200. Geburtstag von Theodor Fontane
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Nachrichten Kultur Ein Wanderer, kein Wunderheiler
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21:33 30.12.2019
In ihren Schaufenstern erweisen Neuruppiner Einzelhändler dem Dichter die Ehre.
In ihren Schaufenstern erweisen Neuruppiner Einzelhändler dem Dichter die Ehre. Quelle: Detlev Scheerbarth
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Neuruppin

Zwischen Weihnachten und Jahresende wirbelt alles durcheinander, es ist nicht klar, ob heute Montag, Dienstag oder Mittwoch ist – und ob das vielleicht gar nicht wichtig ist, weil wir uns geistig erst ab Neujahr wieder straffen. Deshalb kommt es vor, dass viele Menschen jetzt schon Lieder von Beethoven singen, ohne Fontanes Werk zu Ende gelesen zu haben. Wir erinnern uns: Beethoven aus Bonn wäre im kommenden Jahr 250 Jahre alt geworden, Fontane aus Neuruppin in diesem Jahr – am 30. Dezember – 200.

Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg wurden im Sommer zum Pilgerpfad, seine starken, traurigen Frauenfiguren sind als Mütter allen Feminismus’ gefeiert worden. Das Pulver ist nun, an seinem Geburtstag, fast verschossen. Fürs Feuilleton ist es eine Zumutung, wenn ein Held erst einen Tag vor Jahresende Jubiläum hat, und man die Füße allen Ernstes bis zu diesem Tag still halten soll. Alles wurde im Laufe des Jahres zu Fontane gesagt, den viele literarisch für tot hielten. Man hat sich darauf geeinigt: Im Fontane-Jahr hat man den Autor „entstaubt“. Nach Lob klingt das nicht, eher nach Hygienemaßnahme.

Es kann helfen, Beethoven und Fontane zu vergleichen, um letzte Details, die bei Fontane bislang unscharf blieben, zu beleuchten. Beide gelten sie als Nachgeborene. Beethoven kam nach Mozart und Fontane nach Flaubert (obwohl Flaubert zwei Jahre jünger als Fontane ist). Beethoven war der Berserker, der immer wieder seine Noten redigiert hat, er radierte Widmungen aus und änderte sie, mitunter kochte er vor Wut. Bei Mozart war alles Oper, man sagt, er habe seine Stücke fertig auf das Notenblatt notiert. Mozart war lyrisch, er komponierte Gefühle, Beethoven war rhetorisch, er schrieb Reden in seiner Musik. Beethoven war ein Neuerer, Mozart ein Liebling.

Leidenschaftlicher Kämpfer statt kühler Chronist

Auch Fontane hatte einen vor der Nase, der ihm als Maß verordnet wurde. Das war Gustave Flaubert, manche sortieren den Neuruppiner noch heute hinter dem Franzosen ein. Das wirkt nicht schlüssig. Flaubert hatte „Madame Bovary“ 1856 veröffentlicht, Theodor Fontane publizierte „Effi Briest“ ab 1894 in der „Deutschen Rundschau“. Flaubert war ein kühler Chronist, der seine eigenen Figuren durch und durch verachtet hat. Das Unglück der Emma Bovary mit Charles, dem Gatten, ist wie ein Uhrwerk aufgezogen, fast wirkt es wie ein Tierversuch, der seine These absehbar und rüde dekliniert: Emma Bovary wird dieses Buch nicht überleben. Sie wird geopfert mit der Kälte einer mathematischen Gleichung.

Bei Theodor Fontane ist das anders, er kämpft um Effi. Auch sie wird sterben, auch sie führt eine unerfüllte Ehe und riskiert den Seitensprung. Ihr Tod wird nicht, wie bei Flaubert, exekutiert, sondern Schritt um Schritt verhandelt – bis Wiesike, der Arzt, am Krankenbett den Daumen senkt: „Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein baldiges Ende gefasst.“

Theodor Fontane Denkmal in Neuruppin. Quelle: epd

Dieses Ende ist ein Kampf, hier wird mit Leidenschaft gefochten – man sollte Effis Ausbruch jedem zeigen, der noch immer glaubt, Fontane sei ein alter, blutarmer Preuße, der in Ärmelschonern über seinem Schreibtisch saß und säuerliche Bücher schrieb. Effi also ist geschieden, weil die Affäre spät und längst verjährt dann doch noch aufgeflogen ist. Ihr Ex-Mann hat den Geliebten im Duell erschossen. Mit Mühe hat sie sich das Recht erkämpft, ihr Kind erstmals zu sehen nach der Trennung. Effi brennt, sie möchte ihre Tochter öfter treffen, doch die sagt nur monoton, vom Vater aufgehetzt gegen die Mutter: „O gewiss, wenn ich darf.“

