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Berlin Obdachlose in Berlin gezählt - weniger als bisher geschätzt
Nachrichten Berlin Obdachlose in Berlin gezählt - weniger als bisher geschätzt
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15:18 07.02.2020
Anhand dieses Fragebogens wurden Obdachlose in der Stadt gezählt. Quelle: Paul Zinken/dpa
Berlin

In Berlin leben womöglich weniger Menschen auf der Straße als bislang allgemein angenommen – darauf deuten jedenfalls Ergebnisse der bundesweit ersten systematischen Obdachlosenzählung in der Hauptstadt hin. Bei der Aktion im Rahmen einer sogenannten „Nacht der Solidarität“ erfassten Freiwillige 1976 obdachlose Menschen, wie Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Freitag mitteilte. Bisher gab es lediglich grobe Schätzungen, die von 6000 bis 10.000 Betroffenen ausgingen.

Breitenbach sieht die nun ermittelte Zahl und weitere Erkenntnisse zur Situation der Menschen auf der Straße als erste Grundlage, um Hilfsangebote zu verbessern und neue Modellprojekte zu starten. „Die ganze Wahrheit kennen wir freilich nicht“, räumte sie ein. „Natürlich werden wir nicht jeden Obdachlosen angetroffen haben.“

2600 Freiwillige schwärmten aus

Denn in der „Nacht der Solidarität“ vom 29. zum 30. Januar, in der 2600 Freiwillige in der ganzen Stadt zur Zählung ausschwärmten, versteckten sich manche Obdachlose oder wurden nicht gefunden. Andere übernachteten bei Bekannten, wieder andere etwa in Zelten reagierten nicht auf die Ansprache der Zähler und sollten auch nicht bedrängt werden.

Gleichwohl sieht Breitenbach die Aktion positiv. „Wir haben das erste Mal Zahlen. Und es werden sich sicher nicht 8000 obdachlose Menschen versteckt haben.“ Im kommenden Jahr sei eine weitere Zählung geplant, konkret im Frühjahr oder Sommer, wenn möglicherweise mehr Menschen im Freien leben.

Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen kritisierte die Zählung. „Die Zahlen sind unrealistisch“, sagte eine Sprecherin. Sie gehe von weit mehr Obdachlosen in Berlin aus. Wichtiger als eine solche Aktion sei es, mehr Wohnraum für Menschen ohne Bleibe zu schaffen. „Man kann auch mal neue Wege gehen, man kann auch scheitern“, sagte Breitenbach zu der Kritik. „Aber sich das Elend weiter anzusehen, dafür stehe ich nicht zur Verfügung.“ Sie wolle mehr dagegen tun, und dafür seien valide Daten nötig.

Ein Drittel der Obdachlosen ließ sich befragen

In der fraglichen Nacht wurden nicht nur Obdachlose erfasst, die etwa in Parks, auf Brachflächen oder unter Brücken schlafen. Das waren 807. Weitere 942 „Kunden“ meldeten die Einrichtungen der Kältehilfe, die Plätze für Notübernachtungen anbieten. Weitere 42 Menschen hielten sich in einem Wärmeraum in Kreuzberg auf, einem erst jüngst geschaffenen speziellen Schutzort. 158 Obdachlose wurden auf S- oder U-Bahnhöfen angetroffen. 15 befanden sich in jener Nacht in Rettungsstellen von Krankenhäusern, zwölf im Polizeigewahrsam.

Ein Teil der Menschen – auf der Straße waren es 288 und damit rund ein Drittel – ließen sich von den Freiwilligen zu ihrer Situation befragen, wie Projektleiter Klaus-Peter Licht erläuterte. Sie beantworteten Fragen zu Alter, Geschlecht, Herkunft und der Zeit auf der Straße. Noch sind die Daten Licht zufolge nicht komplett analysiert.

Gut 40 Prozent der Obdachlosen leben allein auf der Straße

Die Auswertung der von den Helfern auf der Straße ausgefüllten Fragebögen ergab, dass 56 Prozent der Befragten zwischen 30 und 49 Jahren alt und auch drei Minderjährige unter 18 dabei waren. 84 Prozent sind männlich. Fast die Hälfte (47 Prozent) der Menschen hat bereits seit mehr als drei Jahren keine feste Wohnung mehr. Gut 40 Prozent leben allein auf der Straße. Eine ähnliche Größenordnung lebt mit einem oder mehreren Erwachsenen zusammen, zum Teil in einer Liebesbeziehung. Die anderen machten keine Angaben.

113 der 288 Befragten (39 Prozent) sind Deutsche, 140 EU-Ausländer, 31 kommen aus Drittstaaten, vier machten keine Angaben. Eine Differenzierung der Ausländer nach Nationalitäten sei aus Gründen des Datenschutzes nicht möglich, hieß es. Bekannt ist aber schon länger, dass viele Ausländer auf der Straße aus früheren Ostblockstaaten wie Polen oder Rumänien kommen, die heute zur EU gehören.

Meiste Obdachlose in Camp in der Rummelsburger Bucht

Breitenbach kritisierte, dass diese oft kein Anrecht auf Sozialleistungen hätten. Hier sei der Bund in der Pflicht, Gesetze zu ändern. „Wir können nicht zusehen, wie diese Menschen auf der Straße zugrunde gehen“, so die Senatorin. „Sie müssen die gleichen Leistungen bekommen wie alle anderen auch.“

Angetroffen wurden Obdachlose nicht nur in der Innenstadt. Von den 807 auf der Straße gezählten Menschen leben ein Drittel in Stadtteilen außerhalb des S-Bahn-Ringes, hieß es. Die Aufenthaltsorte mit den meisten Obdachlosen sind ein großes Camp in der Rummelsburger Bucht (81), der Bahnhof Zoo (71), die Gegend um den S- und U-Bahnhof Warschauer Straße (34) und – das überraschte alle Beteiligten – der Lietzensee (26) im gutbürgerlichen Charlottenburg.

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Von Stefan Kruse

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