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Kultur Kirschenzeit im Kesselhaus
Nachrichten Kultur Kirschenzeit im Kesselhaus
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21:52 26.12.2018
Im Frühjahr – zur Kirschenzeit – waren die 17 Hippies im Studio. Quelle: Schmidt-Schliebener
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Potsdam

Zu ihrem Jubiläum vor zwei Jahren hatten sich die 17 Hippies gleich zwei Platten gegönnt. Warum auch nicht? Die Band aus Berlin hatte ja bereits zwanzig Jahre lang etwas zu sagen und zu singen. Auf „Anatomy“ bot die vielköpfige Schar einen Querschnitt durchs eigene Schaffen und auf „Metamorphosis“ die verändernde Sicht vieler ihrer musikalischen Freunde auf ihre Songs. Ein doppeltes Wagnis und ein zweifacher Gewinn.

Der Globus und sein Groove

Und in der Zwischenzeit? Die bunte Truppe, die von Anfang an musikalische Einflüsse aus allen Ecken der Welt geschmeidig und geschickt für sich nutzbar gemacht hat, blieb natürlich nicht untätig. Nahezu permanent auf Reisen – rings um die Welt unterwegs – von Amerika bis Australien.

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Jetzt besingen die 17 Hippies – tatsächlich sind es 13 starke Charaktere – die „Kirschenzeit“ (Hipster Records/Soulfood). Diese Zeit signalisiert Aufbruch, Ausbruch, Veränderung. Ins historische Gedächtnis des benachbarten Frankreich sind „Le temps des cerises“ tief eingeschrieben, da sie für immer mit den Aufständen der Pariser Kommune im Frühjahr des Jahres 1871 verbunden sind. Der Versuch einer Weltveränderung im Blut – rot wie Kirschen – erstickt.

Lüül spielt Banjo, mitunter singt er auch

Nicht immer wird in den jüngsten Stücken auf die Barrikaden gestiegen. Allerdings geht es um Widerstand, um Streit, Einwände und Fragen, um Verluste, Reibung und einen staunenswerten Gemeinschaftssinn, den sich die Hippies so lange erhalten haben. So wird nachgedacht über die Welt, die immer verrückter zu werden scheint, über Zweisamkeit, die nicht ewig währt, über die Liebe, die sich oft selbst genug ist und zum Glück ganz im Moment lebt. Die meisten Texte steuerte übrigens Sängerin Kiki Sauer bei. Manchmal singt auch Lüül mit. Bürgerlich heißt der Berliner Lutz Graf-Ulbrich. Banjo spielt der Musiker bei den Hippies. Einst war er mit den Krautrockern von Agitation Free auf Achse und er lebte in den Siebzigern mit der Sängerin Nico von Velvet Underground zusammen.

Mehr von dieser Welt

Was für eine sensationelle Platte: Die Dorfkapelle aus Warschau, die ohnehin zu den freigeistigen, dabei sorgfältigen wie respektvollen Erneuern des polnischen Volksliedes gehört, reist erneut aufs Land. Für Begegnungen in Masowien. Mit seinen Wiesen, Feldern und vergessenen Dörfern. Den Alten hörten sie zu, sprachen und lernten, tranken auf ihre Gesundheit, schauten ihnen auf die Finger, hörten zu und musizierten mit jenen, die teils hoch in ihren Achtzigern sind. Die Warsaw Village Band könnte man rühmen für ihr ethnologisches Vorgehen. Nur, dass den Mitgliedern der Band keineswegs darum geht, die überlieferten Weisen fürs Museum vorzubereiten. Ganz im Gegenteil. Es zeigt sich, dass sich eine frische Haltung durchaus mit der Tradition, herkömmlichen Instrumenten und Gesängen verknüpfen lässt. Wie die Alten sungen, so tun es auch die Jungen. Bravo!

Warsaw Village Band: Mazovian Roots – Re:action. Jaro Medien.

Es ist schon verblüffend, wie brillant, blitzsauber und belebend Amir, Wissam und Adnan Joubran musizieren auf der Oud, der Königin der Instrumente Arabiens. Der Laute mit dem kurzen Hals entlocken die Brüder wundersam beseelte Töne. Drei Solisten, eine Stimme. Die drei in Nazareth Geborenen kennen den Überschwang wie die Melancholie. Finden Unterstützung in Roger Waters, dem einstigen Bassmann und Sänger von Pink Floyd, dem das Schicksal des palästinensischen Volkes alles andere als egal ist. Bemerkenswert auch, wie sehr der Einfluss der Mauren bis heute mitschwingt in der Musik Andalusiens.

Le Trio Joubran: The Long March. Cooking Vinyl/Indigo.

Baba Sissoko lässt die Trommeln sprechen: Die Tamani nämlich. Schon von Kindesbeinen an. Mit seiner Tochter Djana singt der Multi-Instrumentalist (Ngoni, Balaphon, Kalebasse, Gitarre) und pflegt zum einen traditionelle Melodien aus Mali, doch mit seinen Begleitern entfacht er immer wieder einen großartigen Groove. Der schlingert hinüber zum bläsergetriebenen Jazz. Funk, Soul und Pop sind nie weit. Dass in Westafrika mal die Wiege des Blues stand, hört man.

Baba & Djana Sissoko: Fasiya. Blindfaith Records/Groove Attack.

Herumgekommen wie die 17 Hippies nun einmal sind, braucht es niemand wundern, wie welthaltig, weise und wunderbar wandlungsfähig sie ihre zumeist leisen Lieder in so verschiedene Sounds einbetten. Hier die Trompeten der Mariachi aus Mexiko. Da die Klarinette, die Assoziationen an Balkan oder Klezmer weckt. Dort der Mandolinen-Folk, das Musette-Akkordeon oder die Surf-Gitarre. Eine Band mit akustischer Grundierung, fantastischem Groove und ganz viel Spiel-Raum. Gesungen wird ohnehin auf Französisch, Englisch und Deutsch. Klingt stark und selbstbewusst. Ist es auch. Wohl nicht umsonst zieren tiefrote Kirschen das Cover. Kirschen, die übrigens Boxhandschuhe sind. Die Hippies nehmen jede Herausforderung an.

Das Konzert: Die 17 Hippies treten am 29. und 30. Dezember jeweils um 20.30 Uhr im Kesselhaus der Kulturfabrik in Berlin-Prenzlauer Berg auf.

Von Ralf Thürsam