es zahlreiche dunkle Ecken. Quelle: Leonie Zimmermann

Entwicklung der Drogenkriminalität unklar

Wer sich dort hineinbegibt, der sieht so Einiges. Mal tuscheln Männer mit vorgehaltener Hand, eine spielbegeisterte Masse lungert vor dem Casino herum, oft mit einem Bier in der Hand. Ein anderes Mal dominieren pöbelnde Trinker, die mit ihren Schnapsflaschen herumlaufen und den Gemüsehändler anpöbeln, nicht selten beobachtet man am Rande des Geschehens verdächtige Übergaben kleiner Tütchen.

In der Polizeistatistik sinkt zwar auch die Zahl der Drogendelikte deutlich, allerdings ließen sich in diesem Fall daraus laut Polizeisprecher Neuendorf nur bedingt Tendenzen für die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung erkennen. Das liege daran, dass „weder der Käufer noch der Betäubungsmittel-Händler Interesse daran haben, die Tat bei der Polizei anzuzeigen“. Entsprechende Straftaten würden also fast ausschließlich durch Polizeikräfte im Rahmen von Einsätzen ans Licht gebracht.

Eines von zwei Casinos direkt am Kottbusser Tor. Quelle: Leonie Zimmermann

Das Leben am „Kotti“ habe auch Vorteile

Anwohner und Polizei stehen im Kampf für bessere Lebensumstände am „Kotti“ aber nicht alleine da: Gemeinsam mit dem Quartiersmanagement, der Drogenberatungsstelle „Fixpunkt“, Gewerbetreibenden und Hausverwaltungen ist mittlerweile ein starkes Netzwerk entstanden. „Im Rahmen der Kriminalprävention wurden bisher zum Beispiel die Beleuchtungen verstärkt und Sichthindernisse sowie potenzielle Betäubungsmittel-Verstecke demontiert“, sagt Neuendorf.

Damit das Kottbusser Tor seinen Ruf als Brennpunkt verliert, muss allerdings noch viel passieren. Alleine im Oktober diesen Jahres wurden im besagten Bezirk 121 Straftaten begangen. Ein Anwohner berichtet von täglichen Schlägereien und offenem Drogenkonsum: „Ich bin in Wedding aufgewachsen und Einiges gewohnt, aber das Leben hier ist eine andere Liga“, erzählt der junge Mann, „du siehst das Leid der Menschen hier extremer als irgendwo anders.“

Den Schritt, an den „Kotti“ zu ziehen, bereue er trotzdem nicht. „Man zahlt nicht viel Miete, wohnt sehr zentral und alles hat fast 24 Stunden geöffnet.“ Das Leben am „Kotti“ habe eben auch Vorteile.

Das Menschen, die am „Kotti“ leben, halten trotz Chaos zusammen. Quelle: Leonie Zimmermann

Von Leonie Zimmermann

22.10.2018
20.10.2018
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