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Nachrichten Kultur Gewagte Performance auf dem Teufelsberg
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17:33 09.08.2019
Die angeseilten Tänzerinnen nutzen die monumentale Betonmauer, als wäre sie ein Sprungbrett. Quelle: Foto: Richard Rabensaat
Berlin

Allein das verwunschene Gelände auf dem Teufelsberg in Berlin mit seinen hochwertigen Graffiti, dem wilden Grün und dem Grusel-Touch lohnt schon die Anreise. Am Wochenende findet hier eine gewagte Kunstperformance statt.

Wildes Gelände. Quelle: Karim Saab

Ein Fernsehteam der Nachrichtenagentur Reuters ist zu einer der letzten Proben gekommen, um die Anstifterin zu interviewen. Gleich soll die spektakuläre Abschlussszene geprobt werden. Die kleine Frau mit einem dicken blonden Zopf positioniert sich am Fuße einer etwa 15 Meter hohen Betonwand. Aus dem Sockelbau ragt ein fünfetagiges Skelett in den Himmel, dessen umlaufende Säulengänge an den schiefen Turm zu Pisa erinnern. Obendrauf ruht eine riesige weiße Kuppel.

Kuppeln wie Fußbälle oder Moscheen. Quelle: Karim Saab

Wer die ehemaligen Abhöranlagen im Grunewald heute zum ersten Mal sieht, wird eher an zerschossene Moscheen in arabischen Kriegsgebieten denken als an den Kalten Krieg. Die skurrile Hinterlassenschaft des US-Geheimdienstes auf dem 120 Meter hohen Trümmerberg ist das massivste erhaltene Wahrzeichen der Feindseligkeit zwischen West und Ost, die über Jahrzehnte die Welt in Schach hielten. Im Gegensatz zur Berliner Mauer wurde die verwinkelte Trutzburg, in der 1200 Spione gearbeitet haben, nicht abgerissen, sondern der Natur überlassen. In dieser authentischen Kulisse möchte Anett Simmen mit einer Performance an den Fall der Mauer vor 30 Jahren erinnern. Während die vielen staatstragenden Feierlichkeiten landauf, landab aus Steuermitteln finanziert werden, konnte die Choreografin aus Brandenburg mit ihrer Idee bei Kulturpolitikern und Stiftungen keine offene Tür einrennen. Vor zwei Monaten erhielt Anett Simmen dann aber den Bescheid, dass sie im Berliner Naturschutzgebiet ihre Tanztheaterperformance mit Luftakrobatik durchführen darf. Seither hat sie kaum geschlafen, was man ihr aber nicht ansieht.

Akrobatik an der Abhörstation

Anett Simmen tanzte schon mit sechs Jahren in einem Kinderensemble in Forst. Mit 41 Jahren gründete die studierte Tanzpädagogin und Sportwissenschaftlerin ihre eigene Company, die im Kern sieben Tänzerinnen aus Deutschland, Mexiko, Schweden und Cuba umfasst. Die freie Choreografin coacht Varietes und Zirkusse.

„Grenzlinien“, eine Tanzperformance mit Luftakrobatik, wird am Sonnabend, dem 10. August, und am Sonntag, dem 11. August, 19 Uhr, auf dem Berliner Teufelsberg aufgeführt.

Die Eintrittskarten an der Abendkasse kosten 28 Euro. Unter www. teufelsberg-berlin.de lassen sich die Tickets auch online buchen. Die ehemalige Abhörstation befindet sich im Grundewald, Teufelsseechaussee 10, zwischen den S-Bahnhöfen Heerstraße und Grunewald.

Die Akteure ihres Ensembles Vola, das in Potsdam beheimatet ist, musste sie nicht lange davon überzeugen, beim Projekt „Grenzlinien“ auch ohne Gage mitzuwirken. Die Aufwendungen für die Technik übersteigen aber das eingeplante Maß. Die Enthusiastin finanziert alles aus eigener Tasche.

Anett Simmen auf dem Teufelsberg in Berlin vor dem Veranstaltungsplakat. Quelle: Karim Saab

Als die Mauer fiel, besuchte Anett Simmen gerade die zehnte Klasse einer Musikspezialschule in Hoyerswerda. Dass ihr das Abitur verwehrt wurde, stand damals fest. „Ich habe im Fach Staatsbürgerkunde einfach zu viele Fragen gestellt. Dabei war ich bei den Pionieren und später auch im FDJ-Singeclub“, erzählt sie. Ihr Vater war Direktor eines VEB-Betriebes, ihre Mutter arbeitete beim Rat des Kreises. „Sie haben sich für die DDR eingesetzt. Aber am Ende ist dieser Staat an seinen Grenzen gescheitert“, lautet ihr Resümee. Während die Eltern durch die Wende beruflich aus der Bahn geworfen wurden, eröffneten sich der Tochter nun alle Möglichkeiten der Welt.

Probenarbeit für die Tanzperformance auf einem Dach. Quelle: Karim Saab

Sie ist die einzige Ostdeutsche im Team. „Karla aus Mexiko hat natürlich auch etwas zum Thema Grenzen zu sagen. Wir haben viel diskutiert und improvisiert. Auch über innere Grenzen gesprochen und über die Frage, ob es Grenzen sind, die Identität erst ermöglichen. Natürlich lassen sich heute auch die Geschehnisse im Mittelmeer nicht ausblenden“, verrät Simmen, die seit 2008 auf der Altstadtinsel in Werder/Havel wohnt. Die Besucher des mehrteiligen Abends werden am Eingang einen blauen oder einen roten Pass bekommen. Er entscheidet darüber, ob sie zuerst einer Tanztheateraufführung oder einer Wortperformance von Richard Rabensaat erleben. Eine große Ausstellung in der ehemaligen Kantine der Spione mit Bildern von Ute Manoloudakis, Klaus Fahlbusch und Vincent Schuck ist ebenfalls inbegriffen. Zum finalen Tanz an der vertikalen Betonwand werden sich am Ende aber alle Besucher auf der Außenseite des Geländes einfinden.

Der Besucher kann auf dem Weg um den Gebäudekomplex die verrücktesten Motive entdecken. Quelle: Karim Saab

Wenn man angeseilt gegen eine Wand springt und sich von ihr abfedert, kommt man nicht so schnell wieder auf ihr auf. Diese Verzögerung lässt die Schwerkraft vergessen. Die Akrobatinnen wagen an der Wand vieles, was beim Tanz auf dem Boden auch üblich ist: Handstand, Salto, Spagat, sogar Hebefiguren. Final wird Anett Simmen eine Mauer einreißen.

Eines von unzähligen Grafitti an der Mauer der ehemaligen Abhörstation. Quelle: Karim Saab

Und das mitten im alten Westen? „Bisher verbindet man Überwachung und Geheimdienst besonders mit der DDR. Der Teufelsberg zeigt, dass jedes System und jeder Staat damit ein Problem hat. Wir Ostdeutschen haben gezeigt, dass eine friedliche Revolution möglich ist“, sagt sie den Journalisten.

Von Karim Saab

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