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Berlin Razzia im Clan-Milieu: Polizei stürmt 25 Objekte – zwei Festnahmen
Nachrichten Berlin

Razzia im Clan-Milieu Polizei stürmt 25 Objekte in Brandenburg und Berlin

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15:53 18.02.2021
Ein Mann wird bei der Razzia am Donnerstagmorgen mit einer Decke über dem Kopf von der Polizei abgeführt.
Ein Mann wird bei der Razzia am Donnerstagmorgen mit einer Decke über dem Kopf von der Polizei abgeführt. Quelle: Christophe Gateau/dpa
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Berlin

An der großen Razzia gegen kriminelle Mitglieder eines arabischstämmigen Clans und weitere Verdächtige sind am Donnerstag rund 500 Polizisten aus Berlin, Brandenburg und von der Bundespolizei beteiligt gewesen. Durchsuchungen gab es in den Stadtteilen Neukölln, Spandau, Wedding, Moabit, Schöneberg und Reinickendorf, wie die Polizei über Twitter mitteilte. Zwei Verdächtige wurden demnach verhaftet. Es gab 30 Durchsuchungsbeschlüsse, die an 22 Orten vollstreckt wurden. Beteiligt waren auch das Bundeskriminalamt (BKA) mit seinem Spezialeinsatzkommando GSG9 und die Steuerfahndung.

Die Einsätze richteten sich unter anderem gegen Verdächtige aus einem bekannten arabischstämmigen Clan und „russische Staatsangehörige tschetschenischer Herkunft“, wie die Staatsanwaltschaft bei Twitter schrieb. Die beiden Gruppen waren im Herbst mehrfach gewalttätig aufeinander losgegangen. Hunderte Polizisten, darunter auch Spezialeinsatzkommandos (SEK), waren an den Durchsuchungen beteiligt Zwei Verdächtige wurden den Angaben zufolge verhaftet.

Lagerhalle in Märkisch-Oderland durchsucht – Umschlagplatz für Drogen?

Zunächst hatte die „Bild“-Zeitung berichtet, dass mehr als 25 Objekte in Berlin und Brandenburg durchsucht wurden – unter anderem eine Lagerhalle in Neuhardenberg. Laut „Bild“ sollen die Täter Drogen in Lagerhallen in Brandenburg gebracht, in Fässer umgelagert und nach Berlin weitertransportiert haben. Durchsucht wurde nach dpa-Informationen auch ein Objekt in in Vierlinden. Beide Orte liegen im Kreis Märkisch-Oderland.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) erklärte, der Rechtsstaat müsse zeigen, „dass er präsent ist und sich Organisierte Kriminalität nicht lohnt“. Zwischen neuen tschetschenischen Banden, die zunehmend aktiver würden, und bestehenden Gruppen sei eine „extreme Konkurrenzsituation um kriminelle Geschäftsfelder entstanden, bei der die Beteiligten auch vor schwersten Gewalttaten und Waffeneinsatz nicht zurückschrecken“.

Banden aus dem Kaukasus drängen auf den Berliner Markt

Ein führender Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes hatte erst kürzlich über die Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen gesagt, neue Banden würden seit einigen Jahren versuchen, in den kriminellen Markt einzudringen. „Besonders Tschetschenen entwickeln sich zunehmend von der Rolle des kriminellen Dienstleisters zum kriminellen Akteur.“ Auch das BKA, der Brandenburger Verfassungsschutz und Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatten vor künftigen blutigen Revierkämpfen gewarnt.

Am Donnerstag erklärte Geisel, neben Verdächtigen aus der arabischstämmigen Clankriminalität kämen „jetzt auch Kriminelle mit tschetschenischer Volkszugehörigkeit verstärkt in den Fokus“. Ihnen attestierte der Innensenator „einen ausgeprägten Ehrbegriff, eine hohe Affinität zu Gewalt und Waffen und eine geringe Akzeptanz staatlicher Autorität.“

Am 7. November 2020 hatte eine Gruppe Tschetschenen mit Schlagstöcken und Messern einen Späti in Neukölln überfallen, der mit dem Remmo-Clan in Verbindung stehen soll. Es gab mehrere Verletzte. Noch am gleichen Abend und am nächsten Tag prügelten Männer am Bahnhof Gesundbrunnen im Norden Berlins auf Männer aus der tschetschenisch-russischen Szene ein.

Dann tauchten im Internet Fotos und ein Video von einem angeblichen Friedensgespräch zwischen Abgesandten der gegnerischen Banden und einem prominenten Boxer als Vermittler auf.

Brisante Datensätze im Kurznachrichtendienst EncroChat

Die Verhaftung der beiden Verdächtigen geht nach Angaben der Staatsanwaltschaft in der Hauptstadt auf entschlüsselte Daten des Kurznachrichtendienstes EncroChat zurück. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Thorsten Cloidt am Donnerstag.

Laut Staatsanwaltschaft waren Datensätze, die von französischen Behörden über das Bundeskriminalamt nach Berlin gekommen seien, entscheidend, um Ermittlungen wegen Drogenhandels und Handels mit Maschinenpistolen gegen die Männer im Alter von 44 und 22 Jahren aufzubauen. Aus den EncroChat-Daten habe sich ein dringender Verdacht ergeben, der in die Haftbefehle mündete, hieß es.

EncroChat wurde vor allem von Kriminellen genutzt. Der Polizei in den Niederlanden und Frankreich gelang es im Vorjahr, mehr als 20 Millionen geheimer Nachrichten abzuschöpfen, wie die europäische Justizbehörde Eurojust im Juli 2020 mitteilte. 60 000 Teilnehmer hätten den aufwendig verschlüsselten Chatdienst genutzt.

Die Kriminellen fühlten sich bei ihrer Kommunikation sehr sicher, weil es hieß, die Technik sei nicht zu knacken. Das Eindringen in die technische Infrastruktur des Anbieters habe dann „Schockwellen durch organisierte Verbrecherbanden quer durch Europa“ geschickt, hieß es damals von der Justiz.

Jetzt sind sich Ermittler in Berlin sicher, dass es weitere Ermittlungen in dieser Richtung geben werde. Und dabei gehe es nicht um Bagatelldelikte, sondern um „Schwerstkriminalität“, so Oberstaatsanwalt Georg Bauer. Die EncroChat-Daten würden weiter ausgewertet. Sie seien „extrem hochwertig, und die Verfahren, die daraus resultieren, sind es auch“.

Von MAZonline