Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Ausstellung „Blick – Wendungen“ in Frankfurt (Oder)
Nachrichten Kultur Ausstellung „Blick – Wendungen“ in Frankfurt (Oder)
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:03 26.01.2018
Festgeschnallt mit Koppel und Sowjetstern: Hans Tichas Gemälde „Kultur“ aus dem Jahr 1992. Seine Pop-Art-Kritiken sind Teil der Ausstellung „Blick – Wendungen“ in Frankfurt (Oder). Quelle: Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Anzeige
Frankfurt (Oder)

Und plötzlich fangen die Buchstaben an zu rennen. Der aus Bitterfeld stammende Maler Günther Hornig hat das komplette Alphabet auf die Leinwand gebannt. Alle 26 Buchstaben sind vorhanden, überlagern sich, verschränken sich. Dabei zerfällt das fortlaufende Alphabet in ein Gewimmel von Zeichen aus denen ein befremdliches Bild entsteht. Das Werk, das Hornig 1984 in der DDR gemalt hat, hängt in der Ausstellung „Blick – Wendungen“ in der Rathaushalle in Frankfurt (Oder).

20 Künstler bearbeiten das Verhältnis von Text und Bild

Die Schau des Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, die am Sonntag eröffnet wird, ist das Pendant zu der seit Oktober laufenden Ausstellung „Blick – Verschiebungen“ im Schloss Biesdorf in Berlin Mahrzahn-Hellersdorf. Dort sind vor allem Fotoarbeiten zu sehen, die sich mit der Veränderung der Architektur und der Landschaft in Ostdeutschland seit 1989 und damit mit der Verschiebung des Blicks auf die Welt beschäftigen. In Frankfurt werden Gemälde, Grafiken, Rauminstallationen, Fotografien und Collagen von 20 Künstlern, die meisten aus der ehemaligen DDR, gezeigt, die um das Verhältnis von Text und Bild kreisen. Die Ausstellung „Blick – Wendungen“ dreht sich darum, wie die Welt über sprachliche Zeichen vermittel und zugleich konstruiert wird. Und inwieweit Veränderungen auf der Zeichenebene einen neuen Blick eröffnen können.

Anzeige
Was ist wichtiger? Der Text oder das Bild? Oder wird der Text zum Bild? In der Ausstellung „Blick – Wendungen“ beschäftigen sich 20 Künstler mit dem Verhältnis der Zeichen zur Realität. Die MAZ zeigt eine kleine Auswahl.

Der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts darauf hingewiesen, dass Zeichen ihre Bedeutung nicht nur durch ein Objekt, auf das sie sich beziehen, erhalten, sondern auch durch ihr Verhältnis zu anderen Zeichen. Verschiebt sich etwas in diesem Beziehungen, verändert sich auch der Sinn eines einzelnen Zeichens. Im Extremfall entschwindet er sogar völlig – wie bei der Buchstabenansammlung von Günther Hornig.

Wie politisch subversiv die Entkoppelung der vertrauten Beziehung von Bezeichnendem und Bezeichnetem sein kann ist spätestens seit den Collagen von John Heartfield bekannt. Es entstand eine neues Verständnis der Wirklichkeit. In der Frankfurter Ausstellung ist zu sehen, wie diese Praktiken im DDR-Alltag wirkten. So entwarf zum Beispiel Hans Ticha in den 80er-Jahren das Bild einer Gruppe brauner Figuren mit kleinen Köpfen und dicken Oberarmen, die im Gleichschritt marschieren und mit schlagstockförmigen Sticks auf Trommeln eindreschen und schrieb „Unser Staat, unser Stolz“ drunter. Dass Ticha mit seinen oft an den Stil der westliche Pop-Art angelehnten Arbeiten in der DDR nur in kleinen Kreisen bekannt war, versteht sich von selbst. Zu harsch war seine Kritik an den staatlichen Institutionen.

„Alles zum Wohle des Volkes“ – na dann Prost!

Ähnlich provokant ist die Fotocollage von Joseph W. Huber, auf der ein Schaufester voll mit Wodka-Flaschen abgebildet ist. Darunter steht: „Alles zum Wohle des Volkes“. Von Huber sind in Frankfurt vor allem Text-Montagen zu sehen, bei denen Worte aus dem Zusammenhang gerissen und nach optischen Kriterien zusammengesetzt werden, so dass völlig neue Bildräume und Seherfahrungen möglich werden.

Völlig abgelöst von ihrer Bedeutung sind die Worte auch bei Hermann Glöckner. Das bereits 1960 entstandene Porträt des „Vorsitzenden“ zeigt ein Stück Pappkarton, auf den ein zu Eselsohren geknicktes Stück weißes Papier geklebt ist. Von dessen Rückseite ist lediglich der Haarschopf einer fotografierten Person zu sehen an anderer Stelle lugt das Fragment einer Textzeile – „Vorsitzender des Min“ – hervor.

Stasi-Akten als Kunstwerk

Die Buchstaben führen ein Eigenleben. Sie erhalten ihre eigene ästhetische Qualität. Bei Cornelia Schleime, die nach der Wende ihre Stasi-Akten angeschaut hat, entstanden so Collagen aus gestellten Privatfotos und Textpassagen aus den Akten. Sie sind so angeordnet, dass offen bleiben muss, ob es nun die schrägen Fotos sind, die das Objekt zum Kunstwerk machen, oder eher die Buchstaben der Spitzelberichte samt Stempel und Unterschriften.

Die Verschiebung von Zeichen und Bedeutung lässt sich aber auch ganz unspektakulär illustrieren. Die aus dem Westen stammende Fotografin Ingeborg Ulrich hat nach der Wende Landschaften und Straßenzüge abgelichtet. Aus Angermünde stammt ein Foto mit zwei Straßenschildern, eines davon ist durchgestrichen. Die Straße der Freundschaft heißt jetzt Klosterstraße.

Blick – Wendungen und Blick – Verschiebungen

Die Ausstellung „Blick – Wendungen“ ist eine Erweiterung der Berliner Schau „Blick – Verschiebungen“ im Schloss Biesdorf. Sie zeigt zum Bild gewordene Texte und Sprachfragmente.

Blick – Wendungen, Rathaushalle, Marktplatz 1 in Frankfurt (Oder), Di-So 11 – 17 Uhr, Eintritt: 4,00 Euro, 28. Januar bis 15. April.

Blick – Verschiebungen, Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55 in Berlin Marzahn-Hellersdorf, Mi-Mo, 10 – 18 Uhr, Eintritt 5,00 Euro, bis 8. April.

So wird Wirklichkeit in der Welt der Zeichen umkonstruiert. Am drastischsten zeigt dies Matthias Leupold. Er hat sich 1993 den Katalog der 3. Dresdner Kunstausstellung von 1953 vorgeknöpft und das, was dort mit den Mitteln des Sozialistischen Realismus geschaffen wurde in die Realität zurückversetzt. Er hat sich Statisten gesucht und die Arbeiter von damals neuinszeniert und fotografiert. Entstanden sind unwirliche Bilder aus einer vermeintlich fremden Welt. Aber womöglich war sie ja genau so.

Von Mathias Richter

Kultur Früherer Frontmann der White Stripes - Sänger erteilt seinen Fans Smartphone-Verbot
26.01.2018
Kultur Album „Man of the Woods“ - Justin Timberlake macht auf Country
28.01.2018
Kultur Feuilleton-Debatte um den Autor Simon Strauß - Ist Romantik Rechts?
26.01.2018