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Kultur 70. Berlinale: Das sind die Bären-Favoriten der MAZ-Kritiker
Nachrichten Kultur 70. Berlinale: Das sind die Bären-Favoriten der MAZ-Kritiker
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11:24 29.02.2020
Der Goldene Bär ist die begehrteste Trophäe der Berlinale. Quelle: dpa
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Berlin

Am Sonnabend werden zum 70. Mal die Bären bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin vergeben. Erstmals werden bei der Gala im Berlinale-Palast zusätzlich auch goldene Bären-Plaketten überreicht: Die Berlinale im Jubiläumsjahr 2020 ist die Geburtsstunde der neuen kompetitiven Sektion „Encounters“, die den Besten Film, die Beste Regie und mit einem Spezialpreis der Jury auszeichnet. Mit ins Rennen geht hier auch der in Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming gedrehte Debütfilm „Nackte Tiere“ von Melanie Waelde, die das Babelsberger Filmgymnasium besucht hat.

18 Produktionen aus aller Welt konkurrieren in diesem Jahr um den Goldenen Bären für den besten Film des offiziellen Berlinale-Wettbewerbs. Wir sind gespannt, für welchen sich die Festivaljury rund um Jeremy Irons entscheidet – und drücken einigen Kandidaten ganz besonders die Daumen. Welche das sind und warum, steht in unserem Kritiker-Fazit:

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Berlin Alexanderplatz

Alfred Döblins Romanklassiker im 21. Jahrhundert. Burhan Qurbani ersetzt Döblins Subproletariat, das im krisengeschüttelten Kapitalismus der 1920er-Jahre keinen Ort finden kann und an der Rändern der Illegalität überleben muss, durch die Migranten als neue Klasse sozialer Außenseiter. Aus dem Kleinkriminellen Franz Biberkopf wird Francis, ein Geflüchteter aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau, der in Deutschland ankommt und beschließt, ein guter Mensch zu sein. Und wie Döblins Biberkopf scheitert er immer wieder aufs Neue. Qurbani findet kraftvolle Bilder, um zu zeigen, wie die Mechanismen funktionieren, die Francis im Milieu der Drogenhändler landen lassen und ihm permanent signalisieren, dass er nicht dazugehört. Kein Flüchtlingsfilm, sondern ein Film über Gewaltverhältnisse in einer sich weltoffen gebärdenden Gesellschaft.

++ Lesen Sie hier unsere Filmkritik zu „Berlin Alexanderplatz“ ++

Albrecht Schuch hatte schon in der Serie „Bad Banks“ die Tendenz zum Psychopathen, nun spielt er den Gangster Reinhold als labilen Intriganten, von dem man nie weiß, ob er gleich sich selbst oder eine seiner vielen Frau töten wird. Seit „Joker“ und „Der goldene Handschuh“ hat mir keine Kino-Figur mehr solche Angst gemacht. Den Silbernen Bären für den besten Darsteller sollte das allemal wert sein.

Maike Schultz

Der „Alfred-Bauer-Preis“ fällt nach NS-Vorwürfen gegen den Namensgeber weg. Er wurde seit 1987 verliehen, zuletzt als einer von sieben Silbernen Bären im Wettbewerb. Ersetzt wird er durch den Jubiläums-Sonderpreis „Silberner Bär – 70. Berlinale“. Quelle: dpa

Berlinale-Chef Carlo Chatrian hatte zu Beginn eine Empfehlung für deutsche Regisseure parat: Sie sollten nicht immer nur aufs heimische Publikum schauen, sondern größer denken. Genau das tut Burhan Qurbani mit „Berlin Alexanderplatz“: Er hat sich den berühmten Stoff von Döblin gegriffen und allen Ballast der bisherigen Umsetzungen abgeschüttelt. Sein Franz als schwarzer Flüchtling, der in die Drogenkriminalität der Hasenheide abrutscht –aktueller lässt sich ein Klassiker kaum interpretieren. Der Handlung des Romans bleibt der Regisseur treu. Auch sprachlich blitzt das Original auf – wodurch ästhetische Distanz aufgebaut wird und der Film übers Sozialdrama hinausreicht. „Berlin Alexanderplatz“ in dieser dreistündigen Neufassung ist ein großer Wurf.

