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17:27 27.03.2013
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erte Nähe und An-Ähnelung.“

An-Ähnelung? Ja, An-Ähnelung, denn „im Zirkus ahmen alle einander nach: die Menschen die Tiere und die Tiere die Menschen, die Tiere aber auch andere Tiere und die Menschen andere Menschen“. Erinnert sei nur an die Clowns, die es oft den Löwenbändigern, Jongleuren oder Musikern gleichtun wollen und dabei grandios scheitern.

Sylke Kirschnick, seit fünf Jahren Lehrbeauftragte an der Potsdamer Universität, hat ihr Quellenstudium im Archiv der Akademie der Künste in Berlin unterbrochen, um in der Filiale einer Großbäckerei bei einem Glas Ingwer-Tee über ihr viertes Buch zu sprechen. Eigentlich forscht die gebürtige Leipzigerin seit langem auch über deutsch-jüdische Schriftsteller wie Gabriele Tergit, Arnold Zweig oder Franz Werfel. Promoviert hat sie 2007 über Else Lasker-Schüler. „Die Künstlerin inszenierte sich eine zeitlang als ,Prinzessin Tino von Bagdad’ oder ,Prinz Jussuf von Theben’. Aber das Entscheidende ist Lasker-Schülers Arbeit mit der Sprache“, sagt die temperamentvolle, zierliche Wissenschaftlerin.

Wie kam die Avantgarde-Dichterin auf ihre exzentrischen Ideen? Wahrscheinlich, weil sie Ausstellungen, Revuen und Zirkusse besuchte, die in der Epoche des Kolonialismus gern die Exotik wilder Völker in die Shows einbezogen. Sylke Kirschnick beschäftigte sich eingehend mit der Berliner Populärkultur um 1900. Das brachte ihr vom Stuttgarter Theiss-Verlag auch das Angebot ein, eine Kulturgeschichte des Zirkus zu verfassen.

In ihrem Buch „Manege frei“, das vor wenigen Monaten erschienen ist, verzichtet die Literaturwissenschaftlerin aber weitgehend auf akademische Wendungen, ihre Zirkus-Definition bleibt eine Ausnahme.

Vielmehr erzählt sie anhand von 140 Abbildungen, wie sich das zirzensische Gewerbe von seinen Anfängen um 1800 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Dabei verfolgt sie eine originelle Dramaturgie. In der Abfolge einer klassischen Zirkusvorstellung kommt sie kapitelweise auf Reitkunst, Raubtierdressuren und Sensationen (wie Indianer, Kraftmenschen, Technik) zu sprechen. Sie ordnet jeden Abschnitt einem der berühmten Zirkus-Unternehmen wie Renz, Hagenbeck oder Sarrasani zu. Nur bei den Clowns konnte sie sich nicht auf eine Marke festlegen. Dass aber der „dumme Aujust“ eine Erfindung aus Berlin ist und auf einen Zwischenfall mit einem renitenten, betrunkenen Mitarbeiter zurückgehen könnte, ist eine von vielen Anekdoten, mit denen dieses Buch aufwartet.

Bisher unbekanntes Material bringt Sylke Kirschnick in dem Abschnitt über Pantomimen ans Licht. Gemeint sind die opulent aufgemachten Manegen-Spektakel, mit denen sich Circus Busch um 1900 profilierte. Die Vorstellungen standen unter Themen wie Vineta (erste Unterwasser-Show), die Nibelungen oder Deutsch-Südwestafrika. Hier brach sich der imperiale Zeitgeist und die preußische Gesinnung der Eigentümer-Familie Busch Bahn. „Akrobatische Aktionen und Figuren wurden zu attraktiven, unterhaltsamen Bildern arrangiert“, erzählt Kirschnick.

Die Zirkusleute waren allesamt auch Überlebenskünstler, das hat die Akademikerin ohne Festanstellung mit ihnen gemein. Von dem immer wiederkehrenden Problemen, ihre Forschungsprojekte auch finanziert zu bekommen, lässt sich Sylke Kirschnick nicht entmutigen. Mit dem ihr eigenen Enthusiasmus hat sie sich bisher viele Themenfelder erschlossen. 2009 erschien ihre Studie über „Anne Frank und die DDR“ im Christoph-Links-Verlag. Diese Untersuchung liefert zahlreiche Belege dafür, wie unterschiedlich im SED-Staat der Antifaschismus praktiziert wurde. Neben der offiziellen Auslegung gab es immer auch private, individuelle Auseinandersetzungen mit Anne Franks Tagebuch.

Sylke Kirschnick war 22, als in ihrer Heimatstadt Leipzig das Ende der DDR eingeläutet wurde. Im September 1989 wohnte sie in Ostberlin und flüchtete in die westdeutsche Botschaft in Warschau, um die Ausreise aus der DDR zu erlangen. Sie studierte dann umgehend an der Freien Universität Berlin Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaft.

Nach dem Studium 1995 engagierte sie sich als Honorarkraft gegen den Rechtsextremismus im Zentrum Demokratische Kultur, bekannt durch Anetta Kahane. „Damals war noch nicht klar, dass in den neuen Bundesländern die Demokratie wirklich gewollt wird“, erklärt Sylke Kirschnick, die stets auch den Gegenwartsbezug ihrer Arbeit herausstellt.

Ein Zirkus ohne Tiere sei kein Zirkus, schreibt sie im Epilog ihres aktuellen Buchs. Doch die Zeit ruft. Sie muss zurück an ihren Archiv-Arbeitsplatz, wo ein Konvolut Briefe von Arnold Zweig auf sie wartet.

Sylke Kirschnick, die Autorin von „Manege frei. Die Kulturgeschichte des Zirkus“ (Theiss, 200 Seiten, 39,95 Euro). (Von Karim Saab)

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