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Berlin Wie eine Hausgemeinschaft die Geschichte der früheren Bewohner rekonstruiert
Nachrichten Berlin Wie eine Hausgemeinschaft die Geschichte der früheren Bewohner rekonstruiert
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12:07 24.09.2019
Egon Heysemann wurde im Alter von 16 Jahren deportiert. Sein weiteres Schicksal ist unklar. Quelle: Gabrielle Heys
Berlin

Alles begann mit einer Liste von 22 Namen. „Als ich das Dokument zum ersten Mal in der Hand hielt, war ich regelrecht geschockt“, sagt Lars Ulrich und deutet auf den Couchtisch vor ihm. Dort ausgebreitet liegen vier Blatt Papier. Auf dem obersten steht in Großbuchstaben das Wort „Deportation“ geschrieben. „Auf dieser Liste sind die die Vor- und Zunamen von 22 früheren jüdischen Bewohnern unseres Hauses aufgeführt, die von hier aus ab 1941 von den Nationalsozialisten in den Osten und damit in den Tod deportiert wurden“, sagt Ulrich.

Der 44-jährige Mathematiklehrer wohnt seit 2015 in dem fünfstöckigen Altbau in der Treuchtlinger Straße 4 in Berlin-Schöneberg. Seit rund einem Jahr erforscht der Pädagoge in seiner freien Zeit zusammen mit drei weiteren Anwohnern die Schicksale der 22 ehemaligen jüdischen Nachbarn. „Wir haben die Deportationsliste von einem Mieter aus dem Haus bekommen, der inzwischen verstorben ist“, erzählt Ulrich. Der alte Mieter war Historiker und hat zur Geschichte des Bayerischen Viertels, in dem die Treuchtlinger Straße liegt, recherchiert.

Lars Ulrich und seine Nachbarn erkunden die Biografien der jüdischen Bewohner, die während der Nazi-Zeit deportiert wurden. Quelle: Jerome Lombard

Auf der Liste stehen neben den Namen auch das Alter, das Datum sowie der Ort, an den die Menschen von Schöneberg aus deportiert wurden. Die Liste ist kein Originaldokument, sondern eine Abschrift aus den 1980er Jahren. Das Rechercheteam der Eigentümer hat sich gebildet, nachdem die Liste auf einem Treffen durch Zufall zum Thema geworden war. „Der Gedanke, dass wir heute in Wohnungen leben, in denen Menschen zwangsweise einquartiert wurden, bevor man sie später ermordet hat, ist unerträglich“, sagt der Anwohner.

Durch Recherchen in Bibliotheken und Archiven haben Ulrich und seine Nachbarn herausgefunden, dass in ihrem Wohnhaus ab dem Ende der 1930er viele jüdische Familien wohnten. „Wir recherchieren gerade noch, ob die Menschen bewusst Wohnungen bei Verwandten oder Bekannten in dem Haus bezogen haben, oder ob die Nationalsozialisten die Familien gezielt dort einquartiert haben“, sagt Spurensucher Ulrich.

Egon Heysemann wurde im Alter von 16 Jahren deportiert. Sein weiteres Schicksal ist unklar. Quelle: Gabrielle Heys

In dem Viertel um den Bayerischen Platz lebten vor dem Zweiten Weltkrieg viele jüdische Berliner, unter ihnen Prominente wie Albert Einstein oder der Rabbiner Leo Baeck. Vor vielen Wohnhäusern im Stadtteil sind Stolpersteine verlegt. Auch Informationstafeln zu einzelnen Biographien gibt es. An der Treuchtlinger Straße 4 erinnert bisher nichts an die einstigen jüdischen Bewohner und ihre Schicksale.

Was wurde aus Egon Heysemann?

Ulrich und seine Nachbarn wollen das ändern. „Jeder von uns hat mehrere Namen für die Recherche übernommen“, sagt Ulrich. Einer der Menschen, deren Biographie der Pädagoge näher erforschen will, ist Egon Heysemann. Aus der Liste geht hervor, dass der gebürtig aus Flatow in Westpreußen stammende Heysemann zusammen mit seiner Mutter Gerda Marcuse und seinem Stiefvater Kurt Marcuse am 28. März 1942 aus der Treuchtlinger Straße 4 in die Provinstadt Piaski in Ostpolen deportiert wurde. Er war zu dem Zeitpunkt gerade einmal 16 Jahre alt. In den Archivakten hat Ulrich herausgefunden, dass Heysemann mit seiner Familie und weiteren 985 jüdischen Berlinern mit dem „11. Osttransport“ vom Güterbahnhof Berlin-Moabit deportiert wurde.

Dieser kam zwei Tage später in Trawniki an, von wo aus die Insassen zwölf Kilometer über die Landstraße in das Transitghetto Piaski getrieben wurden. Was danach geschah, ist bislang nicht genau bekannt. Entweder wurde Egon Heysemann bereits im Ghetto umgebracht. Oder der Junge erlitt das gleiche Schicksal wie die meisten Insassen aus dem „11. Osttransport“: Sie wurden nach kurzem Aufenthalt in Piaski in die Vernichtungsstätte Belzek getrieben und dort ermordet. „Es bricht einem das Herz, von Schicksalen wie dem von Egon Heysemann zu lesen“, sagt Ulrich. Die Biographie des Jugendlichen geht ihm persönlich sehr nahe, da viele seiner Schüler im selbem Alter wie Egon Heysemann zum Zeitpunkt seiner Deportation sind.

Wie lange Ulrich und seine Nachbarn noch zu den Biographien der Holocaust-Opfer aus ihrem Wohnhaus recherchieren wollen, lassen sie offen. „Wir lassen uns Zeit, wollen uns aber auch nicht verzetteln“, sagt er. Ganz wichtig ist den Anwohnern, dass schon bald mit einer Gedenktafel am Haus an die früheren Bewohner erinnert werden kann. Im Inneren des Gebäudes soll zudem eine Tafel mit allen 22 Vor- und Zunamen angebracht werden. „Den vergessenen Nachbarn ihre Namen und damit ein Stück ihrer Identität wieder zu geben, ist das Mindeste, was wir heute tun können“, sagt Spurensucher Ulrich.

Von Jérôme Lombard

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