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Berlin Sauereien in der Großstadt
Nachrichten Berlin Sauereien in der Großstadt
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02:19 25.04.2018
Das Schwein „Tinkerbell“ wurde einst für einen üblen Scherz missbraucht, jetzt fristet es sein Dasein im Tierheim. Quelle: Fotos: Julian Stähle
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Berlin

Das Leben von Tinkerbell begann als schlechter Scherz. Sie war noch ein Ferkel, als Unbekannte ihr eine Schleife um den Körper banden. Links und rechts schrieben sie mit Edding den Namen eines Immobilienmaklers auf die Haut und setzten das grunzende Schmähgeschenk vor die Tür eines Hauses am Wannsee. Dort feierte der Geschmähte eine Party, die Sauerei vor der Haustür sollte ihm den Spaß verderben. Und dem Tier auch – es stand ungeschützt in der Sonne, an mehreren Stellen verbrannte die Haut.

Knapp zwei Jahre später trottet Tinkerbell über eine Koppel in Berlin-Falkenberg, nahe der Landesgrenze zu Brandenburg. Gäste der Party spürten Mitleid und brachten sie ins Tierheim. Es ist Nachmittag, der Tierpfleger Klaus Hain, 55, fährt mit der Schubkarre einen Mischmasch aus gekochten Kartoffeln und Möhren, Joghurt und dem Inhalt mehrerer gespendeter Babybrei-Gläser an den Zaun. Allesfresserin Tinkerbell richtet sich am Geländer auf und giert nach dem Futter.

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Das Geländer ist zu klein

Ein ganz normales Schwein, wäre da nicht der so gar nicht normale Ort. Tierheim statt Bauernhof – dieses Schicksal teilen zurzeit so viele Nutztiere in Berlin, dass der dafür vorgesehene Bereich auf dem 16 Hektar großen Gelände nicht genügt. Eine Gruppe von Hühnern ist im Vogelhaus untergebracht. Die Geschichten der Tiere unterscheiden sich stark. Die drei Schwarzkopfschafe zum Beispiel entstammen als Versuchstiere einem Betrieb, der Hautcremes an ihnen testete. Was sie alle eint: „Sie sind jetzt gerettet und dürfen friedlich und zufrieden leben“, sagt Annette Rost, 52. Die Tierheim-Sprecherin ergänzt: „Auch ein Ende auf einem Teller bleibt ihnen erspart.“ Allerdings gehören die Nutztiere von allen rund 1400 Bewohnern des Tierheims zu denen, die am schwierigsten zu vermitteln sind. Kaum einer der Interessierten kann die entsprechenden Bedingungen und ausreichend Platz bieten, eine ausgewachsene Sau bei sich aufzunehmen.

Tinkerbells Stall-Nachbar, das dunkelgefleckte Bentheimer Landschwein Moritz, lebt seit mehr als acht Jahren im Tierheim. Ein Aussteller sortierte ihn und ein Brüderchen bei der Grünen Woche aus, die Ferkel erschienen ihm zu schwach für den Rücktransport aus Berlin. „Der Bauer hat gesagt, die überleben das nicht“, sagt Rost, „und heute wiegt Moritz mehr als 300 Kilo.“ Das Schwein will wohl noch ein paar Pfunde sammeln, es wuchtet sein Maul in den Fressnapf. Das Fleisch der Tiere seiner Rasse gilt als besonders delikat. Findet sich ein geeigneter Besitzer für Moritz, verpflichtet der sich aber schriftlich, ihn nicht schlachten zu lassen.

Nicht für die Stadt gemacht

Der Tierpfleger Klaus Hain öffnet ein weiteres Tor, die Schafe mit ihrem Fell, das so dick wie ein Zeigefinger lang ist, folgen ihm und schmiegen sich an seine Beine. „Mit denen kannst du Gassi gehen“, sagt Hain und meint fast alle der verschmusten Bauernhof-Tiere. „Die kannst du sogar an die Leine nehmen.“ Bleibt die Frage, warum solche auf Landleben geeichten Lebewesen überhaupt in die Großstadt gelangt sind. Schön wäre es, die fünf umherlaufenden Gänse könnten eine Antwort schnattern. „Die wurden als Küken an einer Straßenkreuzung in Neukölln ausgesetzt“, sagt Hain. Auch dem Tierheim sei es ein Rätsel, sagt Sprecherin Rost, „warum man Schweine in der Stadt aufgreift oder zum Beispiel unseren Seidenhahn Alfred mitten im Prenzlauer Berg.“ Vielleicht liege es auch daran, dass es immer wieder Leute gebe, die solche Tiere ohne Sinn und Verstand verschenken. Und so kommt man zwischen lauter grunzendem und schnatterndem Vieh zu der Erkenntnis: Das merkwürdigste Tier ist und bleibt wohl der Mensch.

Von Maurice Wojach