Stefan Stosch

Never Rarely Sometimes Always

Im diesjährigen Bärenrennen treffen viele ebenbürtige Filme aufeinander. Kaum einer war zum Verreißen schlecht aber auch nur wenige supergut. Die meisten Beiträge tummeln sich im breiten Mittelfeld, als Zuschauer kann man sie anschauen, erinnern werde ich mich an sie nicht mehr lange. Anders beim Beitrag der US-Regisseurin Eliza Hittman: Sie erzählt in „Never Rarely Sometimes Always“ die Geschichte der 17-Jährigen Autumn. Das Mädchen ist ungewollt schwanger und darf in Pennsylvania nicht ohne elterliche Zustimmung abtreiben lassen. Kurzerhand fährt sie nach New York, wo sie in einer Klinik für Schwangerschaftsabbrüche landet. Vor allem Hauptdarstellerin Sidney Flanigan macht diesen Film neben der guten Story zum Bärenkanditaten: Mit wenig Mimik und kleinen Gesten verleiht sie Autumn die faszinierende „Leck-mich-Haltung“. Die ergänzt die beeindruckende Entschlossenheit des Teenagers: Denn Autumn will dieses Kind nicht und setzt sich damit gegen alle ideologische Widerstände durch.

Ich wünsche mir einen Goldenen Bären für Eliza Hittmans „Never Rarely Sometimes Always“, weil sie die Geschichte eines jungen Mädchens in einer furchtbaren Notlage mit einer unglaublichen emotionalen Wucht erzählt und zugleich respektvolle Distanz wahrt. Der Film ist absolut beeindruckend und sehr stimmig erzählt. Vieles wird nicht explizit erklärt, das Wesentliche wird trotzdem deutlich. Man ist ganz nah an der jungen Frau und fühlt sich dennoch nie vereinnahmt. Auch die fantastische Hauptdarstellerin hätte einen Bären verdient. Die Szene, die dem Film ihren Titel gibt, gehört zu dem emotional Härtesten, was ich seit langem im Kino gesehen habe, und wirkt dabei nicht im entferntesten voyeuristisch. Das so hinzubekommen ist ein kleines Wunder.

Tiziana Zugaro

Diese sieben entscheiden: Der britische Schauspieler Jeremy Irons (r), Regisseur Kenneth Lonergan (oben, l-r), die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir, der italienische Schauspieler Luca Marinelli, die Schauspielerin Berenice Bejo (unten, l-r), die Produzentin Bettina Brokemper und der brasilianische Filmkritiker und Regisseur Kleber Mendonca Filho (Archivfotos) bilden die Berlinale-Jury 2020. Quelle: AP/EPA/Europa Press/ZUMA Wire/dpa

Es gibt kein Böses

Geschichte wiederholt sich: Auch bei dieser Berlinale darf ein Regisseur aus dem Iran, der für seinen Film den Goldenen Bären am meisten verdient, zur Preisverleihung erst gar nicht anreisen. Mohammed Rassulof hat den Restriktionen des Regimes in Teheran zumindest künstlerisch getrotzt. Sein Film „Es gibt kein Böses“ ist ein beeindruckendes Schuld-und-Sühne-Drama voller beklemmender und schöner Momente. Zugleich ist es ein Plädoyer für Menschlichkeit und gegen die Todesstrafe.

Maurice Wojach

Effacer l’Historique

Gäbe es einen Preis für den Publikumsliebling mit den meisten Lachern, ginge er wohl an den französisch-belgischen Beitrag, dessen Titel auf deutsch „Verlauf löschen“ bedeutet: Eine bitterböse, selbstironische Tragikomödie über die Opfer der Digitalen Transformation – inklusive Cameo-Auftritt von Michel Houellebecq und einem Hacker namens „Gott“, der wie ein moderner Don Quijote in einem Windrad haust. Aber schwarzer Humor ist ja für A-Festival-Jurys selten preiswürdig; bei dieser Sorte Cineasten konnten sich bisher immer nur düstere Stoffe durchsetzen. Mal sehen, ob das Berlinale-Jubiläum uns in dieser Hinsicht überrascht.

Maike Schultz

Von MAZonline