Und Effi holt aus: „O du Gott im Himmel, vergib mir, was ich getan; ich war ein Kind... Aber nein, nein, ich war kein Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es gewusst, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das ist zu viel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, dass er ein edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt, aber jetzt weiß ich, dass er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist, ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem Kind beigebracht, ein Schulmeister war er immer (...). ,O gewiss, wenn ich darf’. Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht mehr, ich hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein Streber war er, weiter nichts. – Ehre, Ehre, Ehre... und dann hat er den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal geliebt habe und den ich vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und nun Blut und Mord. Und ich schuld. (...). Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muss leben, aber ewig wird es ja wohl nicht dauern.“

Fontane wird gefeiert

Theodor Fontane wurde am 30. Dezember 1819 in Neuruppin als Sohn eines Apothekers geboren. Er starb am 20. September 1898 in Berlin, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Fontane arbeitete als Journalist, Theaterkritiker und vor allem als Schriftsteller.

Erst in den letzten zehn Lebensjahren erschienen die großen Romane von Fontane, z.B. „Irrungen, Wirrungen“ (1888), „Frau Jenny Treibel“ (1893), „Effi Briest“ (1896), „Die Poggenpuhls“ (1896) und „Der Stechlin“ (1899).

Das Jubiläumsjahr des märkischen Dichters unter dem Titel „fontane.200“ ist in Brandenburg ausgiebig gefeiert worden. Die Gästezahlen im Ruppiner Seenland sind um zehn Prozent auf rund 565 000 Besucher, die Zahl der Übernachtungen auf rund 1,6 Millionen gestiegen.

Die zentrale Fontane-Ausstellung in Neuruppin hat bislang rund 30 000 Besucher gehabt, doppelt so viele wie erwartet. In der Potsdamer Begleitausstellung (beide heute zum letzten Mal geöffnet) wurden etwa 7000 Gäste gezählt.

In zehn Folgen wanderte MAZ-Autor Lars Grote auf den Spuren Fontanes durch die Mark. Alle Folgen können Sie in unseren Multimedia-Reportagen nacherleben, mit Fotos, Videos, Reisetipps und Fontane-Zitaten zum Hören: maz-online.de/fontane200

Fontane war nicht der betuliche Langweiler, für den ihn viele halten. Kurz bevor er 1898 starb, schrieb er in einem Brief: „Alles, was jetzt bei uns obenauf ist (...), ist mir grenzenlos zuwider: dieser beschränkte, selbstsüchtige, rappschige Adel, diese verlogene bornierte Kirchlichkeit, dieser ewige Reserve-Offizier, dieser gräuliche Byzantismus... Ein bestimmtes Maß an Genugtuung verschaffen einem nur Bismarck und die Sozialdemokraten, die beide auch nichts taugen, aber wenigstens nicht kriechen.“ Er wollte Neuerung. Sein Problem, wenn es denn eines ist, besteht darin, dass es von ihm nicht die vitalen Bilder eines jungen Wilden gibt, weil er schon über 60 war, als er begann, bleibende Romane zu schreiben.

„Mit Fontane wird man niemals fertig“

Denis Scheck, der aktuell wohl populärste deutsche Buchkritiker, nahm „Effi Briest“ gerade in seine „100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ („Schecks Kanon“, Piper-Verlag, 480 Seiten, 25 Euro) auf. Er schwärmt: „Wenn ich irgendwo Heimat finde in der deutschsprachigen Literatur, dann in den lang ausschwingenden Satzperioden Theodor Fontanes. (...) Theodor Fontane erzählt keineswegs bloß harmlose Geschichten von Herzeleid und Ehebruch im alten Preußen.“ Er habe den psychologischen Roman revolutioniert und über die Industrialisierung, Globalisierung und Modernisierung geschrieben „wie kein Zweiter“. Scheck sagt: „Mit Fontane wird man niemals fertig, das ist seine größte Qualität.“

Und trotzdem ist das Fontane-Jahr nun nahezu „fertig“. Es folgt Beethoven. Auch das Beethoven-Jahr kann man unter ein Motto von Fontane stellen: „Man muss die Musik des Lebens hören. Die meisten hören nur die Dissonanzen.“ Für Fontane immerhin sind diese Dissonanzen wie Diesel gewesen, sie trieben ihn an. Nicht in Richtung Glück, aber zum Erfolg.

Von Lars Grote